“ „ War denn Friederike schön ? “ „ Na , ob die schön war ! Das will ich meinen … Du kennst sie ja , es ist die jetzige alte Frau Räthin Bauer . Man sieht freilich jetzt nichts mehr davon ; sie hat ein ebenso runzeliges Gesicht , wie ich auch – junge Springer , alte Stelzner – lautet das Sprüchwort ; aber damals , ja damals ! … Ich habe sie einmal gesehen , wie sie zu einer Hochzeit ging , und das habe ich mein Lebelang nicht vergessen können . Da hatte sie ein steifseidenes Kleid an , das war blau wie der Himmel ; es schleppte hinten lang nach und rauschte entsetzlich , und die ganze hohe Frisur war mit Rosen besteckt , frisch vom Stock , wie sie im Garten gewachsen waren . … Ach ja , ich weiß noch , dazumal war ’ s mit dem Leberecht nahe am Ende . Ich wollte ihm noch eine kleine Freude machen und setzte mich an sein Bett und erzählte ihm vom Hochzeitszug und von Werner ’ s Friederiken , die er doch so gut kannte – wie lustig und stolz sie ausgesehen hatte und was für ein stattlicher Herr sie führte . … Da machte er mir aber ein Paar Augen , die vergeß ’ ich in meinem ganzen Leben nicht – nachher steckte er den Kopf tief in ’ s Kissen , und am anderen Morgen ist er gestorben . Ich mein ’ immer , er hat da noch einmal an den vielen Aerger gedacht , den er mit dem bösen Jungen gehabt hat . “ Magdalene sah tiefbewegt auf die alte Frau , die so ahnungslos und ruhig erzählte , wie sie dem über Alles geliebten Bruder unwissend den letzten Todesstoß beigebracht hatte . Während ihrer Erzählung hatte die Alte die Brille aufgesetzt und einen schadhaften Strumpf auf die linke Hand gestülpt , dem sie wacker mit Nadel und Faden zusetzte . „ Die Friederike hat nachher den Rath Bauer geheirathet , “ fuhr die Seejungfer in ihren Mittheilungen fort , „ und es ist dazumal ein Gesperr in der Stadt gewesen über den vornehmen Bräutigam , daß kein Kaiser und kein König neben ihm auskommen konnte . Aber Hochmuth kommt vor dem Falle , und man soll den Tag nicht vor dein Abend loben . Der Herr Rath hat kein Geld in der Hand leiden können – es mußte Alles hinaus , und wie er gestorben ist , da war nichts mehr zu finden , und in der Friederike ihrem großen Geldkasten , da hielten die Mäuse Kirchtag … Dazu kam nun noch das Unglück , daß ihre Tochter im ersten Kindbett starb , und ihr Tochtermann , weil er schlechte Streiche gemacht hatte , davonging . Dazumal hat sie mich gedauert – aber alle das Schicksal hat sie nicht mürbe gemacht ; sie hielt sich strack und steif wie immer , und in den Trauerkleidern hat sie eben nicht anders ausgesehen , als vorher auch . “ „ Ihr Enkelkind , die Autonie , kenne ich wohl von der Schule her , “ sagte Magdalene , und um ihre Lippen glitt ein herber Zug . „ Sie saß immer so steif eingeschnürt in den tadellos gehaltenen Kleidern auf ihrem Platz , und ihr gelbes Haar war so glatt an die Schläfe gestrichen , daß es wie ein Spiegel glänzte . Sie that unendlich vornehm , so daß die anderen Kinder mit einer wahren Ehrfurcht zu ihr aufsahen … Ich haßte sie , denn sie hinterbrachte stets dem Lehrer die kleinsten Vergehen , die in der Classe vorkamen , und konnte so zufrieden lächeln , wenn recht harte Strafen zudictirt wurden . Es empörte mich , wenn sie uns auch noch als Muster eines wohlgesitteten Kindes vorgestellt wurde . “ „ Ja , Lenchen , das ist nun einmal der Welt Lauf . Zu meiner Zeit war ’ s gerade so , da waren die Rathstöchter auch immer die gescheidtesten und die besten – das muß wohl so in der Art liegen … Das kannst Du mir aber glauben , wenn die Frau Räthin ihren Bruderssohn , den jungen Herrn Werner , nicht hätte … “ Ein Klopfen an der Thür unterbrach sie , und viel eher hätte sie wohl des Himmels Einsturz erwartet , als das , was sie sah . Der junge Mann , dessen Name noch halb auf ihren Lippen schwebte , trat , sich tief unter der niedrigen Thür bückend , in das Stübchen und bat , nachdem er freundlich gegrüßt , um den Schlüssel zu der Liebfrauenkirche , den , wie er höre , die Jungfer Hartmann seit letzterer Zeit in Verwahrung habe . Die Seejungfer knixte und riß ihre gläsernen Augen weit auf ; das junge Mädchen aber schrie diesmal nicht , wie vor einigen Tagen auf dem Thurm ; sie machte auch keine Bewegung , um fortzulaufen – langsam erhob sich ihre schlanke Gestalt vom Stuhle , ja , es sah fast aus , als wüchse sie zusehends . Ihr Gesicht war schneeweiß geworden bis in die festgeschlossenen Lippen ; aber in ihren Augen , die sie auf den Eintretenden richtete , funkelte es wie ein zorniger Blitz . Während die Seejungfer in die anstoßende Kammer eilte , um den begehrten Schlüssel zu holen , näherte sich Werner Magdalenen . Die Abendsonne fiel in dem Augenblick auf seine Züge – sie waren wie von Marmor , so edel , fest , aber auch so ruhig und so kalt . Er schien das Zurückweisende in der ganzen Haltung des jungen Mädchens nicht zu bemerken und sagte höflich : „ Ich habe Sie neulich erschreckt , wie ich mit Bedauern sehen mußte . “ „ Ich hatte eben Herrliches geträumt und war nicht darauf vorbereitet , einen Menschen zu sehen . “ „ Es ist traurig , so unsanft geweckt zu werden . “ „ Ich bin mit Enttäuschungen vertraut , seit ich denken gelernt habe .