? « fragte die Schulmeisterin . » Na , wenn die Schulzin schon die Betten stopft und Wäsche nähen läßt , da ist doch kein Zweifel ! « Es fielen zwei schwere Tränen auf die schwarze Seide , die sich unter Maries Händen bauschte , und wer in ihr tief gesenktes bleiches Gesicht hätte blicken können , der würde bemerkt haben , daß hier ein schwerer Kampf gekämpft wurde ... Armes Kind ! ... Sie machte sich bittere Vorwürfe , daß sie in jener Mondnacht dem Liede Josephs gelauscht . Sie klagte sich an , weil sie allzuoft seine stattliche männliche Gestalt betrachtet hatte , als er zu Besuch im Dorfe war , und tief erglühend schalt sie sich , daß sie hinter die Hecke geschlüpft war , um nur seine Stimme zu hören , als er mit dem Schulzen an ihrem Gärtchen vorüberging . Er war damals dicht an der Laube stehengeblieben und hatte so schön und wahr gesprochen – jedes Wort war in ihrem Gedächtnis haften geblieben ... Ja , ja , sie hatte schwer gefehlt ; ohne diese Vergehen wäre es gewiß nicht so weit gekommen , so weit , daß sie unsäglich litt bei dem Gedanken , er werde die Margarete heimführen ... Das war die gerechte Strafe für ihre hochmütigen Gedanken ! ... Ach , sie war ja sogar so kindisch gewesen , sich einzubilden , er schaue öfter und bedeutungsvoll nach ihrem Fenster ... er , der schönste und reichste Bursch der ganzen Gegend , nach ihr , der armen Lehrerstochter , die mühsam den Unterhalt für sich und die Ihrigen mit der Nadel erwarb ... Wie hatte sie freudig gezittert , wenn er so stattlich zu Roß durch das Dorf gesprengt kam ! Wie fuhr es jäh und heiß durch ihr Herz , so daß ihr der Atem stockte , wenn sein erster Blick beim Herunterspringen vom Pferd feurig über ihr Haus glitt und das Fenster suchte , an welchem sie saß ... Das war nur zufällig gewesen – oh , der Törin ! ... Und daß er eines Tages , über die Kirchhofsmauer gebückt und verstohlen sich umsehend , die schönste Blüte von ihrem sorgfältig gepflegten Rosenstock abgebrochen und ins Knopfloch gesteckt hatte – wie konnte sie nur damals so eitel sein , diesen Raub günstig für sich zu deuten ! – Kam es nicht jeden Tag vor , daß die Burschen Hecken und Sträucher plünderten , um Hut und Rock zu schmücken ? Welchem Mädchen wäre es wohl eingefallen , einen Liebesbeweis in dieser Gewalttätigkeit zu erblicken ? ... Diese Gedanken jagten sich förmlich und verursachten dem armen Mädchen die bitterste Qual . Ihre Hände arbeiteten mechanisch fort , aber ihre Schläfen klopften fieberhaft ... Es trieb sie , sich an die Brust der Mutter zu werfen und sich dort auszuweinen ... Aber durfte sie so grausam sein , auf dies gramgebeugte Herz neuen Kummer zu laden ? ... Es half nichts , sie mußte ihr tiefes Weh allein tragen , und zum erstenmal in ihrem Leben sah sie sich gezwungen , die schwere Kunst zu üben , die eine glatte , ungetrübte Stirn , ein harmloses Lächeln verlangt , während das Herz in seinem Leide fast vergeht . An diesen Entschluß knüpfte sich noch der feste Vorsatz , niemand in der Welt solle je diese Demütigung ihres Herzens erfahren , am allerwenigsten aber der , dem sie , wenn auch ganz ohne seine Schuld , diesen schwersten Kampf ihres Lebens verdankte . Ihre Mutter trat zu ihr . Sie wollte schon jetzt ihre schwere Rolle beginnen und sah lächelnd auf – aber das war ein herzzerreißendes Lächeln , die zuckenden Lippen wollten sich nicht fügen . Rasch griff sie nach dem Notenblatt , das Frau Lindner auf das Nähtischchen legte . » Der Schullehrer schickt dir hier den Psalm « , sagte die Mutter , » den du morgen in der Kirche singen sollst . Du möchtest heute abend hinüberkommen zur Probe . « » Ich kann heute unmöglich singen , Mutter « , sagte Marie gepreßt . » Du weißt « , fügte sie verbessernd hinzu , » daß ich notwendig zu arbeiten habe ... Ich kann den Psalm übrigens ganz gut , denn ich habe ihn beim Vater oft gesungen – er wird auch ohne Probe gehen . « Und nun beugte sie sich auf ihre Arbeit und sprach kein Wort mehr , denn es wollte mit der Selbstbeherrschung doch nicht so gutgehen , wie sie gemeint hatte . Der erste Kirmsenmorgen war da , und zwar so klar und schön , wie man nach dem gestrigen ungestümen Wetter nicht hätte vermuten können . War es doch , als sammle der Herbst , wie ein unten liegender Streiter , noch einmal alle Kräfte , um mit einem Schlag dem Winter den Sieg zu entreißen . Der Himmel zeigte sich tiefblau und wolkenlos , und warmer Sonnenschein lag über den öden Fluren wie das letzte , verklärende Lächeln auf dem Antlitz eines Sterbenden . Auf den Dächern sonnten sich in Reih und Glied die Tauben , emsig bemüht , unter kokettem Gurren ihr Federkleid auszustäuben und blank zu machen , und nur selten wagte hier und da ein bissiger Hofhund die sonntägliche Stille belfernd zu unterbrechen . Vor den Türen lehnten die Burschen in weißen Hemdärmeln , und drin vor dem kleinen Spiegel legten die Jungfern die letzte Hand an den Kirmsenstaat oder steckten den mützengekrönten Kopf durch das niedere Fenster , spähend , ob vielleicht schon » Kamerädinnen « draußen auf und ab spazierten . Bald durchzitterte helles Glockengeläute die klare Morgenluft . Aus allen Häusern strömten die Kirchengänger , und von den Bergen stiegen die Bewohner der Filiale hernieder . Marie trat , das Gesangbuch in der Hand und begleitet von ihrer kleinen Schwester , ins Gärtchen . Vielleicht nennt es mancher Leser psychologisch unrichtig , wenn ich sage , » sie war taufrisch wie eine junge Rose « ; denn es ist althergebracht , daß die