, und ein langer grüner Schleier fiel über die kleine , flockenweiche und weiße Bettdecke ... Und am Nähtisch , auf dem Platze der sanften , schlanken Frau saß eine vierschrötige Person , mit dem bäurischen Kopftuch über dem dummdreisten , vollstrotzenden Gesicht und strickte an einem groben Strumpfe . Sie erhob sich nicht von ihrem Sitze , als der junge Herr eintrat , und fuhr fort , mit der Fußspitze die Wiege zu schwenken – sie war sich wohl bewußt , daß die Amme augenblicklich die Herrschende auf dem Klostergute sei . Felix hätte gern einen Blick durch den Schleier geworfen , um das Gesicht des kleinen , schlafenden Vetters zu sehen , allein der Anblick des Frauenzimmers auf dem Platze der verstorbenen Tante empörte und verletzte ihn . Er setzte sich schweigend an den Eßtisch und zog ein Lederetui aus der Tasche , das er öffnete , um ein zusammengeklapptes Eßbesteck von Silber herauszunehmen ... Das war das einzige von den Lucians herstammende Stück , das die erzürnte , unversöhnliche Frau aus dem Königsberger Hausstand mit heimgebracht hatte , das Patengeschenk des Großvaters , des längstverstorbenen Obersten Lucian , für seinen Enkel Felix , den er selbst aus der Taufe gehoben ... Das Etui war seitdem in der dunkelsten Ecke des Silberschrankes droben im Giebelzimmer verblieben . Bei seinem letzten längeren Aufenthalt auf dem Klostergute aber hatte der junge Eigentümer durch Zufall das geflissentlich verborgene großväterliche Geschenk entdeckt , er hatte es sofort mit heimlich aufjauchzendem Herzen wiedererkannt und , trotz des mütterlichen Protestes , als sein eigen reklamiert . Nun schob er das einfache , holzstielige Besteck des Hauses beiseite und legte das silberne auf die hingebreitete Serviette . In diesem Augenblick trat die Majorin ein . Sie trug ein gebratenes Hähnchen und den Gurkensalat auf einem Präsentierbrett und war eben im Begriff , einen gewärmten Teller vor ihren Sohn niederzusetzen , als ihr Blick auf das Silberbesteck fiel . Sie wurde dunkelrot im Gesicht und blieb regungslos stehen . » Nun , ist dir unser Eßzeug nicht blank oder stolz genug ? « fragte sie kurz , wie mit zugeschnürter Kehle . » Das nicht , Mama , « – versetzte der junge Mann und legte mit einem fast zärtlichen Gesichtsausdruck die Hand auf den Messergriff , der den großeingravierten Namen Lucian trug ; – » aber ich bin so glücklich , etwas aus der alten Zeit im Gebrauch zu haben – von diesem Andenken trenne ich mich nie ! ... Ich weiß noch genau , wie er aussah , mein schöner , stolzer Großpapa , obgleich ich nicht viel über vier Jahre alt gewesen bin , als er gestorben ist . Der Papa « – ein Schmettern und Klirren machte ihn emporfahren , zugleich erschrak er über sich selbst , denn zum erstenmal nach vieljähriger , von der strengen Mutter ihm auferlegten Selbstbeherrschung , war ihm wie unbewußt das teure , seinem Gedankengang so geläufige Wort » Papa « über die Lippen geschlüpft – und nun stand sie vor ihm , die Zürnende , mit funkelnden Augen ; aus dem eben noch rot überflammten Gesicht war jeder Blutstropfen gewichen , und die jäh aufzuckende Hand hatte unwillkürlich den Teller zu Boden geschleudert . Die Amme kreischte auf , und die Kinderstimme in der Wiege stimmte aus Leibeskräften mit ein . » Aber , Frau Majorin , wenn das jetzt der Herr Rat wüßte ! – Veitchen kann ja Krämpfe kriegen vor Schrecken ! « sagte die Amme in frech zurechtweisendem Ton und nahm das schreiende Kind aus dem Bettchen . Zum höchsten Erstaunen des Sohnes erwiderte die stolze , strenge Frau keine Silbe . Sie half den Schreihals beruhigen , dann raffte sie die Scherben von den Dielen auf und ging hinaus in die Küche . Felix wußte , wie heiß sein Onkel und auch seine familienstolze Mutter einen direkten Erben des Wolframschen Namens ersehnt hatten ; aber er ahnte doch nicht , welche Macht dieser kleine Junge im Wickelkissen auf dem Klostergute war . – Der junge Mann starrte mit einem heimlichen Schrecken nach dem borstigen , schwarzen Haarbüschel , der unter dem verschobenen Mützchen hervorkam . – Hätte die Frau Rätin , die ihre fünf kleinen Mädchen , eines wie das andere , mit kornblumenblauen Augen aus zarten Schneewittchengesichtern angesehen hatten , in ihr irdisches Heim zurückblicken können , sie wäre jedenfalls sehr betroffen gewesen über das zigeunerhafte Kerlchen , zu dem sich der mit ihrem Leben erkaufte Sohn entwickelte – ein braunes , faltig mageres Gesichtchen zwischen den weit abstehenden Ohren , und lange , dürre Fingerchen , die wie Spinnenfüße auf dem weißen Steckkissen krabbelten – das war der Erbe des Klostergutes ! » Schlaf , Kindlein , schlaf – schlaf sanfter als ein Graf ! « – sang die Amme in rucksenden Tönen . Sie ging am Eßtisch vorüber , und den Takt auf das Steckkissen patschend , stieß sie eine Tür auf und marschierte in die anschließende Stube . Das war das Geschäfts- und Arbeitszimmer des Herrn Rates – es tat sich auf wie ein weiter Saal , und sein mächtiges Bogenfenster ging auf den Vorderhof . Das Kind war still , und die Amme schlug drüben den Fensterflügel zurück und rief den draußen beschäftigten Knechten plumpe Witzworte zu – das war nun etwas ganz Unerhörtes auf dem Klostergute . So schlicht bürgerlich auch der Zuschnitt des gesamten Hausstandes war – das Gesinde wurde in strenger Zucht , in sklavischer Demut , fast wie Leibeigene , zu Füßen der Herrschaft niedergehalten ; die Wolframs verstanden es , sich in Respekt zu setzen . Die Majorin , die inzwischen wieder hereingekommen war und einen anderen Teller auf den Tisch gesetzt hatte , streifte mit einem Seitenblick das Fenster , an dem es so geräuschvoll zuging , aber sie sagte kein Wort . Die gleichmütige Ruhe , die ihr schönes Profil wieder angenommen hatte , erschien dem Sohne heute zum erstenmal unnatürlich und unheimlich – er wußte seit einigen Augenblicken ,