« Spielwut des Obersten geurteilt , und damit war das Tischtuch zwischen den beiden Familien zerschnitten gewesen . Nicht die geringste Beziehung hatte mehr zwischen ihnen bestanden . Lothar und Joachim , die beiden gleichaltrigen Söhne der entzweiten Familien , waren sich geflissentlich aus dem Wege gegangen , und nur Klaudine und Beate , die Zöglinge ein und desselben Instituts , waren sich näher getreten . Da war es nun allerdings nicht aufgefallen , als sich plötzlich bei Hofe zwei Gerolds gegenüberstanden , die sich gegenseitig fremd und kühl gemustert hatten , Lothar , der elegante , schneidige Offizier , und Klaudine , die neue Hofdame . Übermütig , im stolzen Bewußtsein seines errungenen hohen Zieles , eine glänzende Erscheinung , umschmeichelt und verwöhnt von der gesamten Hofgesellschaft , hatte er sie eingeschüchtert . Es war kurz vor seiner Vermählung mit der Prinzessin Katharina , der Cousine des regierenden Herzogs , gewesen . Sie hatte es ihm verargt , daß er auf seiner schwindelnden Höhe über die Tochter der verarmten Hauptlinie seines Geschlechtes achtlos hinwegsah . Wie unglaublich schlicht und einfach erschien ihr in diesem Augenblick sein Geburtshaus da drüben neben dem Glanz des Ereignisses , welches der Höhepunkt seines beispiellosen Siegeslaufes gewesen war , neben seiner Vermählungsfeier . Sie sah ihn noch vor sich , wie er zur Seite der Prinzessin , umleuchtet von dem ganzen Glanz des Hofgepränges , an den Altarstufen stand . Das schmale Figürchen der Braut , in Spitzen und Atlasbauschen völlig versinkend , hatte sich an seine hohe Gestalt so fest angeschmiegt , als könne er ihr , dessen Besitz sie sich energisch erkämpft hatte , auch hier noch entrissen werden , und mit ihren funkelnden schwarzen Beerenaugen hatte sie unverwandt , in leidenschaftlicher Zärtlichkeit zu ihm aufgesehen . Und er ? Er war totenblaß gewesen , und sein bindendes » Ja « hatte rauh , fast heftig geklungen . Hatte ihn ein Schwindel auf dem Gipfel seines Glücks ergriffen , oder war ihm plötzlich ein Ahnen gekommen , daß er dieses Glück nicht lange besitzen werde , daß sich die liebstrahlenden , schwarzen Augen schon nach einem Jahre für immer schließen würden unter den Pinien und Palmen der Riviera , wohin der Reisewagen die Neuvermählten sofort nach der Trauung entführen sollte ? Ja , dort in ihrer prächtigen Villa war die Prinzessin gestorben , nachdem sie einem Töchterchen das Leben gegeben , und dort lebte der verlassene Mann noch , um das sehr schwächliche Kind in dem milden Klima zu belassen , bis es erstarkt sein würde , wie man sagte , wohl aber auch , weil es ihm schwer werden mochte , den Schauplatz seines kurzen Glückes zu verlassen . In der Heimat war er nicht wieder gewesen , und das stille , einsame Haus dort drüben mochte er schwerlich wieder bewohnen , wenn er auch wieder zurückkam – und das war nur gut und wünschenswert für den Einsiedler im Eulenhaus . Klaudine bog sich lächelnd über die Brustwehr des Turmes und sah hinab in den Garten , der sich wie ein buntes Schachbrett mit seinen Blumen- und Gemüsebeeten drunten hinbreitete . » Eiapopai ! « sang die kleine Elisabeth . Sie trug ihre Wickelpuppe im rosa Kattunmäntelchen und trabte durch den Mittelweg des Gartens . Heinemann hatte ihr einen Maiblumenstrauß auf das Strohhütchen gesteckt , und Fräulein Lindenmeyer bewachte das kleine , seelenvergnügte Ding von der Laube aus , wo sie für Heinemann Spargelpfeifen pfundweise zusammenband . Der alte Gärtner verkaufte viel Gemüse und Blumen nach der nächsten kleinen Stadt , und der Ertrag gehörte ihm kraft der testamentarischen Verfügung seiner verstorbenen Herrin . Er kam eben mit einem Armvoll kleingespaltenen Holzes von den Ruinen her , und drunten durch die offene Glastür der Wohnstube klang die tiefe Brummstimme der großen Wanduhr herauf und schlug elfmal an . Es war Zeit , an den Herd zu treten . » Arbeit schändet nicht ! « sagte Heinemann bald darauf in der Küche mit einem Seitenblick nach der rußigen Pfanne , welche Klaudine auf den Herd stellte . » Nein , ganz und gar nicht , und ein paar Rußfleckchen verschimpfieren feine Finger auch nicht , so wenig wie es an meinen weißen Narzissen kleben bleibt , daß sie aus der schwarzen Erde gekrochen sind . Aber so vom Herzogshofe weg geradewegs ans Küchenfeuer , just so , als sollten meine schönen Gloxinien auf einmal im Holzstall oder auf dem Hühnerhofe kampieren , ach , die armen Dinger ! – Dazu gehört was , es würgt mir an der Kehle , wenn ich die Plackerei so mit ansehe . Ja , wenn es noch sein müßte ! Aber es muß nicht sein , absolut nicht – das weiß ich besser ! Und Sparen ist auch eine schöne Sache , ei ja ! Ich jage ja meine paar Pfennig auch nicht durch die Gurgel , Gott bewahre ! Aber alles was recht ist , gnädiges Fräulein ! « Er warf einen schelmischen Blick auf das dünne Butterscheibchen , das Klaudine in die Pfanne gelegt hatte , um ein paar Tauben zu braten . » Das ist ja wie für ' nen Kartäuser ! « Er schüttelte den Kopf . » Nein , so knapp braucht ' s bei uns doch nicht herzugehen , so knapp nicht ! Wir haben mehr , als Sie denken , gnädiges Fräulein ! « Er sagte das letztere auffallend langsam , mit nachdrücklicher Betonung . Die junge Dame sah mit großen Augen nach ihm hin . » Sie haben wohl einen Schatz gefunden , Heinemann ? « fragte sie lächelnd . » Je nun , wie man ' s nimmt « , meinte er den Kopf wiegend , und um seine Augenwinkel erschienen zahllose Fältchen , aus denen etwas wie verheimlichtes Glück lachte . » Gold und Silber freilich nicht – du lieber Gott , blind könnte sich der Mensch in dem Trümmerhaufen gucken und fände doch nicht das kleinste Flinkerchen ! Nein , damit ist ' s nichts