der alte Pavillon fallen sollte , wie Dorte behauptete . Wie oft war sie früher durch dasselbe geklettert , um mit den Kindern der Familie zu spielen , welche damals die angrenzende Besitzung gemietet hatte . Es war ja so spät , gesehen wurde sie sicher nicht mehr , auch lag der Pavillon im Schatten . Der Fensterflügel war offenbar nicht mehr berührt worden , seit sie ihn zum letzten Mal geschlossen hatte , denn er war eingerostet , wie auch der Riegel an der Jalousie . Endlich schob sie vorsichtig den Laden zurück . Da lag es vor ihr , das mondbeglänzte Schloß des Blaubarts , und all jener bestrickende , geheimnißvolle Zauber , hinter welchem in dem schauerlichen Märchen Blutströme rieseln , er stieg auch hier aus fremdartigen Blütenkelchen und webte um die glitzernden Wassergarben , die himmelan sprangen und als silberner Duft wieder herniederstäubten . Dort aus dämmerndem Gebüsch leuchtete ein weißes Marmorbild ; der schlanke Frauenleib streckte die Arme gen Himmel , als suche er sich angstvoll den Umarmungen des Epheu zu entziehen , der das Piedestal umstrickte . Das Mondlicht schwamm in Millionen zitternder Funken auf der bewegten Wasserfläche der Bassins , aber es lag auch voll und beharrlich auf den Spiegelscheiben der hohen Fenster ; es blickte ungestraft durch die seidenen Gardinen in das Geheimniß des Hauses und lächelte wohl in die zwei schönen Augen , von denen Niemand wußte , ob sie weinten oder in Glück strahlten … Oder wußten es die Fontainen , die fort und fort rauschten und flüsterten ? die buntfarbigen Blumenhäupter am Wege , deren verschlossener Mund das Rätsel behütete ? Vielleicht streifte der leichte Fuß der eifersüchtig Bewachten an ihnen vorüber und sie blickten hinauf in das gesenkte Auge … Lilli hatte mechanisch den Laden immer weiter zurückgeschoben . An ihre Schulter legten sich riesige Aristolochia-Blätter , die zum Teil die Rückwand des Pavillons bedeckten und in deren grünen Schalen die letzten Tropfen des Gewitterregens rollten und blitzten , und da huschte es von den Zweigen des Baumes , den der Laden berührt hatte ; ein aufgescheuchter Pfau flog auf die Erde nieder und schritt , das wundervolle Gefieder ausbreitend , majestätisch und geräuschlos über den mondbeleuchteten Rasenplatz . Wohl fluteten betäubende Duftströme durch die Lüfte , wohl rauschten die Springbrunnen und der schimmernde Vogel durchirrte lebend und atmend den Garten , und doch schien das Alles so geisterhaft und wesenlos , als müsse es , durch einen Zauberspruch berührt , sofort verschwinden . Und jetzt hob die Melodie im Turmzimmer von Neuem an . Lilli setzte sich auf die Fensterbrüstung , legte die gefalteten Hände auf die Kniee und blickte wie berauscht in die abgeschlossene fremdartige Welt hinein … Aber schien es nicht , als sei die Marmorstatue plötzlich vom Piedestal herabgestiegen und wandele durch den stillen Laubgang ? Nein , die weißen , kalten Arme dort streckten sich fort und fort unbeweglich in die Luft , und der Mondstrahl und die laue Nachtluft glitten erfolglos über das starre Steingesicht ! In jenem Wesen jedoch , das immer näher kam , pulsirte Leben – ein Seufzer schwebte zu Lilli hinüber . Das war sicher das schöne , junge Weib des Blaubartes . Es hemmte einen Augenblick seine Schritte und lauschte dem Adagio . Es war eine hohe , fast königliche Gestalt , aber das duftige , langherabfallende Gewand floß um überaus zarte , schlanke Formen . Die rechte Hand lag unter dem Busen , als wolle sie das stürmisch bewegte Herz beschwichtigen , während der linke Arm nachlässig an der Seite niederhing . In dieser Haltung lag eine unbeschreibliche Anmuth , aber auch etwas von der Hingebung und Hülflosigkeit der Trauerweide , die ihre schwachen Zweige zu Boden sinken läßt . Sicherlich flossen in diesem Augenblick Thränen über das tiefgesenkte Antlitz ; welche Form , welchen Ausdruck hatten diese Züge , die sich , wie es schien , selbst der Mondbeleuchtung zu entziehen suchten ? Das ließ sich nicht bestimmen ; ein schwarzer Schleier fiel wie eine dunkle Mähne vom Haupt über den Nacken und zu beiden Seiten nieder und verdeckte das Gesicht . In Lilli ’ s Kopfe wirbelten noch einen Moment Märchen und Wirklichkeit durcheinander ; sie fühlte instinctmäßig , daß sie um keinen Preis gesehen werden dürfe , und versuchte , geräuschlos vom Fensterbret herniederzugleiten ; allein ihr Blick heftete sich immer wieder wie gebannt an die Erscheinung da drüben … Warum , wenn sie sich elend und unglücklich fühlte , entfloh die Gefangene nicht ? Ueber den Zaun zu klettern und in Tante Bärbchens Garten und Schutz zu flüchten , das wäre nach Lilli ’ s Ansicht durchaus kein unausführbares Wagestück gewesen , sie selbst hätte jedenfalls weit Größeres unternommen , um jenem Tyrannen dort in dem Hause Trotz zu bieten … lieber sterben , als in solcher Gefangenschaft leben ! Daß jenes gebeugte Weib sein Joch möglicherweise freiwillig trug , weil es seinen Kerkermeister liebte , das fiel Lilli nicht im Entferntesten ein ; sie hatte keine Ahnung von den Widersprüchen und Seltsamkeiten der Liebe , einfach darum , weil ihr dies Gefühl noch gänzlich fern lag . Ihr Herz wallte auf bei dem Gedanken , jener Unglücklichen vielleicht beistehen und ihr helfen zu können , und deshalb verließ sie das Fenster nicht , sondern bog ihr wunderfeines Köpfchen voll heldenmütiger Entschlüsse weit hinaus und ließ ihre leichte Gestalt , die wie ein schaukelndes Elfenkind aus den breitblätterigen Schlingpflanzen auftauchte , vom Mondschein voll beleuchten … Ein markerschütternder Schrei bebte in diesem Augenblick durch die Lüfte . Die Fremde riß den Schleier über das Gesicht , hielt ihn mit gekreuzten Händen auf der Brust fest und floh wie gehetzt querfeldein über den Rasenplatz und die äußere Steintreppe des Hauses hinauf . Eine nach der Terrasse mündende Tür wurde von innen aufgerissen , und von dem Licht mehrerer Lampen grell überstrahlt , erschien der Neger auf der Schwelle . Die Dame brach neben ihm fast zusammen ; aber sie raffte sich wieder auf