umzuwandeln . Nach dem Erkerzimmer zurückkehrend , zog Herr Markus im Vorübergehen einen oberen unverschlossenen Kommodenkasten auf . Ein sauber zusammengefaltetes Kantentuch lag darin und daneben ein großer , grünseidener Strickbeutel , aus dessen halbzugezogener Öffnung dürre Pflanzenstengel hervorstarrten . Das waren wohl die letzten Kräuter gewesen , welche die Heimgegangene im todbringenden Zugwind auf dem Berggipfel gepflückt hatte . Die zusammengerollten Blätter stoben knisternd zu Boden , als der junge Mann den Beutel ergriff und den Bandverschluß aufzog . Neben dem Kräuterwerk machten ein chirurgisches Besteck , ein Essenzfläschchen und ein vielbenutztes Merkbuch den gesamten Inhalt aus . Mit etwas zaghaftem Finger öffnete Herr Markus die Schließen des kleinen Buches . Hin und wieder lagen getrocknete Pflanzen zwischen den Blättern , und Notizen in vollkommen korrektem Latein waren dahinter geschrieben . Rezepte , Anmerkungen bezüglich der Landwirtschaft und des Hauswesens , Betrachtungen , auch verschiedene Briefanfänge wechselten auf den Blattseiten miteinander ab . Das Buch war offenbar ihr steter Begleiter auf einsamen Wegen gewesen , in welchem sie alles niedergelegt hatte , was ihr augenblicklich durch den Kopf gegangen war – ein seltsames Merkbüchlein , aus welchem der abgeschiedene Geist in all seinen Spiegelungen ungeschminkt und unverfälscht sprach , wie es vielleicht kaum Blick und Stimme im Leben getan . Der Strickbeutel wurde pietätvoll an seinen Platz zurückgelegt , – mit dem Büchlein aber setzte sich Herr Markus in den Erker hinter das Arbeitstischchen der Verstorbenen , um gespannt weiterzublättern ... Was mochten wohl die letzten Gedanken der seltenen Frau gewesen sein , ehe sie sich auf das Sterbebett gelegt hatte ? – Eine mit zierlich winzigen Buchstaben bedeckte Seite , – und nach ihr kamen die letzten weißen , unberührten Blätter ! ... Es stand da : » Nach gewissenhaftem Erwägen habe ich mich doch noch entschlossen zu testieren , – nicht bezüglich der gesamten Hinterlassenschaft meines verstorbenen Mannes – Sie wissen ja , daß ich mir darüber das Recht der freien Verfügung nie selbst zugestanden habe , im Gegenteil mich nur als Verwalterin derselben bis zu meinem Tode ansehe . Anders verhält es sich mit dem Vorwerk . Es war das erste Geburtstagsgeschenk meines Verlobten für mich ; ich bezog während meines Ehelebens aus dem Ertrag mein Nadelgeld und die Armenunterstützungen , die ich mir gestatten durfte , und habe auch eine kleine Sparsumme , eine Hypothek auf dem Tillröder Gasthof , erübrigt . Darüber kann und will ich mit gutem Gewissen verfügen ... Möglich , daß ich früher sterbe , als meine unglückliche Freundin auf dem Vorwerk – in dem Falle würde sie , ohne eine letztwillige Verfügung meinerseits , der schrecklichsten Not preisgegeben sein . Freilich mit dem Prasser , dem Amtmann , und seiner unbezwinglichen Neigung zum Vergeuden will ich nichts zu schaffen haben ; aber auch der Frau darf ich das Vorwerk nicht zuschreiben lassen , wenn ich nicht will , daß dieser letzte Notanker sofort in unnütze Dinge und Schlemmereien umgesetzt werde ; sie ist zu schwach ihrem Manne gegenüber – ein Blatt im Winde ! – Was meinen Sie dazu , wenn ich Agnes Franz , die Nichte , als Erbin einsetze ? – Kommen Sie doch in den nächsten Tagen in den Hirschwinkel , notabene nicht ohne die gesetzlichen zwei Zeugen – « Dieser Briefentwurf war jedenfalls an den Rechtsbeistand der Verstorbenen gerichtet . Vielleicht war sie auf ihrem letzten botanischen Streifzug zuerst auf dem Vorwerk eingekehrt , und irgend ein Vorkommnis dort hatte sie veranlaßt , noch unterwegs die Zuschrift an den Anwalt zu entwerfen – die Abschrift hatte der Tod verhindert . Herr Markus klappte das Buch zu und steckte es sorglich in die Brusttasche ... Das war ja eine merkwürdige Entdeckung , eine ungeahnte Wandlung , die ihm eine Mission aufdrang ! ... Sein Gesicht verfinsterte sich in ausgesprochenem Widerwillen . Die selige Frau Oberforstmeisterin hatte nichts mit dem Prasser , dem Amtmann , zu schaffen haben wollen – nun denn , ihr Erbe fühlte ebensowenig den Trieb , in irgendeine Beziehung zu der Amtmannsnichte , » dem Erziehungsfräulein « , zu treten ! Er sah sie schon im Geiste , die wohlgepflegten weißen Hände , die so anmutig vor Männeraugen zu spielen verstanden ; er überschlug das bißchen Französisch , einige gewagte Bleistiftzeichnungen , die Mondscheinsonate und ein Duldergesicht mit kokett niedergeschlagenen Augen – lauter Dinge , aus denen sich ein solch oberflächliches Erzieherinnenpersönchen in seinen Augen zusammenzusetzen pflegte ! ... Lange nach dem Tode seiner Mutter hatte sich der Vater noch einmal verheiratet . Aus dieser Ehe war ein Töchterchen da , ein reizendes kleines Mädchen , das der » große « Bruder vergötterte . Seine Stiefmutter , die seinem Hauswesen vorstand , glaubte ohne eine Stütze in der Erziehung des Wildfanges nicht auskommen zu können , und so war der enge Familienkreis seit vier Jahren durch eine Erzieherin erweitert . Aber schon dreimal in dieser Zeit war man gezwungen gewesen , mit den jungen Damen zu wechseln , weil schließlich stets das Bestreben , selbst Herrin in der Markusschen Villa zu werden , alle anderen Leistungen weit überflügelt hatte . Ein grimmer Spott zuckte um seine Lippen . Ei ja – das hätte ihm gefehlt , sich um seiner schönen Häuslichkeit willen heiraten zu lassen ! – Unwillkürlich suchte sein Blick das Frauenbild an der Wand – das anziehende Wesen dort hatte mit jener Art nichts gemein . Also nur als die Verwalterin im Hirschwinkel hatte sie sich während ihrer Witwenzeit angesehen ? – Sie hatte das Erbe für den Sohn des mißachteten » Schlossers « in unentwegtem Rechtsgefühl behütet und gemehrt , ob man auch ihre Hand tiefverletzten Stolzes zurückgestoßen ? Ein charaktervolles Weib , eine starke Seele war die zarte , schlanke Lilie gewesen , die aus dem Goldrahmen der blonden Locken in bräutlicher Liebesdemut zu ihm herübersah – das Herz schwoll ihm in einem wunderlichen Sehnsuchtsgefühl . – Was , sentimental ? – Er schüttelte die » närrische « Anwandlung sofort wie einen Krankheitsstoff von sich . » Sie haben mich