möglich ist , oder ich würde die Einsamkeit nicht aufgesucht haben . Das verkohlende Holz knistert auf dem glühenden Aschenhaufen und verbreitet eine angenehme Wärme in meiner wenig umfangreichen Hütte ; die junge Mandanenwaise arbeitet mit einer für ihre Jahre ungewöhnlichen Fertigkeit an weichen Mokasins , und zu ihren Füßen spielt ein gezähmter Waschbär gar anmuthig mit einer Büchsenkugel . Ich selbst aber sitze vor einem Felsblock und mit leisem , schnarrendem Geräusch fliegt die Feder über das Papier . Wie merkwürdig die Buchstaben sich zu Worten , die Worte sich zu Gedanken und Sätzen aneinander reihen ! Lange , lange ist es her , seit ich zum letzten Male schrieb , so lange in der That , daß ich schon befürchtete , das Schreiben verlernt zu haben . Doch wie ich sehe , daß es mir noch gelingt , meine Gedanken festzubannen , stürmen auch die Bilder der Vergangenheit mit fast erdrückender Wucht auf mich ein , so daß ich sie kaum von einander zu scheiden und zu ordnen vermag . Mögen die Bilder aber eine Färbung tragen , welche sie wollen , bei allen tritt in den Vordergrund der erste Genosse meiner Jugend , der liebe , rebenbekränzte , alte Vater Rhein , der Rhein mit seinen anmuthigen Thälern und alterthümlichen Städten , mit seiner malerischen Felseinfassung und den grauen Ritterburgen , der Rhein endlich mit seinen schönen Sagen und den edlen Weinen , und vor Allem mit der heiteren , warmherzigen Bevölkerung , welche den majestätischen Strom mit Stolz ihren Vater nennt . Ja , am Rhein bin ich geboren , und zwar an einem Punkte , der sich , hinsichtlich seiner romantischen Schönheit , kühn mit allen hervorragenden Stellen seiner Ufer in einen Vergleich einlassen darf . Weß Kind ich sei und wo meine Wiege einst stand , wenn ich überhaupt je in meinem Leben gewiegt wurde , dürfte kaum in meiner Erzählung von Wichtigkeit sein . Ebenso bieten meine glücklichen Kinderjahre nichts , was sie vor der Jugendzeit anderer Kinder besonders auszeichnete . Ich war einziger Sohn meiner Eltern , liebte , wie andere Knaben meines Alters , die Freistunden mehr , als den Unterricht , hielt , ebenfalls wie andere Knaben , die Aepfel in den Gärten der Nachbarn für schmackhafter , als die im eigenen Garten , und neigte , nicht minder wie andere Knaben , zu der Ueberzeugung hin , daß es dringend geboten sei , den vom Markt heimkehrenden Bauerfrauen angezündete Schwärmer in die auf ihren Köpfen schwankenden Körbe zu werfen und demnächst davon zu laufen , – in den Dämmerungsstunden an den Klingeln der Herren Präceptores zu reißen , oder auch das Taschengeld für schlechte Cigarren hinzugeben und mich in eine höchst unbehagliche Stimmung hineinzurauchen . Ich war also , wie die meisten Knaben , keiner von den besten , keiner von den schlechtesten . Es prägte sich dies bereits auf der Schule sehr scharf aus , indem ich keineswegs für die letzten Bänke schwärmte , aber auch kameradschaftlichen Sinn genug besaß , nicht durch angestrengtes Hinarbeiten auf den Primusplatz mir ein gewisses Uebergewicht über meine Mitschüler anmaßen zu wollen . Die Bezeichnung » ziemlich gut « erschien mir als vollkommen genügend , und ich glaube nicht zu irren , wenn ich behaupte , daß ich das Abiturienten-Examen ziemlich gut bestand und ziemlich gut vorbereitet zur Universität abging . Leider hatte ich meine Eltern frühzeitig verloren . Sie waren , als ich noch die untern Klassen des Gymnasiums besuchte , in dem kurzen Zeitraum von zwei Jahren gestorben , mir gerade so viel hinterlassend , wie nothdürftig ausreichte , um mit ruhigem Gewissen mich für das kostbare und vorläufig sehr wenig versprechende Studium der Rechtsgelahrtheit entscheiden zu dürfen . In meinen äußeren Verhältnissen bewirkte der Tod meines Vaters die in solchen Fällen fast gewöhnliche Veränderung : Ich erhielt einen Vormund , wurde in Pension gegeben , und zum Ueberfluß entdeckten alle Menschen , namentlich aber die Gattin meines Herrn Pensionsvorstehers , plötzlich in mir so viele Anlagen zum Bösen – was in solchen Fällen ebenfalls nicht ganz selten – und prophezeite man mir so oft die ehrenwerthe Carriere eines Rinaldo Rinaldini , daß ich selbst an mir hätte verzweifeln müssen , wenn ich nicht schon frühzeitig mir geschmeichelt hätte , mich und meine Neigungen selbst am besten und ohne alle fremde Einmischung beurtheilen zu können . Daß mein Urtheil wenigstens nicht weit von der späteren Wirklichkeit abwich , unterliegt jetzt keinem Zweifel mehr ; dagegen läßt sich nicht leugnen , daß diejenigen , die einst in mir einen vielversprechenden Wegelagerer , Kirchenschänder und blutgierigen Demagogen erblickten , recht oft Veranlassung gefunden und genommen haben , kopfschüttelnd den weisen Ausspruch zu thun : » Ich habe es vorhergesehen und gesagt , daß aus dem Jungen nie etwas werden würde . « Eine rühmliche Ausnahme von Denjenigen , die mich nie ansehen Konnten , ohne einen vorwurfsvollen Blick gen Himmel zu senden und mit einem erschütternden , frommen Stoßseufzer mich vollständig aufzugeben , bildete mein Vormund . Derselbe , ein alter Kriegskamerad meines Vaters und von diesem schon bei Lebzeiten zu meinem Vormunde bestimmt , fand Gefallen an meinem lebhaften Temperament und meinen tollen Streichen . Er schleuderte mir zwar gelegentlich die ganze Auswahl von Flüchen , welche er seit 1790 im Felde erlernt und höchst sorgfältig in seinem Gedächtniß aufgestapelt hatte , im grimmigsten Commandotone entgegen , dieselben klangen aber drohender , als sie gemeint waren und endeten gewöhnlich damit , daß er mir eigenhändig eine Pfeife stopfte , mich einen verdammten Sansculotten nannte – zu welcher Bezeichnung übrigens nicht der geringste Grund vorhanden war – und schließlich bei allen Granaten und Bomben , die seit Julius Cäsar ' s Zeiten jemals platzten , beschwor , daß er noch nie einen gesunden Knaben gesehen , der nicht hundertmal verdient habe , gehangen zu werden . Auf diese Weise sprach er sich gegen mich aus . Dagegen wurde es ihm nicht so leicht , sich » aus der Affaire zu ziehen ,