„ Ah , so ! “ sagte er jetzt mit einer kurzen Verbeugung ; „ das ist etwas Anderes , Sie sind eingeladen . Darf ich bitten ? “ mit diesen Worten führte er die willenlos Folgende zu den Damen und meldete : „ Fräulein von Hartwich ! “ Aller Augen richteten sich nun mit Blicken auf Ernestine , die ärger stachen und brannten , als vorher die Sonnen ­ strahlen . Die Leute dachten nicht daran , daß das kleine stille Wesen , das vor ihnen stand , eine Seele habe , so zart besaitet und so hoch gespannt , daß jeder Hauch von Verachtung , der darüber rauschte , einen schrillen Mißklang , einen schmerzlichen Aufruhr darin hervorbrachte ; sie be ­ trachteten nur mit der Rücksichtslosigkeit , welche gewöhn ­ lichen Kindern gegenüber ganz in der Ordnung ist , die schwarzen , schlaff herabhängenden Locken , die eingesunkenen Wangen , die altklugen , scharfen Züge des bleichen Gesichts , die finstern , tiefliegenden Augen mit dem scheuen , unsichern Blick , die bitter verzogenen , festgeschlossenen Lippen und endlich die abgezehrte Gestalt mit dem verwaschenen kurzen Kleidchen und den schmalen , aber langen Füßen und Händen . — Bei den meisten Menschen ruft ein häßliches Äußere mehr Widerwillen als Mitleid hervor und um dies vor sich selbst zu beschönigen , bilden sie sich dann ein , der arme Häßliche habe einen „ unangenehmen Aus ­ druck “ ; sie können ihm so einen Vorwurf aus seiner Häßlichkeit machen , als sei diese durch die Häßlichkeit der Seele selbst verschuldet worden , und ihr Widerwille ist scheinbar gerechtfertigt . In diesem Falle befanden sich nun Alle , die das seltsame Kind sahen . Es war , als sögen sie sämtlich mit den Augen das Gift ein , das Ernestinens kleinen Körper verzehrte , das Gift des Hasses , das ihr Vater und ihre ganze Umgebung in ihre junge Brust ge ­ träufelt hatten , und als wirke dieses Gift sogar in den Fremden auf sie zurück . Dies empfand die Kleine mit wunderbar sicherem Instinkt und wo einer jener lieblos forschenden Blicke hinfiel , da war es ihr , als werde ihr eine Sonde in eine Wunde gesenkt , und wenn sie auch nicht verstand , was die Damen sich französich zuflüsterten , sie hörte am Ton , in dem sie sprachen , daß es Spott und Mißfallen war . Sie ward sich plötzlich gegenständlich , wie in einem Spiegel ; sie betrachtete sich mit den Augen jener Leute und sie sah , was sie nie gesehen hatte , daß sie grenzenlos häßlich und linkisch , daß sie schlecht gekleidet sei und glühend stieg die Scham in ihr auf , die Scham über ihr armes unschuldiges Dasein . Sie hatte in der einzigen Minute vom Baume der Erkenntnis gegessen , einer Erkenntnis , die Tausende früher oder später aus dem Paradies kindlicher Unbefangenheit treibt : der des eigenen Unwerts ! Sie war in jenes Stadium getreten , wo der Mensch mit sich selbst zerfällt , weil er sich ungeliebt , unbegehrt sieht , wo er sich selbst verachtet , weil er sich verachtet sieht , sich selbst häßlich findet , weil er Niemandem gefallt . Was sie auch bisher gelitten , sie war immer noch mit sich im Frieden gewesen , jetzt auf einmal war sie in Feindschaft mit sich und der ganzen Welt geraten . Es schnürte ihr den Hals zu , — es schwindelte ihr und heiße Tränen quollen ihr aus den Augen . — Da kam aus dem Salon eine große stattliche Frau hinzu . „ Frau Staatsrätin “ , rief ihr eine Dame mit unverkennbar spöttischer Miene entgegen , „ Sie haben einen neuen Gast bekommen ! “ „ Das ist wohl die kleine Hartwich ? “ fragte die Wirtin und gab sich sichtlich Mühe , ihr Befremden über die Er ­ scheinung Ernestinens hinter einem gütigen Tone zu ver ­ bergen ; sie reichte ihr die Hand : „ Guten Tag , mein Kind , — es ist recht , daß Du kommst . Willst Du nicht eine Erfrischung zu Dir nehmen ? Du bist erhitzt , — Du wirst doch nicht den ganzen Weg zu Fuße gemacht haben ? — Ja ? ! o , das ist aber gar zu viel bei der Hitze ! — Ein so zartes Kind ! “ sagte sie mit einem Blick des Mitleids zu den Andern . Sie mischte nun schnell einen Teller Him ­ beeren mit Zucker und nötigte Ernestine , sich zu setzen und zu essen , — aber die Übrigen sahen sie immer noch so durchdringend an , — sie vermochte kein Glied zu regen , sie vermochte kaum , den Teller zu halten , wie sollte sie gar essen , während alle die Leute ihr zuschauten , sie hätte vor Zittern den Löffel nicht zum Munde führen können . Sie würgte die immer reicher aufquellenden Tränen hinunter , so gut es ging , denn sie schämte sich auch zu weinen und sagte leise : „ Ich möchte wieder nach Hause ! “ — „ Nach Hause ! “ rief die Staatsrätin , „ ei , das kann nicht sein , mein Kind , Du hast Dich ja noch nicht einmal ausgeruht und bist so angegriffen ! Komm ’ , liebe Kleine , ich bringe Dich in ein kühles Zimmer , wo Du Dich ein wenig erholen kannst , ehe Du mit den andern Kindern spielst ! “ Sie nahm Ernestinen an der Hand und führte sie in das Haus , durch mehrere prachtvolle Salons in ein kleineres , aber hohes Gemach mit geschlossenen Läden und grüner Damasteinrichtung , in dem es so still , so dunkel und frisch war , wie in einem Wald . Auch an Duft fehlte es nicht in dem kühlen Raum , denn auf dem Tisch stand ein Glaskörbchen mit den herrlichsten Rosen . Ernestine war sprachlos vor Bewunderung über all das Schöne , was sie hier umgab