beendeter Trauerzeit um sich verbreitete . Sie hatte versucht , sich einzureden , die Konzerte , Bälle und alles , was drum und dran hing , machten ihr wirklich Vergnügen , füllten ihr Herz aus . Aber ihr Rechtlichkeitsgefühl sträubte sich gegen die Selbstlüge . Sie begann zu grübeln über die Leerheit , die sie umgab , über dieses und jenes Gespräch , über das ganze Treiben um sie her und es wurde ihr immer unverständlicher . Sie begriff nicht , wie man sich so köstlich amüsieren konnte über Sachen , die ihr kaum beachtenswert erschienen . Die Kunst , das Leben tändelnd zu durchflattern , von allen seinen Reizen den Schaum zu schlürfen , wie Jenny es tat , verstand sie nicht , es waren eben alles Dinge , die sie nicht berührten . Die ausgesuchtesten Toiletten auf den Bällen zu tragen , auf Reisen in den teuersten Hotels zu wohnen , mit den feinsten Gesellschaften 38 zu glänzen – es lohnte sich doch der Mühe nicht , darüber nachzudenken . Einmal hatte sie gebeten , ob sie nicht wie sonst , als der Papa noch lebte , an den Abenden , die man allein verbrachte , vorlesen dürfe ? Sie war , nach erhaltener Erlaubnis , freudestrahlend mit dem » Ekkehard « herübergekommen , das letzte Buch , das der Vater ihr geschenkt hatte . Mit hochroten Wangen hatte sie gelesen und gelesen , als sie aber unversehens aufschaute , da saß Jenny und betrachtete angelegentlichst die neueste Nummer der Modenzeitung und Mama schlief . Sie hatte kein Wort gesagt , aber vorgelesen hatte sie nie wieder . Ein paar große Tränen rannen ihr plötzlich über die Wangen . Es war wieder eine jener Stunden über sie gekommen , in denen sie wie verzweifelnd die Arme nach einer Seele ausstreckte , die sie verstand , die sie ein bißchen , nur ein bißchen liebhatte , um ihrer selbst willen . Sie war so mißtrauisch , so unendlich mißtrauisch geworden , daß sie alles , was Fremde ihr an Freundlichkeiten entgegenbrachten , ihren äußeren Glücksgütern , der Stellung , die ihr Haus in der Gesellschaft einnahm , zuschrieb . Sie war sich völlig bewußt , daß sie schroff und unliebenswürdig sei bis zur Rücksichtslosigkeit . Die Menschen sollten nicht wissen , wie arm sie sich fühlte . Sie brauchten nicht zu ahnen , daß sie die Hände ineinander wand und fragte : » Was soll ich ? Wozu lebe ich ? « Sie hatte die Arbeitslust , 39 den Drang zu nützen , vom Vater geerbt – jeder tüchtige Mensch will schaffen , will beglücken und glücklich sein ! Auf ihr lag das Dasein wie eine Last , es war so ekel , so schal , so erfüllt von kleinlichen Interessen . Sie trocknete rasch eine Träne und wandte sich um , die Tür hatte sich geöffnet und eine alte Dienerin trat ein . » Sie vergessen wieder das Abendbrot , Fräulein Trudchen « , begann sie vorwurfsvoll . » Im Speisezimmer ist alles bereit . Ich habe den Tee eingegossen , damit er ein wenig verkühlt , aber nun müssen Sie auch kommen . « Das junge Mädchen dankte freundlich und folgte . Nach ganz kurzer Zeit kam sie zurück ; es schmeckte nicht so allein . Sie zündete die Lampe an und nahm ein Buch und las . Auf der Straße war es allmählich still geworden , von St. Benedikti schlug es Viertelstunde auf Viertelstunde , endlich elf Uhr . Unten fuhr ein Wagen vor – Mama kam nach Hause . Trudchen schloß das Buch , es war Schlafenszeit . Nun ging die Entreetür – jetzt Schritte vorüber an Trudchens Zimmer – nein , doch nicht – man kam herein . Frau Baumhagen trug noch das schwarze Spitzentuch über dem Kopf . Sie wollte ihre Tochter nur fragen , was denn das eigentlich für eine » gelungene Geschichte « in der Kirche heute nachmittag gewesen 40 sei ? Die Frau Oberprediger habe ihr von einem seltsamen Herrn Gevatter erzählt . Der Herr Pastor sei ganz erfüllt davon nach Hause gekommen . » Jenny blieb aus « , erklärte das junge Mädchen , » da meldete sich ein fremder Herr . « » Aber wie entsetzlich zudringlich ! « rief die erregte kleine Frau , » du hättest zurücktreten müssen , Kind – wer weiß , was es für ein Subjekt ist ! « » Ich kenne ihn nicht , Mama . Aber wer es auch sei , er hat menschlich gut gehandelt . Er dachte jedenfalls nicht , daß man seine Freundlichkeit anders auffassen könnte . « » Siehst du « , klagte Frau Baumhagen , » so ist es mit dir ! Dergleichen imponiert dir , Trudchen – wirklich , mir wird angst um dich ! Weißt du auch , daß Herr von Löwenberg – nun erinnere ich mich des Namens – entfernt verwandt ist mit dem herzoglichen Hause von A. ? Die Frau von S . . . . kennt die ganze Familie , es sollen alle scharmante Menschen sein . Aber ich will dir nicht zureden , ich sage dir dies nur so beiläufig . – Zu morgen hat die Stadträtin eingeladen , meldet mir Sophie eben . Man hat keinen Tag für sich – da kommst du wohl mit ? Es ist wegen des Stiftungsfestes . Ihr jungen Mädchen sollt etwas aufführen . Bei Jenny war noch Licht « fuhr sie fort , ohne sich durch das Schweigen der Tochter beirren zu lassen . » Artur ist mit Karl Röben zurückgekommen , der seine junge Frau abholen will und eben kam 41 Line mit Champagner aus dem Keller . – Ich bitte dich , erzähle nur niemand von der Kirchenszene heute , ich habe auch die Oberpredigerin darum gebeten . Gute Nacht , mein Kind – der Tee war natürlich wieder nicht zu genießen bei der guten S. « » Gute Nacht , Mama ! « erwiderte Trudchen . Sie nahm die Lampe