Um Gottes willen , holt ' s Mul , Olle , ick weit ja oll ! « zum Schweigen gebracht . Mutter Zeuglern pflegte sich hierauf zusammenzuducken wie ein scheues Tier , mit den zahnlosen Kiefern ihre Schweinefettschnitte zu zermalmen und im übrigen mucksstill zu sein . Sie wagte selbst dann keinen Einwand , wenn Kathrin , der unsere Gegenwart anfing lästig zu werden , zu dem Korbe der Mutter ging und , trotz des ängstlichen Hin- und Herrutschens der alten Frau , die Bindfaden der Kuchenschachtel aufknüpfte , die Vorräte untersuchte und endlich ein paar leckere Stücke an uns verteilte mit den Worten : » Nu makt aber , dat ir ut mine Küche kamt , « was wir auch , ohne der flehentlichen vorwurfsvollen Blicke der Beraubten zu achten , glückselig taten . In solchen Augenblicken fühlten wir die größte Sympathie für Kathrin . Gewöhnlich entspann sich nach unserem Rückzug ein Zank zwischen den beiden , der bis zur Treppe schallte , auf der wir saßen und unsere Kuchen verzehrten ; ein Zank , bei dem das Ungeheuer von Tochter ganz unbotmäßige Worte gebrauchte . 38 Aber wenn » Sterlettchen « nach solchem Sturm das Haus verließ , so hatte sie dennoch das freundlichste Lächeln auf dem alten , runzligen Gesicht und einen Dank an die Frau Oberförsterin für freundliche Aufnahme . Als wir Kinder einmal bei der dicken Kathrin vorstellig wurden wegen besserer Behandlung ihrer Mutter , stemmte sie die Arme in die breiten Hüften und schrie uns nicht schlecht an : ob wir denn jemals Haue statt Brot gekriegt hätten von unserer Frau Mutter ? Und ob wir denn unseren Vater schon mal aus der Gosse aufgelesen hätten ? Und ob das vielleicht unsere Mutter schon mal gesagt hätte : » Wenn man bloß die Last nicht wäre mit das Kind – aber reiche Leute ihre sterben , und unsereiner muß sich mit so was weiterplagen ! « Ja , ob das unsere Mutter schon mal gesagt hätte ? » Nee ? Nich wahr ? « Na , dann könnten wir auch nicht mitsprechen in solche Sachens und möchten gefälligst die Mäuler halten und uns freuen , daß wir keine Mutter hätten , die man immer was wollte , wenn sie käme , bloß zu Brannewin , zu weiter nichts als zu Brannewin , denn sie habe sich das – – – und hier machte Kathrin eine Bewegung , als setzte sie eine Flasche an den Mund und tränke – bei Vatern angewöhnt . Seit der Zeit sagten wir nichts mehr über ihr unkindliches Benehmen . Mehr herangewachsen , vermieden wir es sogar , ihr unser Beileid auszudrücken , als die » Olle « endlich vom Armenhause aus in einem sogenannten Nasenquetscher begraben wurde und die dicke Kathrin mit einer schwarzen Schürze und einem schwarzen Tuch über ihrem lila Sonntagskattunkleide ( eigentlich ihr Ballstaat ) zur Begräbnisfeier in die Stadt ging , sehr gefaßt und durchaus nicht mit einem Gesicht , wie Leidtragende es zu zeigen pflegen . Abends kam sie mit einem Bündel zurück , das enthielt ihre Erbschaft : ein bißchen Bettwäsche und Hemden und ein verbogenes silbernes Ringchen mit einem unechten Türkis , das vielleicht einmal im Leben der alten Kuchenfrau » das Glück « bedeutet hatte . Kathrins Augen waren rot gerändert , sie sagte aber gleich , das sei vom Winde , um nur ja nicht den Verdacht aufkommen 39 zu lassen , sie habe etwa der alten Mutter , deren sie sich immer geschämt , eine Träne nachgeweint . Meine Großmutter hatte es wohl längst aufgegeben , zartere Gefühle in ihr zu wecken ; sie war überhaupt auf die dicke Kathrin in letzter Zeit nicht gut zu sprechen , und an Schelte fehlte es wahrlich nicht , obgleich sie stets hinzusetzte : » In der Arbeit und Sauberkeit hat sie nicht ihresgleichen . « » Heiliges Kreuz – Donnerwetter , so schicke sie doch fort ! « pflegte Großvater zu poltern , wenn seine Anita ihm das gar so oft vorklagte . Aber dazu kam es nie , denn Kathrin pflegte bei einer Kündigung so widerhaarig zu sein , so viele Einwände gegen ihr Fortgehen vorzubringen , so exemplarisch gut zu braten und zu kochen , daß sie trotz aller ihrer ungeheuren Fehler und Absonderlichkeiten nach wie vor im Hause blieb . Sie war zu jener Zeit ein stattliches Weibsbild mit braunem gewelltem Scheitel , blauen Augen und einer großen üppigen Gestalt , die ihr den Namen der » dicken Kathrin « eintrug . Der Teint , trotz des Herdfeuers , zart ; die Arme , die aus den kurzen Ärmeln des bedruckten Spenzers guckten , rund und marmoriert wie die Schlackwürste . Das ganze Mädel leuchtete vor Sauberkeit , und zumeist dann , wenn gegen sechs Uhr Abends ihre Küche reingemacht war und sie irgendwelche Einkäufe im Dorfe zu besorgen hatte . Sie erfreute sich eines schier unglaublichen Erfolgs bei der Männerwelt , und » Poussieren « , wie sie sich ausdrückte , war ihr höchstes . Im Krug » Zum Würfel « tanzte sie jeden Sonntagnachmittag bis in die Nacht um drei Uhr früh , mit einer Unterbrechung von sieben bis neun Uhr , da sie um keinen Preis die Zubereitung des Abendessens für die Herrschaft versäumen mochte . Vormittags hatte sie bereits die Kirche 40 besucht , und trotzdem war in der Wirtschaft alles in tadellosester Ordnung . Sie stand eben immer vor Tau und Tag auf , ihrer Frömmigkeit und ihrer Vergnügungssucht zuliebe , und ihre Laune war grimmig , wenn die Erlaubnis zum Kirchgang oder zum Tanz einmal versagt wurde . Das Kirchengehen erlaubte die Großmutter ja immer sehr gern , aber die Leidenschaft für den Tanzboden , die , als Kathrin in die Zwanzig kam , immer stärker wurde , machte , daß sie ihrer Herrin mit der Zeit und trotz vorzüglicher Leistungen doch verleidet wurde . Und da Vorstellungen gegen ihren leichtsinnigen Wandel auf offenbare Verständnislosigkeit stießen , so wurde endlich beschlossen ,