an , wie ein Kind am lautesten schreit , so ihm bange wird . „ Meinest Du , ich werfe meine Freiheit aus Mitleid zum Fenster hinaus ? “ Aber kaum hatte ich es gesaget , so lag ich zu ihren Füßen , und weinend barg ich meinen Kopf in ihren Kleidern . Da beugte sie sich zu mir hernieder und zog mich an ihre Brust . „ Ich bin ein arm verwaist Mädchen , und Du – “ sie stockte , „ ich will es glauben , Heinrich , daß Du mich lieb hast ; es ist so schön zu glauben . “ flüsterte sie nun mit süßem , bebendem Klang ; „ vergieb mein thöricht Fragen ! Sieh , wenn ich es nicht glauben könnte , so wäre ich fort noch in dieser Nacht , und Du hättest mich niemalen wiedergesehen und nimmer gefunden . “ „ Und ich hätte Dich doch gefunden , Friederike , “ erwiderte ich und zog sie ungestüm auf das Bänklein nieder . „ und wärest Du zu jenem Stern dort oben geflohen – ich hätte Dich heruntergeholet . “ Sie schüttelte den Kopf und ließ erst jetzt die Zügel des Pferdes los , die sie noch immer gehalten . [ 611 ] „ Von dort holt man Keinen wieder , Heinrich “ , sagte sie , und zum ersten Male schlangen sich ihre Arme schier leidenschaftlich um meinen Hals , und ihr Haupt senkete sich an meine Brust . Und über uns rauschte leise der Nachtwind in den Zweigen der Linde ; bleicher zitterte das Mondlicht über dem spitzgiebligen Dache des Hauses , und dann und wann zuckte ein fernes Blitzen auf ; still war es in dem weiten Rund , nur ein verschlafen Rauschen des Quellbrunnens drüben , und der Schrei eines Hirschen im tiefen Walde ! – Nur Geduld , Johannes , das Ende kommt , kommt rascher als Du vermuthest . Sie blieb ein ernst und schweigend Weib , wie sie ein ernst und schweigend Mädchen gewesen ; keine Spur von dem süßen Getändel des Wonnemonds , und doch , ich war der glücklichste Mensch , Johannes ; ich meinete auch , es sei die Trauer um den Bruder und Vater , die sie stumm und ernst gemacht , und von Tag zu Tage hoffte ich auf ein Lächeln um ihren Mund – vergebens ! Mit einer frauenhaften Milde , die schier bedrückend wirkte , waltete sie neben mir , sodaß ich vor ihr hätt ' niederfallen mögen , um ihre Hände zu küssen , wär ' s mir nicht thöricht und läppisch erschienen . Ich sehe noch ihre schlanke Gestalt den Waldweg entlang kommen , wenn sie mir Abends bei meiner Rückkehr aus dem Forste entgegen zu schreiten pflegte ; sie ging , als schwebe sie über dem Boden , daß es mich schier dünkete , kein Grashälmchen biege sich unter ihrem Tritt ; um das blonde Haupt trug sie ein lose geknüpftes schwarzes Tüchlein aus Spitzen , und meistens hielt sie ein Sträußlein Waldblumen in der Hand , die sie emsig sammelte , bald hier , bald dort sich bückend , und Juno , meine alte Hühnerhündin , ging ihr klug zur Seiten . Später saß sie dann neben mir im traulichen Zimmer , geduldig horchend , wenn ich von des Tages Erlebnissen redete . So waren vier Wochen dahin ; da kam ich einst , wie immer mit dem sinkenden Abend , zurücke und spähete vergeblich den Weg entlang nach ihr , hatte einen Reiger geschossen und dachte , sie würde sich freuen an dem aschgrauen und weißen feinen Gefieder . Aber sie schritt heut nicht daher , ungeachtet es ein prächtiger Septemberabend war , und in Angst , es möge ihr etwas zugestoßen sein , ging ich rascher zu . Als ich nun näher gelangete und mich eben anschickte , die Stufen hinauf zu gehen in das Haus , da erreichte ein Schall mein Ohr , daß ich innehielt und lauschete ; er kam aus den jungen Tannen , hinter denen die Falknerei lag . Das Herz fing mir an zu klopfen ; so süße und silbern scholl itzo ein Lachen aus Frauenmund zu mir herüber , und dann ein lockend holdes Sprechen : „ Rupf ' an , mein Vöglein rupf ' an ! “ Rasch schritt ich über den Platz und bog um die Tannenwand ; da sah ich im purpurnen Schein der Abendsonne mein Weib ; sie hielt den Arm hochgestrecket , und mein weißer Edelfalk stund auf ihrer Hand , mit der Rechten aber bot sie ihm Atzung , und wieder scholl ihr silbern Lachen : „ Ei , Du trotziger Gesell ! Rupf ' an , mein Vöglein , rupf ' an ! “ Ich wußt ' nicht , ob ein lieblich Wunder geschehen , daß mein ernstes , stolzes Weib ein holdes lachendes Kind geworden ; rosenfarben erglühete das schöne Gesicht – ich weiß nicht , kam es vom Abendroth ? Aber so neu und süße war sie mir , daß ich stehen blieb , um sie anzuschauen , und schier den trutzigen Vogel beneidete . Ich sahe auch den Mann , der da nicht weit von mir an dem Stamme einer Buche lehnte , erst , als ich dicht an ihm vorüberschritt , um zu ihr zu gehen . Er war im tiefen Anschauen des lieblichen Frauenbildes verloren , aber nun wandte er sein Haupt , und im nächsten Angenblick hielt ich den heimgekehrten Jugendfreund in den Armen , und ein großes Freuen war über mich gekommen . Er aber machte sich hastig los und fragete , nach Friederiken hinüber deutend : „ Heinz , Heinz ! Was ist das ? “ Meine Augen folgeten seinen Blicken und ich sah , wie itzo die schlanke Frauengestalt langsam hinter den Tannen verschwand . Der Vogel saß einsam auf seinem Gestänge , trutzig in sich geducket . „ Was das ist , Christel ? Ei nun , mein Weib ,