Stimme , aus welcher der Uebermuth plötzlich so ganz geschwunden war , flüsterte ein leises „ Lebe wohl ! “ Auch Nelly weinte , und als seine Gestalt hinter den Häusern des Dorfes verschwand , da fragte sie ängstlich : „ Nicht wahr , Lieschen , Du bist dem Army nicht böse ? “ Aber Lieschen antwortete nicht ; sie schüttelte nur das Köpfchen und ging ganz stumm , ganz schweigsam neben der Freundin her . Die rosige Gluth des Himmels war verblichen , und nur ein [ 671 ] mattes Gelb färbte noch den Horizont ; die Fenster des alten Schlosses blickten wieder so traurig wie immer hinaus in das ewige Einerlei , und in den beiden jungen Herzen bangte die Wehmuth des Abschieds ; der Kuß , den sie sich am Gitterthor des Parkes zur Gute Nacht gaben , war inniger , viel inniger als sonst , und Lieschen war es , als könne sie die kleine Hand der Freundin heute gar nicht loslassen , und nun flüsterte sie noch einmal : „ Gute Nacht ! “ 3. Die Lumpenmühle , wie die Papierfabrik von jeher im ganzen Umkreise genannt wurde , lag reizend zwischen hohen alten Bäumen an dem rauschenden kleinen Flusse . Das stattliche Wohnhaus mit der vergoldeten Wetterfahne auf dem spitzen Schieferdache stammte noch aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts und hatte sich den Charakter der damaligen Zeit bewahrt . Die schwere eichene Hausthür mit dem blankgeputzten Messingklopfer war noch dieselbe ; die vielen kleinen Scheiben der Fenster hatte noch kein neumodisches Spiegelglas ersetzt , und die geschnitzte Inschrift auf dem hervorspringenden altersgrauen Balcon verkündete , daß dieses Haus „ zu Ehren Gottes Anno 1741 erbauet sei von Johann Friedrich Erving und seiner Ehefrauen Ernestine geborenen Eisenhardtin . “ Die alten Drachenköpfe an den vier Ecken des Daches waren noch immer bereit , das Regenwasser hinabzuspeien , und die grauen Sandsteinbänke neben der Hausthür unter den zwei großen Linden galten auch heute noch als der liebste Platz der Familie an schönen Sommerabenden . Ein großer Obstgarten umgab das Haus von drei Seiten mit schnurgeraden Wegen , einer schattigen Jasminlaube und vielen Johannis- und Stachelbeersträuchern ; dieser Garten stand unter der besondern Herrschaft der Muhme . In der ganzen Umgegend gab es nicht solch vortreffliche Aepfel- und Birnensorten wie auf der Lumpenmühle , und der Spargel auf den sorglich gepflegten Beeten der Muhme war geradezu berühmt wegen seiner Zartheit und außerordentlichen Größe . Wer hätte sich auch die Lumpenmühle denken können ohne die Alte ? Wie gemüthlich sah sich das gleich an , wenn man über den Mühlsteg schritt , der dem Wohnhause gegenüber lag ! Der alte Frauenkopf bog sich dann hinter den schneeweißen Vorhängen hervor , um den Gast mit ein Paar freundlichen hellen Augen willkommen zu heißen ; die Alte schob das Spinnrad bei Seite und war so hurtig , daß sie meist den Eintretenden schon in der stets offenen Hausthür empfangen konnte mit einem freundlichen „ Grüß Gott ! Wie wird sich Minnachen “ – das war die Hausfrau – oder „ Wie wird sich der Friedrich “ – das war der Hausherr – „ freuen ! “ und dann trippelte sie voran und öffnete die Thür , um den Gast in das behagliche Wohnzimmer treten zu lassen , und indem sie das gewichtige Schlüsselbund von ihrer Seite nahm , verschwand sie schleunigst in Küche und Speisekammer . Die alte Frau lebte schon von ihrem zehnten Jahre an in der Lumpenmühle ; sie war ein Waisenkind gewesen , und der Großvater des jetzigen Besitzers hatte das allzeit freundliche kleine Mädchen erzogen ; so war sie die Spielgefährtin seiner beiden Kinder geworden . Sie hatte diese Wohlthat durch Treue und stete Anhänglichkeit gelohnt , hatte gute und schlechte Tage mit der Familie getheilt und war nun schon lange ein liebes Mitglied des Hauses und geradezu unentbehrlich . Die Ervings hatten sich stets ausgezeichnet durch Güte und Wohlwollen den Armen gegenüber ; sie hatten die rechte Hand nie wissen lassen , was die linke that , und der Herr hatte es ihnen gesegnet , wie die Muhme so oft sagte ; sie waren die reichsten Leute weit und breit . Es hatte auf der Mühle allzeit Männer gegeben von echtem deutschem Schrot und Korn , deren Handschlag mehr galt als zehn Eide und die einen festen Willen mit Schaffensdrang und rastloser Thatkraft vereinten . Das „ Bete und arbeite “ war von jeher der Wahlspruch der Familie gewesen , der den Kindern von den Eltern eingeprägt wurde . Die Mühle besaß aber noch eine Berühmtheit , die beinahe sprüchwörtlich geworden , und das war die Schönheit der Frauen und Töchter . „ So sauber , als stammte sie von der Mühle “ , war gang und gäbe im Dorfe , wenn man einem hübschen Mädchen ein Compliment machen wollte , und die blauen Augen der schönen Müllerskinder hatten schon seit langen Zeiten gar manch Einem Kummer und Herzweh gemacht . Die alte Mühle hatte auch viel fröhliches Leben erblühen sehen , und immer war es echte , rechte , goldene Fröhlichkeit . Mit den Derenberg ’ s war immer ein nachbarliches , freundliches Einvernehmen gewesen ; es waren ja beiderseitig Naturen , die sich hochachten mußten , und wenn der jeweilige Gutsherr am Mühlbach entlang ritt und der jeweilige Müller saß unter der Linde mit seiner Frau , so entspann sich immer ein freundliches Gespräch . Auch in der Noth reichte man sich die Hände , und als die Kriegsjahre von Anno 1807 bis 1813 hereinbrachen , da konnten Blutsverwandte nicht treuer zusammenhalten , als die stolzen Derenberg ’ s und die Ervings von der Lumpenmühle . Als die Muhme in ’ s Haus kam , erblühten dem Besitzer zwei fröhliche Kinder . Das Mädchen war mit ihr in einem Alter , der Knabe um vier Jahre älter . Sie wuchs mit ihnen auf ; freilich hielt die Müllerin , eine Frau , die ebenso wirthschaftlich wie fromm war , streng darauf ,