sie dann herauf , um sich zu überzeugen , was wir trieben , oder es war ein Brief von Ruth angelangt , den sie uns vorlas . Das zierliche Billettchen enthielt gewöhnlich nur eine Beschreibung der letzten großen Festlichkeiten , eine Andeutung , wie sehr man gefeiert sei , und die Versicherung , daß sich die Schreiberin sehr glücklich fühle und den lieben Papa , die angebetete Mama und die süße Hanna grüßen lasse . An mich wurde nie ein Gruß bestellt . Hanna nahm dies mehr übel als ich , und wenn sie an Ruth schrieb , so stand gewöhnlich in dem Brief : » Gretchen ist mir wie eine Schwester , Gretchen habe ich mit jedem Tage lieber , wir leben sehr glücklich zusammen und sie läßt Dich grüßen . « Letzteres war dick unterstrichen , doch wurde nie Notiz davon genommen . Trotzdem lebte ich ein glückliches Leben , und wenn nicht der spitze Giebel meines väterlichen Hauses hinter den Wipfeln der alten Linden mahnend zu mir herübergeschaut hätte , ich würde geglaubt haben , Schloß Bendeleben sei meine angestammte Heimat . So war ein Jahr nach unserer Einsegnung vergangen , und da keine gütige Tante kam , um auch Hanna die Freuden der großen Stadt kosten zu lassen , so machte man nun Anstalt , ihr das zu bieten , was sich eben bieten ließ . Das Elternpaar Bendeleben fuhr mit uns zu Besuch bei der adligen Nachbarschaft , und man sprach allen Ernstes davon , im nächsten Winter die Kasinobälle unserer Stadt mitzumachen . Ruth war noch nicht wieder im Elternhause gewesen , sie wurde aber im kommenden Sommer erwartet , und man wollte dann die schöne Jahreszeit sehr vergnügt zubringen . Das Herbstmanöver sollte in unserer Gegend sein ; man machte sich auf viel Einquartierung gefaßt , und so war die Gelegenheit zu einigen Festen gegeben , die Hannas Eintritt in die Welt feiern sollten . Mir bangte vor dem Wiederkommen Ruths . Sie hatte sich stets als meine Gegnerin gezeigt , und jetzt , da sie erwachsen war , würde sie noch weniger ihre Abneigung gegen mich verbergen . Doch es kam anders . Es war ein wunderbar warmer Tag gegen Ende März , als wir , Hanna und ich , von einem Spazierritt heimkehrten . Der Himmel war mit leichten , grauen Wolken verhangen , die Bäume hatten schon dunkelbraune , dicke Knospen . Unser Weg führte an dem kleinen Fluß hinauf , der , bis zum Rande angeschwollen , sein lehmfarbenes , trübes Wasser glucksend und plätschernd an uns vorbeirauschen ließ . Die Weiden am Ufer hingen ihre gelben Blütenkätzchen beinahe hinein in die Wellen ; es war so milde Luft , daß man unwillkürlich den Blick zur Erde senkte , um nach blauen Veilchen zu spähen . Unsere Pferde gingen langsam nebeneinander . Wir sprachen nicht , Frühlingsluft macht müde . Der kleine Jockei hinter uns hatte schon ein paarmal recht vernehmlich gegähnt . Ich sah auf Hanna ; ihre hellblonden Haare quollen unter dem schwarzen Hütchen hervor und fielen in langen Locken auf das dunkle Reitkleid , der blaue Schleier umspielte liebkosend das rosige Gesichtchen , die kleinen Hände hielten nachlässig Zügel und Reitpeitsche , und die Augen schauten träumerisch in das Wasser . Auf einmal kam mir wieder der Gedanke , wie wird es sein , wenn Ruth zurückkehrt ? Ein banges Vorgefühl überfiel mich , es müsse hier auf einmal alles anders werden , man könne mir eines Tages andeuten , daß man mich nicht mehr gebrauche , daß die beiden Schwestern sich selbst genug seien . Ich sah mich schon im Geiste in der ungemütlichen Wohnstube in meines Vaters Hause , Kathrin mit ihrem Spinnrade am Fenster , auf den weißen Dielen knirschte der Sand unter meinen Füßen , die braune Kaffeekanne steht auf dem Tische – unwillkürlich faßte ich die Zügel straffer , mein Pferd tat einen kleinen Seitensprung . » Was machst du denn , Gretel ? « fragte mich Hanna , ganz erschreckt aus ihren Träumereien auffahrend . » Du siehst ja ganz blaß aus ? « » Oh , nichts , Hanna « , sagte ich . » Ich dachte nur eben daran , wie ich es möglich machen werde , ohne dich unten im Pfarrhause zu leben . Ich fürchte mich vor Ruth « , setzte ich hinzu , als mich Hanna verwundert anschaute . Sie beruhigte mich mit tausend Schmeicheleien , hielt mir vor , wie lieb sie mich , wie lieb mich ihre Eltern hätten , wie sie ohne mich nicht leben könne , und daß Ruth gewiß nicht lange in dieser Stille und Einsamkeit aushalten würde . » Du weißt gar nicht « , sagte sie , » wie lieb dich zum Beispiel Papa hat . Erst gestern , als du mit den Schneeglöckchen durch den Garten kamst , sagte er : » Wie hübsch die kleine Hexe geworden ist , die sticht mir wahrhaftig noch meine Töchter aus . « Ich mußte laut lachen und war beruhigt . Lange über etwas zu grübeln , war überhaupt nie mein Fall . Ich war das sorgloseste , leichtblütigste Geschöpf der Welt , und solche Anwandlungen , die mich traurig machten , hatte ich äußerst selten . Ich bog mich also zu Hanna hinüber , gab ihr lachend einen Kuß auf die Wange , setzte mein Pferd in Galopp und rief lachend zurück : » Mir nach ! Wer zuerst an der großen Freitreppe ist , soll König sein ! « Ich flog durch die breite Allee , mein Pferd , ein kleiner , schöner Rappe , brauchte nicht erst durch Zuruf ermuntert zu werden , er hörte hinter sich die Tritte von Hannas Pferd , in kürzester Zeit parierte ich an der Treppe . Der Baron stand unten auf der letzten Stufe , neben ihm ein fremder Herr , fast größer noch als der Baron , mit dunklen , blitzenden Augen , die mich ganz verwundert betrachteten , während