adressiert . » An dich , Mama . « » Lies nur « , sagte diese . » Nein , du selbst ; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen . « » Närrin « , lachte die Mutter und erbrach das Billet und las : » Meine gnädigste Frau . Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege gebessert , sondern auch die Luft . Alles in allem ein so schöner Tag , wie sie der April uns Hyperboreern nur selten gewährt . Ich werde vier Uhr mit meinem Wagen vor Ihrer Wohnung halten , um Sie und Fräulein Victoire zu einer Spazierfahrt abzuholen . Über das Ziel erwart ich Ihre Befehle . Wissen Sie doch , wie glücklich ich bin , Ihnen gehorchen zu können . Bitte Bescheid durch den Überbringer . Er ist gerade firm genug im Deutschen , um ein › Ja ‹ oder › Nein ‹ nicht zu verwechseln . Unter Gruß und Empfehlungen an meine liebe Freundin Victoire ( die zu größerer Sicherheit vielleicht eine Zeile schreibt ) Ihr Schach . « » Nun , Victoire , was lassen wir sagen ... ? « » Aber du kannst doch nicht ernsthaft fragen , Mama ? « » Nun denn also › ja ‹ . « Victoire hatte sich mittlerweile bereits an den Schreibtisch gesetzt , und ihre Feder kritzelte » Herzlichst akzeptiert , trotzdem die Ziele vorläufig im dunkeln bleiben . Aber ist der Entscheidungsmoment erst da , so wird er uns auch das Richtige wählen lassen . « Frau von Carayon las über Victoires Schulter fort . » Es klingt so vieldeutig « , sagte sie . » So will ich ein bloßes Ja schreiben , und du kontrasignierst . « » Nein ; laß es nur . « Und Victoire schloß das Blatt und gab es dem draußen wartenden Groom . Als sie vom Flur her in das Zimmer zurückkehrte , fand sie die Mama nachdenklich . » Ich liebe solche Pikanterien nicht , und am wenigsten solche Rätselsätze . « » Du dürftest sie auch nicht schreiben . Aber ich ? Ich darf alles . Und nun höre mich . Es muß etwas geschehen , Mama . Die Leute reden so viel , auch schon zu mir , und da Schach immer noch schweigt und du nicht sprechen darfst , so muß ich es tun statt eurer und euch verheiraten . Alles in der Welt kehrt sich einmal um . Sonst verheiraten Mütter ihre Tochter , hier liegt es anders , und ich verheirate dich . Er liebt dich und du liebst ihn . In den Jahren seid ihr gleich , und ihr werdet das schönste Paar sein , das seit Menschengedenken im Französischen Dom oder in der Dreifaltigkeitskirche getraut wurde . Du siehst , ich lasse dir wenigstens hinsichtlich der Prediger und der Kirche die Wahl ; mehr kann ich nicht tun in dieser Sache . Daß du mich mit in die Ehe bringst , ist nicht gut , aber auch nicht schlimm . Wo viel Licht ist , ist viel Schatten . « Frau von Carayons Auge wurde feucht . » Ach , meine süße Victoire , du siehst es anders , als es liegt . Ich will dich nicht mit Bekenntnissen überraschen , und in bloßen Andeutungen zu sprechen , wie du gelegentlich liebst , widerstreitet mir . Ich mag auch nicht philosophieren . Aber das laß dir sagen , es liegt alles vorgezeichnet in uns , und was Ursach scheint , ist meist schon wieder Wirkung und Folge . Glaube mir , deine kleine Hand wird das Band nicht knüpfen , das du knüpfen möchtest . Es geht nicht , es kann nicht sein . Ich weiß es besser . Und warum auch ? Zuletzt lieb ich doch eigentlich nur dich . « Ihr Gespräch wurde durch das Erscheinen einer alten Dame , Schwester des verstorbenen Herrn von Carayon , unterbrochen , die jeden Dienstag ein für allemal zu Mittag geladen war und unter » zu Mittag « pünktlicherweise zwölf Uhr verstand , trotzdem sie wußte , daß bei den Carayons erst um drei Uhr gegessen wurde . Tante Marguerite , das war ihr Name , war noch eine echte Koloniefranzösin , das heißt eine alte Dame , die das damalige , sich fast ausschließlich im Dativ bewegende Berlinisch mit geprüntem Munde sprach , das ü dem i vorzog , entweder » Kürschen « aß oder in die » Kürche « ging und ihre Rede selbstverständlich mit französischen Einschiebseln und Anredefloskeln garnierte . Sauber und altmodisch gekleidet , trug sie Sommer und Winter denselben kleinen Seidenmantel und hatte jene halbe Verwachsenheit , die damals bei den alten Koloniedamen so allgemein war , daß Victoire einmal als Kind gefragt hatte : » Wie kommt es nur , liebe Mama , daß fast alle Tanten so › ich weiß nicht wie ‹ sind ? « Und dabei hatte sie eine hohe Schulter gemacht . Zu dem Seidenmantel Tante Margueritens gehörten auch noch ein Paar seidene Handschuhe , die sie ganz besonders in Ehren hielt und immer erst auf dem obersten Treppenabsatz anzog . Ihre Mitteilungen , an denen sie ' s nie fehlen ließ , entbehrten all und jedes Interesses , am meisten aber dann , wenn sie , was sie sehr liebte , von hohen und höchsten Personen sprach . Ihre Spezialität waren die kleinen Prinzessinnen der königlichen Familie : la petite princesse Charlotte et la petite princesse Alexandrine , die sie gelegentlich in den Zimmern einer ihr befreundeten französischen Erzieherin sah und mit denen sie sich derartig liiert fühlte , daß , als eines Tages die Brandenburger-Tor-Wache beim Vorüberfahren von la princesse Alexandrine versäumt hatte , rechtzeitig ins Gewehr zu treten und die Trommel zu rühren , sie nicht nur das allgemeine Gefühl der Empörung teilte , sondern das Ereignis überhaupt ansah , als ob Berlin ein Erdbeben gehabt habe . Das war das Tantchen , das eben eintrat . Frau von Carayon ging ihr entgegen