Laternenschein , als sie neugierig herzurennt . Der Mann dreht sich um , sie riecht das Heu , sie zupft und frißt , der Mann geht weiter , sie zupft und frißt weiter , und so bringt er die Bestie wieder in den Käfig . Was meinst du , könntest du nicht deinen Daniel , wenn ihn der Hunger piesakt , auch mit ein bißchen Heu wieder kirre machen ? Denk mal drüber nach . « Jason Philipp lachte vergnügt und Zwanziger grinste . Dieser besaß in seinem Prinzipal eine Quelle des Witzes , und wenn er am Abend im » Bärleinhuter « oder im » gläsernen Himmel « beim Bier saß , ergötzte er die Zechgenossen mit Schimmelweisschen Geistesblüten und fand vielen Beifall . Ein magerer Greis , der Glacéhandschuhe und einen Zylinderhut trug , betrat den Laden . Es dämmerte , er hatte sich draußen vorsichtig umgesehen , nun ging er eilig auf Jason Philipp zu und sagte mit einer gebrochenen Fistelstimme : » Also , was ist ' s mit den Neuigkeiten ? Was haben wir Schönes ? « Er rieb sich die Hände und stierte unter dünnen , roten Lidern blöde vor sich hin . Es war der Graf Schlemm-Nottheim , ein Vetter des liberalen Parteihauptes , des Freiherrn von Auffenberg . » Stehe ganz zu Diensten , Herr Graf , « sagte Jason Philipp , stramm wie ein Unteroffizier , wenn er vom Hauptmann angesprochen wird . Er führte den Grafen in eine Ecke des Raums und sperrte einen schweren Eichenschrank auf . In diesem lagen die vom Staatsanwalt verbotenen erotischen Druckwerke , die nur unter der Hand und an verläßliche Personen verkauft werden konnten . Jason Philipp tuschelte , und der alte Graf wühlte mit gierigen Fingern in einem Bücherhaufen . 13 Im finstern Treppenhaus erklomm Marianne die steile Stiege und läutete vor einem Gitter . Sie mußte der Magd sagen , wer sie war , auch den Kindern mußte sie ihren Namen nennen . Ihre stadtfremde Höflichkeit erweckte bei den Kindern ein Gelächter . Die zwölfjährige Philippine tat hochmütig und wackelte beim Gehen mit den Hüften . Alle drei hatten den viereckigen Kopf der Mutter und eine käsige Gesichtsfarbe . Die Magd brachte das Köfferchen , dann kam auch Therese und half der Schwester beim Auspacken . Mit ihrer spitzen und lieblosen Stimme stellte sie viele Fragen , wartete aber nicht die Antwort ab , sondern berichtete von Heiraten , Entbindungen und Todesfällen , die sich in der Stadt ereignet hatten . Sie vermied es , dem Blick Mariannes zu begegnen , da sie sich Gedanken darüber machte , wie lange der Besuch der Schwester wohl dauern und welche Unkosten daraus entstehen würden . Von Daniel sprach sie nicht . Ihr Schweigen verurteilte ihn mehr als ihres Mannes bissige Reden es taten . Sie hielt unerschütterlich an beinahe religiösen Vorstellungen der Gehorsamspflicht der Kinder gegen die Eltern fest und traute Marianne nicht die Kraft zu , das Verbrechen an diesem heiligen Gebot zu ahnden . Als Marianne wieder allein war , setzte sie sich ans Fenster der Kammer und sah traurig auf den Fluß hinunter . Das gelbe Wasser glitt wellenlos dahin und umspülte die Mauern der gegenüberliegenden Häuser . Sie konnte die Museumsbrücke und die Fleischbrücke überschauen , und das Menschengewühl auf den Brücken beunruhigte sie . Sie ging auf die Straße und blieb am Kopf der Museumsbrücke stehen . Sie war der Meinung , jeder in der Stadt wohnende Mensch müsse einmal hier vorüberkommen . Ihr aufmerksamer Blick durchforschte alle Gesichter , und wo ihm eins entschlüpfte , verfolgte er die in den Abend schwindende Gestalt . Es kamen immer weniger Menschen , je später es wurde . Des Nachts lag sie wach und lauschte den dumpf klingenden Schritten der Spätlinge , und am andern Tag wanderte sie vom frühen Morgen bis in die Dämmerung straßauf , straßab . Was sie sah , machte ihr das Herz schwer , die Menschen erschienen ihr wie stumme Tiere , geplagt und böse , die engen Gassen raubten ihr den Atem und der Lärm benahm ihr die Sinne . Aber sie wurde nicht müde , zu suchen . Am fünften Tag kam sie erst gegen zehn Uhr abends nach Hause und Therese , die schon zu Bett gegangen war , schickte ihr einen Teller Linsensuppe . Während sie ihn hungrig auslöffelte , vernahm sie Schritte auf dem Flur , ein Klopfen an der Türe , und Jason Philipp trat ein . » Komm mal gleich mit mir , « war alles , was er sagte , aber sie begriff . Mit zitternden Händen warf sie ein Tuch um die Schultern , denn die Oktoberabende waren schon kalt , und folgte ihm schweigend . Sie gingen zur Adlergasse bergan , bogen in diese hinein , dann nach wenigen Schritten in ein schmales und finsteres Gäßchen zur Rechten . Über einem Tor hing eine Laterne , auf deren grünen Scheiben die Worte standen : » Zum Jammertal « . Grün beleuchtet war auch die steinerne Treppe , die in den Keller führte , die Fässer unten und der mit Bänken und Tischen versehene öde Gastraum . Eine sauer schmeckende Weinluft drang empor . Neben dem Eingang befand sich ein vergittertes Fenster . Dort machte Jason Philipp halt und winkte Marianne zu sich hin . An den langen Tischen drunten saß eine wunderliche Gesellschaft , junge Leute , wie man sie nirgends sonst in Häusern und nur selten auf den Straßen sieht . Die Not schien sie zusammengeworfen , die Nacht aus ihren Schlupfwinkeln gelockt zu haben ; Schiffbrüchige , die an verlassener Küste in eine Höhle geflohen sind . Sie hatten lächerlich bunte Krawatten und traurig fahle Mienen , und das grüne Licht ließ sie noch leichenhafter aussehen . Seit langem hatte kein Haarkünstler eines ihrer Häupter berührt , seit langem kein Schneider Hand an sie gelegt . So schienen sie in mehr als einem Betracht Verächter des Handwerks zu sein . Zwei alle Kerle saßen