Bestimmtheit sagen , daß sein Vorgänger , der andrer Meinung gewesen , sich notwendigerweise geirrt haben müsse . Hat aber einmal die erwähnte Iridektomie , die sich natürlich genauso an einem gesunden Auge wie an einem kranken ausführen läßt , stattgefunden , so kann man unmöglich mehr feststellen , ob früher wirklich grüner Star vorgelegen hat oder nicht . Und auf diese und noch andere Umstände hatte Dr. Wassory einen scheußlichen Plan aufgebaut . Unzählige Male - besonders an Frauen - konstatierte er grünen Star , wo harmlose Sehstörungen vorlagen , nur um zu einer Operation zu kommen , die ihm keine Mühe machte und viel Geld eintrug . Da endlich hatte er vollkommen Wehrlose in der Hand ; da gehörte zum Ausplündern auch keine Spur von Mut mehr ! Sehen Sie , Meister Pernath , da war das degenerierte Raubtier in jene Lebensbedingungen versetzt , wo es auch ohne Waffe und Kraft seine Opfer zerfleischen konnte . Ohne etwas aufs Spiel zu setzen ! - Begreifen Sie ? ! Ohne das geringste wagen zu müssen ! Durch eine Menge fauler Veröffentlichungen in Fachblättern hatte sich Dr. Wassory in den Ruf eines hervorragenden Spezialisten zu setzen verstanden und sogar seinen Kollegen , die viel zu arglos und anständig waren , um ihn zu durchschauen , Sand in die Augen zu streuen gewußt . Ein Strom von Patienten , die alle bei ihm Hilfe suchten , war die natürliche Folge . Kam nun jemand mit geringfügigen Sehstörungen zu ihm und ließ sich untersuchen , so ging Dr. Wassory sofort mit tückischer Planmäßigkeit zu Werke . Zuerst stellte er das übliche Krankenverhör an , notierte aber geschickt immer nur , um für alle Fälle gedeckt zu sein , jene Antworten , die eine Deutung auf grünen Star zuließen . Und vorsichtig sondierte er , ob nicht schon eine frühere Diagnose vorläge . Gesprächsweise ließ er einfließen , daß ein dringender Ruf aus dem Auslande behufs wichtiger wissenschaftlicher Maßnahmen an ihn ergangen sei und er daher schon morgen verreisen müsse . - Bei der Augenspiegelung mit elektrischen Lichtstrahlen , die er sodann vornahm , bereitete er dem Kranken absichtlich so viel Schmerzen wie möglich . Alles mit Vorbedacht ! Alles mit Vorbedacht ! Wenn das Verhör vorüber und die übliche bange Frage des Patienten , ob Grund zur Befürchtung vorhanden sei , erfolgt war , da tat Wassory seinen ersten Schachzug . Er setzte sich dem Kranken gegenüber , ließ eine Minute verstreichen und sprach dann gemessen und mit sonorer Stimme den Satz : » Erblindung beider Augen ist bereits in der allernächsten Zeit wohl unvermeidlich ! « - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Szene , die naturgemäß folgte , war entsetzlich . Oft fielen die Leute in Ohnmacht , weinten und schrien und warfen sich in wilder Verzweiflung zu Boden . Das Augenlicht verlieren , heißt alles verlieren . Und wenn der wiederum übliche Moment eintrat , wo das arme Opfer die Knie Dr. Wassorys umklammerte und flehte , ob es denn auf Gottes Erde gar keine Hilfe mehr gäbe , da tat die Bestie den zweiten Schachzug und verwandelte sich selbst in jenen - Gott , der helfen konnte ! Alles , alles in der Welt ist wie ein Schachzug , Meister Pernath ! - Schleunigste Operation , sagte Dr. Wassory dann nachdenklich , sei das einzige , was vielleicht Rettung bringen könne , und mit einer wilden , gierigen Eitelkeit , die plötzlich über ihn kam , erging er sich mit einem Redeschwall in weitschweifigem Ausmalen dieses und jenes Falles , die alle mit dem vorliegenden eine ungemein große Ähnlichkeit gehabt hätten , - wie unzählige Kranke ihm allein die Erhaltung des Augenlichts verdankten und dergleichen mehr . Er schwelgte förmlich in dem Gefühl , für eine Art höheren Wesens gehalten zu werden , in dessen Hände das Wohl und Wehe seines Mitmenschen gelegt ist . Das hilflose Opfer aber saß , das Herz voll brennender Fragen , gebrochen vor ihm , Angstschweiß auf der Stirne , und wagte ihm nicht einmal in die Rede zu fallen , aus Furcht : ihn - den einzigen , der noch Hilfe bringen konnte - zu erzürnen . Und mit den Worten , daß er zur Operation leider erst in einigen Monaten schreiten könne , wenn er von seiner Reise wieder zurück sei , schloß Dr. Wassory seine Rede . Hoffentlich - man solle in solchen Fällen immer das Beste hoffen - sei es dann nicht zu spät , sagte er . Natürlich sprangen dann die Kranken entsetzt auf , erklärten , daß sie unter gar keinen Umständen auch nur einen Tag länger warten wollten , und baten flehentlich um Rat , wer von den andern Augenärzten in der Stadt sonst wohl als Operateur in Betracht käme . Da war der Augenblick gekommen , wo Dr. Wassory den entscheidenden Schlag führte . Er ging in tiefem Nachdenken auf und ab , legte seine Stirn in Falten des Grams und lispelte schließlich bekümmert , ein Eingriff seitens eines andern Arztes bedinge leider eine abermalige Bespiegelung des Auges mit elektrischem Licht , und das müsse - der Patient wisse ja selbst , wie schmerzhaft es sei - wegen der blendenden Strahlen geradezu verhängnisvoll wirken . Ein andrer Arzt also , ganz abgesehen davon , daß so manchem von ihnen gerade in der Iridektomie die nötige Übung fehle - dürfe , eben weil er wiederum von neuem untersuchen müsse , gar nicht vor Ablauf längerer Zeit , bis sich die Sehnerven wieder erholt hätten , zu einem chirurgischen Eingriff schreiten . « Charousek ballte die Fäuste . » Das nennen wir in der Schachsprache Zugzwang , lieber Meister Pernath ! - - Was weiter folgte , war wiederum Zugzwang , - ein erzwungener Zug nach dem andern . Halb wahnsinnig vor Verzweiflung beschwor nun der Patient den Dr. Wassory , er möge doch