an seinem Lager wachte vielleicht jene , deren Anblick und Wesen ihm noch seine Sterbestunde vergällen würde ... Ein Geräusch ... Fauchen ... Rollen ... Der mißtönige , rasch hintereinander viermal wiederholte Schrei einer Hupe - wie ein Signal . - Das Auto kam heran , bog durch die weitgeöffnete Gitterpforte - stieß seinen Benzinatem aus - fuhr den Weg hinan und hielt unter dem Glasbaldachin seitwärts am Hauseingang . Strahlendes Licht beglänzte die Stelle . Und Sophie sah ... Gerade als das Auto hielt , kam auch schon ein Diener aus dem Portal ... Er riß die Tür auf , und zwei junge Herren stiegen aus . Auf der Stelle wußte Sophie : seine Söhne ! Der eine stand als Regierungsreferendar bei der Regierung in Breslau . Der andere war Leutnant in einem Dragonerregiment . Beide bedeuteten dem Vater Sorge ... Sophie konnte auf das deutlichste die Gesichter erkennen . - Die kleinen Bartstreifen auf dem hochmütig-gleichgültigen Gesicht des Referendars - die Aehnlichkeit des Dragoners mit dem Vater ... Sie schienen etwas zu fragen - der Diener , ob er sich zwar schon mit dem Handgepäck der Angekommenen beschäftigte , wußte seiner Haltung doch einen ernsten Ausdruck zu geben - seine Auskunft mußte sehr bedeutungsvoll sein . Sekundenlang blieben die beiden jungen Herren regungslos . Dann fragte der im Militärmantel noch etwas . Und da hörte Sophie deutlich - deutlich durch die Stille der Nacht ... » ... vor einer Stunde ! « Und sie wußte : Er war tot . Die mit Kränzen gehen und in schwarzen Flören , das sind nicht immer die wirklichen Leidtragenden . Sophie hatte kein Recht , an der mit pomphaften Trauerzeichen ausgestatteten Totenfeier teilzunehmen . Während man den teuren Freund begrub , stand sie im Arbeitskittel und malte . Die letzte Sitzung für das Bildnis der alten Fürstin - gottlob ! Es eilte Sophie damit ; etwas peitschte sie - sie mußte mit diesem Bilde fertig werden , es war , als gehöre es noch in das Stück Leben , das nun zu Ende war . Und dann fort - fort aus diesem Heim , das der eine niemals mehr betreten würde . - » Liebste Hellbingsdorf - Sie sehen elend aus - das hat Sie angegriffen . « Die Fürstin meinte die » kleine Reise in dringlichen Geschäften « , mit der Sophie sich für drei Tage entschuldigt hatte - drei Tage , in stumpfer Verborgenheit und schwerem Ringen verbracht . Sophie war das Lügen nicht gewohnt - den erfundenen Vorwand hatte sie vergessen . » Es geht wieder gut , « sagte sie , » es war nur ein leichter Influenzaanfall . « Die alten klugen Augen sahen sie durchdringend an . Und als Sophie dem forschenden Blick begegnete , kamen ihr unversehens Tränen - sie selbst überraschend , so daß sie sich nicht gegen ihre Weichheit hatte wappnen können . Nun biß sie die Lippen zusammen ... » Weinen Sie nur - weinen Sie , « sprach die Greisin , » die Tränen , die nach innen fließen , versalzen uns das Wesen ... « Dann fragte sie : » Wie alt sind Sie ? « » Neunundvierzig . « » Jung - jung , « meinte die fast Achtzigjährige , » zu jung , um so allein zu stehen . Sie haben Söhne ? « » Zwei , Durchlaucht . « » Kinder . Na ja . - Aber wenn wir in unserm tiefsten Weibtum irgendwie leiden - da können Kinder blitzwenig trösten - die wohnen sozusagen in ' ner andern Herzensabteilung - wissen Sie , als mein Mann starb - einst hatt ' ich ihn bloß aus Gehorsam , fast mit Abneigung genommen - der liebe Gott hat ' s aber gut mit uns gemeint - ich gewann meinen Mann über die Maßen lieb - er mich - ja , als der Tod das zerriß - trostlos war ich - das konnten mir die Kinder nicht ersetzen . Na - man findet sich mit der Zeit - weil alles zeitlich ist . « Sophie küßte der Greisin die Hand . Sie fühlte sich wunderbar verstanden . Dies alte Herz erriet : sie litt . Und ohne zu wissen und zu fragen , fand es rechte Worte . Einen Augenblick dachte sie daran , sich der Fürstin zu offenbaren - denn neben dem Gram stand ja noch eine große Sorge ... Der nun Dahingegangene hatte ihr etwas anvertraut - diese Mappe , die er nach zwei Tagen holen wollte . - Er , der niemals mehr kam ! Aber sie bezwang sich . Sie wußte : es ist immer klüger , die Güte Hochstehender nicht sogleich mit Geständnissen zu beantworten . Aber sie konnte nun weiterarbeiten . Und von ihrem erhöhten Sitz her , wo sie in einem goldenen Barockstuhl , voll Alterswürde , in den schweren Falten ihres dunklen Samtkleides saß , spann die Fürstin die Unterhaltung fort . » Offiziere , die Söhne ? « » Der zweite , Durchlaucht . Mein Aeltester ist Kaufmann . « Der weiße Kopf machte eine lebhafte Bewegung . » Dernburg ! « sagte sie bestimmt . » Das hat förmlich fixe Ideen erzeugt . Wenn ein Kaufmann plötzlich Minister werden kann - und ein bürgerlicher Kaufmann - welche Sessel müssen da adeligen Kaufleuten erklimmbar sein ! « » Ach nein , Durchlaucht ! Nicht Dernburg . Er ist schon vor zwölf Jahren Kaufmann geworden . Mein Allert dachte als Knabe , das Familiengut komme mal an ihn - als er sein Abiturium hatte , war ' s gerad ' so weit , daß alles anders lag - mein Mann starb - Muschenfelde ließ sich nicht halten - es hieß , an Erwerben denken ... « » Da brauchte er doch nicht gleich Zucker und Kaffee zu verkaufen , « meinte die Fürstin mißfällig . » Ein Hellbingsdorf ! « Sophie spürte : sie hatte keine Ahnung - sah in ihrer Phantasie vielleicht einen deklassierten Aristokraten , der hinterm Ladentisch