den Kühen ? « » Zu den Kühen ? « Fastrade wunderte sich ; sie war sonst nie zu den Kühen gegangen . » Gut , lassen wir es zu morgen , « fuhr der Baron fort , » aber des Herrn Auge mästet das Vieh . « Als er weiterging , fügte er noch hinzu : » Übrigens essen wir um Punkt eins , der Arzt hat es so verordnet . « Einen Pflichtenkreis hatte Fastrade offenbar noch nicht . Sie trieb sich in den Zimmern umher , rückte an den Möbeln , als wollte sie dieselben wecken und ihnen melden , daß sie da sei . Endlich ging sie in das Kabinett , das ihr als Schreibzimmer diente , und setzte sich dort nieder . Da war ihr Schreibtisch , da standen ihre Sachen und Bücher , aber sie sagten ihr noch nichts , sie hatte noch kein Verhältnis zu ihnen . Sie war es nicht mehr gewohnt , einen Tag vor sich zu haben , über den sie selbst bestimmen konnte . Dort im Krankenhause zwang ja jede Minute zu einer bestimmten Arbeit . Was tat ich früher um diese Zeit ? fragte sie sich . Da stieg wieder die Erinnerung jener früheren Zeit in ihr auf und mit ihr Arno Holsts hübsche , schmächtige Gestalt . Wie deutlich entsann sie sich jetzt des Abends , an dem sie zuerst gewußt hatte , daß sie Arno Holst liebte , oder sich entschlossen hatte , ihn zu lieben . Sie saß am Klavier und spielte Mendelssohn , Arno Holst stand hinter ihr und hörte zu . Als sie geendet hatte , ließ sie die Hände in den Schoß sinken , er lehnte sich an das Klavier und begann von seiner Mutter zu sprechen ; sie hatte auch so schön diese Mendelssohnschen Lieder gespielt . Er erinnerte sich dessen sehr gut , obgleich er noch ein Knabe gewesen war , als sie starb , deshalb wohl waren diese Melodien für ihn der Inbegriff des Heimatlichen und Geborgenen , denn mit dem Tode seiner Mutter war er heimatlos und einsam geworden , und einsam zu sein war wohl sein Schicksal . Das hatte Fastrade ergriffen . Sie war in den Park hinausgegangen ; sie erinnerte sich deutlich dieses Vorfrühlingsabends : ein lauer Wind fuhr in die laublosen Bäume , eine ganz silberne Mondsichel hing am Himmel , die Parkwege waren naß , überall rannen und plauderten kleine Wasser , und es roch stark nach feuchter Erde . Dort nun war das Mitleid um Arno Holst ganz stark über sie gekommen , nicht ein Mitleid , das schmerzt , sondern eines , das berauscht . Nein , sie wollte nicht , daß er einsam sei , und dann war ihr eingefallen , daß das wohl Liebe sein könne , und das hatte sie beglückt . Sie hatte es plötzlich empfunden , daß dieses Mädchen , das da auf den feuchten Parkwegen gegen den Frühlingswind ankämpfte , in diesem Augenblicke etwas ganz Bedeutsames geworden war , das Schicksal und das Glück eines anderen . Sie hatte an jenen Abend lange nicht gedacht , denn ein anderes Bild hatte die Erinnerung verwischt , das Bild des armen Arno Holst , wie er im Krankenhause im Bette lag mit eingefallenen Wangen , fieberblanken Augen und todesmatt von den furchtbaren Hustenanfällen , die ihn schüttelten . Er hatte nur wenig zu ihr gesprochen , die kurzsichtigen , braunen Augen hatten sie erregt und hungrig angesehen , und wenn sie etwas für ihn tat , hatte er matt und dankbar gelächelt . Nur in einer der letzten Nächte , als sie an seinem Bette saß , hatte er plötzlich deutlich , und als sei er böse , gesagt : » Du darfst nicht so treu und so mitleidig sein , das bringt zu viel Leid . « Christoph kam und meldete das Mittagessen . Der Baron saß schon in einem Sessel bei Tisch ; er hatte sich von Christoph in seinen schwarzen Rock einknöpfen lassen , anders hätte ihm das Essen nicht geschmeckt . Auch Couchon saß an ihrem Platz und beugte den Kopf mit der grauen Samthaube tief auf ihren Teller nieder . Die Baronesse legte die Suppe vor . Während des Essens wurde von der Nachbarschaft gesprochen . » Bei Ports , « meinte die Baronesse , » ist es auch nicht recht gemütlich , die Gertrud muß ihre Singschule aufgeben und nach Hause kommen , und der Vater brummt , weil sie fortgegangen ist , und brummt , weil sie wiederkommt , er wird in letzter Zeit überhaupt recht schwierig . Nun , und die Egloffs , die alte Baronin wird mit jedem Tag vornehmer , sie spricht nur noch von den Zeiten , da sie Palastdame war , und ihr Enkel , der Dietz , wird mit jedem Tage wilder , tobt herum , ladet allerhand fremde Leute ein , gibt Gesellschaften , Jagden , Schlittenpartien , und des Nachts sitzt er am grünen Tisch und spielt und spielt , es ist recht schade um das schöne Gut und das schöne Vermögen . Und dann , ich weiß es ja nicht , aber die Leute erzählen , er soll jetzt viel bei Dachhausens sein und der kleinen Frau ganz den Kopf verdrehen . Das würde mir für den guten Dachhausen leid tun . Nun , von ihr will ich nichts Schlechtes denken , aber bei diesen Damen , die nicht von Familie sind , weiß man ja nie . Ach ja , es ist recht traurig , so ein junger Mensch , der kein Gewissen hat . « Fastrade lehnte sich in ihren Stuhl zurück , als machte das Essen ihr keine Freude mehr , und sagte : » Also etwas gemütlich und glücklich zu sein , das versteht hier keiner . « » Liebes Kind , « meinte die Baronesse , » es hat eben jeder seine Sorgen . « Da legte der Baron die Gabel fort , richtete sich auf