und sagte , niemand verstände besser als sie , daß eine kranke Mutter solch kleinen Sohn Frühlingswind brauche . Aber sie ließ Tschun sagen , sobald die Mutter wieder gesund geworden , solle er zu ihr zurückkommen und ihr besonderer kleiner Diener werden ; Madame Angèle mußte ihr zwei Dollar bringen , die gab sie Tschun . Und dann tat sie wieder etwas ganz Entsetzliches ; sie stellte einen Fuß in die Hand des fremden Herrn und der hob sie so auf das Pferd . Tschun glaubte zuerst , nicht recht gesehen zu haben , denn die Füße einer fremden Frau darf man doch nie betrachten oder gar anfassen . Die Priester im Petang wissen das auch , deshalb salben sie den Frauen in China auch nicht die Füße bei der letzten Oelung . - Tschun war so verblüfft über die Dreistigkeit des fremden Herrn , daß er ganz starr dastand und kaum bemerkte , daß die Herrschaften fortritten , der dicke Mafu auf seinem zottigen mongolischen Pony voran , um ihnen im Gewühl der Straßen den Weg zu bahnen . Dann aber wurde Tschun aus seinem Sinnen über die seltsamen Sittlichkeitsbegriffe der Fremden durch Kuang yin aufgeschreckt . » Nun lauf schnell nach Haus « , sagte er , » und bring ' Deiner Mutter den einen Dollar ; den andern wollen wir wechseln , und Du gibst mir die Hälfte , dafür daß ich Dir zu diesem Geschäft verholfen habe . « Da trat aber auch schon der Türhüter herbei , der gesehen hatte , wie die Taitai Tschun das Geld gegeben hatte , und sagte : » Ich habe gestern die Tür geöffnet für Tschuns ersten Eintritt in dies Haus , wo er so reichen Gewinn gefunden . Das verdient sicherlich einen Lohn . « Darüber ließ sich ja auch wirklich nicht streiten , und so mußte Tschun auch noch mit ihm teilen . Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt der Fremden , die , einer geheimnisvollen kleinen Insel gleich , inmitten des ungeheuren Ozeans gelben Menschentums liegt , kam Tschun in das Haus Yang hungs . - Das war ein weitläufiges , niedriges Gebäude , dessen verschiedene Zimmer auf zwei hintereinander liegende Höfe mündeten . Es wimmelte von großen und kleinen Menschen , und gleichwie der mongolische Nordwind winters rastlos durch die Straßen weht , so ging hier durch alle Räume unaufhörlich ein Murmeln , Sprechen und Diskutieren ; oftmals aber erhob sich das ständige Stimmengewirr zu schärferen Tönen , zu ärgerlichen Drohungen , Schreien und keifenden Auseinandersetzungen . Dann war es , als schwelle ein gleichmäßiges Windesrauschen plötzlich an zu verderbenbringenden Böen und wütenden Stürmen . Der alte Yang hung und seine alte Frau waren nämlich , als sie noch jung gewesen , des höchsten aller Segen , einer zahlreichen Nachkommenschaft , teilhaftig geworden ! Einige der Söhne hatten im Laufe der Jahre Schwiegertöchter ins Haus gebracht , die dann ihrerseits weitere kleine Chinesenmenschen in die Welt setzten . Und das alles bedrohte und balgte sich untereinander , und ohne den Kampf ums Dasein theoretisch zu kennen , führte ihn ein jeder praktisch für sich durch . - Die schlimmsten Zeiten aber waren , wenn auch noch die Töchter mit ihren Kindern zu Besuch kamen . Sie waren zwar alle nach auswärts verheiratet und gehörten nun zu den Familien ihrer Schwiegereltern , aber die Besuche bei der eigenen Mutter , die nach Neujahr und zu anderen Festzeiten üblich sind , bilden ja nicht nur die einzigen Freuden im Leben chinesischer Frauen , sondern verleihen ihnen auch ein gewisses Ansehen den Verwandten des Mannes gegenüber . Keine der Töchter Yang hungs und seiner alten Frau hätte darauf verzichtet ! - Sie kamen und blieben , mochten Brüder und Schwägerinnen noch so scheel dreinblicken oder bei länger sich hinziehenden Besuchen gar deutlich erklären , daß Berechtigteren die Plätze weggenommen würden . Und sie kamen und blieben nicht etwa allein , sondern beladen mit möglichst all ihren Kindern ; sie brachten auch allerhand Nähereien und sonstige Arbeiten mit , die sie während des Besuches bei der eigenen Mutter für ihre neue Familie ausführen sollten . Und wenn sie endlich wieder abzogen , so ließen sie sich von der Mutter Eßwaren zustecken , als Mitbringsel für die Schwiegereltern , wodurch sie sich einen freundlichen Empfang sicherten . - Das erbitterte dann die Söhne und deren Frauen , die sich samt ihren Sprößlingen benachteiligt vorkamen . So herrschten , wie in allen Welten , auch in der kleinen Welt von Yang hungs Hause Interessengegensätze , die zu Spaltungen und wechselnden Parteigruppierungen führten . Und inmitten der sich Befehdenden und wieder Versöhnenden stand Tschun als scheinbar Unbeteiligter , in Wahrheit aber als von allen Ausgenutzter , der doch bei keinem Anhalt fand . - Als Lehrling hatte er mit auf den Markt zu gehen , den Laden zu reinigen , Rechnungen in die Häuser säumiger Schuldner zu tragen und allmählich dem Meister die schwere Kunst abzulauschen , wie man dem noch schwankenden Käufer die Ware anpreist und ihn , nach langem Feilschen , den eigenen Preisforderungen willfährig stimmt . Aber neben diesen und manchen anderen beruflichen Obliegenheiten wurde Tschun nicht nur von jedem im Hause zu irgendeiner anderen Arbeit gerufen , sondern sie alle beschimpften ihn , wenn sie sich eigentlich gegenseitig meinten . - Und immer war da eine der vielen jungen Mütter der Familie , die ihm einen Säugling in die Arme legte oder ein anderes kleines Krabbelwesen zur Hütung an die Hand gab , während er noch außerdem einige größere Kinder , die frei herumspielten , beaufsichtigen und durch seine bloße imponierende Gegenwart in Schranken halten sollte . Gelang das nicht , und es entstand zwischen den lieben Kleinen eine Balgerei , der beinahe die keimenden Zöpfchen zum Opfer fielen , so flogen die bei chinesischen Müttern gebräuchlichen Beschwichtigungsformeln ich werde Dich umbringen , ich werde Dich in siedendes Wasser werfen , nicht wie sonst gegen die Kinder , sondern gegen den mit Verantwortung und Säuglingen belasteten