sind beide stehengeblieben , stehen uns gegenüber . - Er ist sehr hoch , sieht mir von oben herunter in die Augen . - Der Lift gleitet , hält an jeder Etage und Zwischenetage , denn der Boy ist verschlafen und scheint zu meinen , daß überall jemand aussteigt . - Wir haben auch das Gefühl , daß der kleine Raum immer leerer wird , immer einsamer . - Unsere Augen lassen sich nicht los - der fremde Herr sagt kein Wort , beugt sich langsam zu mir herunter - wir sehen uns immer noch in die Augen - unsere Lippen finden sich . - Der Lift geht durch eine ganze Ewigkeit . - Kein Wort wird gesprochen - der Lift hält . Und ich mache hier eine Pause , lieber Freund . Der Herr im Lift ist der Idealfall - der erfüllte Traum . Nicht immer sind die Götter so neidlos . Manchmal lernt man ihn auch kennen , sieht sich wieder , dann ist natürlich alles entwertet . Hat man einmal mit dem fremden Mann gefrühstückt , so ist der Zauber gebrochen . Dann wird es ein ganz gewöhnliches Erlebnis . Aber ich will Ihnen noch von einer sehr merkwürdigen Ausnahme erzählen - von einer jahrelangen Beziehung , die immer der fremde Mann blieb . Jahrelang - ja , da horchen Sie auf - es waren sogar ziemlich viele Jahre , es hat auch eigentlich nie einen bestimmten Anfang gehabt und hat nie ein definitives Ende genommen . Wie und wo wir uns zum erstenmal sahen , gehört nicht hierher - seien Sie nicht zu neugierig ; wenn ich eine uralte Dame mit weißen Haaren bin , erzähle ich es Ihnen vielleicht einmal , jetzt sicher nicht . Aber die damaligen Umstände brachten es mit sich , daß er mich nie bei Tage aufsuchen konnte . Auf die Länge ließ sich das natürlich nicht vermeiden , aber dann machte es auch keinen Eindruck mehr , daß er einen Namen und eine Position im Leben hatte . Er blieb der fremde Mann . Es war zur Tradition geworden , daß wir jede nähere persönliche Bekanntschaft , jedes Übergreifen unserer Beziehungen auf unser sonstiges Dasein vermieden . Und ich muß sagen , daß wir es wirklich verstanden , diese Tradition zu kultivieren . Unser Verkehr blieb immer zeremoniell , unpersönlich und voller Distanz . Wir haben uns nie auch nur für einen Moment geduzt , sind nie zusammen ausgegangen oder dergleichen . Trafen wir uns doch einmal , im Theater oder bei ähnlichen Gelegenheiten , so grüßten wir uns aus der Ferne . War es nicht zu vermeiden , so ließ er sich mir auch vorstellen , und wir wechselten einige höfliche Redensarten . Er hatte immer meine Adresse und meine Schlüssel , bei jedem Wechsel meiner Wohnung oder meiner Lebenslage verfehlte ich nicht , ihm diese beiden Dinge zuzustellen . ( Sie können sich wohl denken , daß seine Schlüsselsammlung mit der Zeit beträchtlich angewachsen ist . ) Er meldete sein Erscheinen durch ein Billett oder Telegramm - dann war ich immer für ihn zu Hause . Und darin bewies er seine wahrhaft antike Seelengröße : wie und wo er mich auch im Lauf der Zeiten aufgesucht und gefunden hat , ob in einer eigenen Wohnung , im Hotel oder einer gänzlich improvisierten Umgebung - er verzog nie eine Miene , wunderte sich nie , fragte nie - erschien zu den spätesten und unwahrscheinlichsten Stunden - immer korrekt , immer fremder Herr . Und ging ebenso wieder fort , ehe der graue Alltag das Leben wieder wahrscheinlich machte . Manchmal kam er auch erst gegen Morgen , wenn ich längst schlief , stand auf einmal mit dem Zylinder in der Hand da - das schätzte ich ganz besonders . - Oder ich glaubte nur von ihm geträumt zu haben und fand dann beim Aufwachen Blumen , die nur von ihm sein konnten - er brachte immer Blumen mit . Solche Erinnerungen liebe ich sehr - auch noch manche andere - wenn wir in der Morgendämmerung am Fenster Kaffee tranken und uns korrekt und gebildet unterhielten . Wenn er dann die Straße entlang ging , sah ich ihm nach , und es hatte so viel Reiz , gar keine greifbare Vorstellung von seinem Leben zu haben , keine Ahnung von seiner Umgebung , nicht zu wissen , mit was für Menschen er verkehrt und wie er mit ihnen ist . Andere Frauen - das hat mich eigentlich nie interessiert . Ich habe späterhin aus verschiedenen Andeutungen kombiniert , daß er eine himmlische Liebe hatte , eine sehr unglückliche . Bei anderen Männern habe ich das manchmal etwas dumm gefunden , aber bei ihm hatte es viel Charme und gab eine düstere Nuance , die ihm gut stand . Übrigens verloren wir uns zeitweise ganz aus den Augen , er machte öfters lange Reisen , und ich war ja immer viel unterwegs . Ich habe dann auch kaum an ihn gedacht - ob er an mich dachte , weiß ich nicht . Aber wenn wir uns beide nach M ... zurückfanden , war wieder alles wie vorher . Nur gehörte es unverbrüchlich zu unserer Tradition , daß wir in der Silvesternacht zusammenkamen , denn der 31. Dezember war der Ausgangspunkt unserer Beziehungen gewesen . Mit oder ohne Verabredung , ich wußte , daß er dann kommen würde ; und meine sonstigen Bekannten haben sich immer gewundert , warum ich bei jeder Neujahrsfeier geheimnisvoll vom Schauplatz verschwand , sobald es zwölf Uhr geschlagen hatte . Doch am Ende die große Leidenschaft , die Sie in meinem Dasein so schmerzlich vermissen und die immer noch entdeckt werden soll ? - Gott bewahre , gerade zur Zeit der glücklichsten und intensivsten Lieben schätze ich ihn am meisten und hatte förmlich Sehnsucht nach ihm , wenn ich ihn lange nicht sah . Und war er zeitweilig nicht vorhanden , so wurde ich auch gegen die anderen kühler . Töricht genug von den anderen , daß