nehmen . Er setzte sich auf den Divan und horchte nach der Seite hin , von wo das Klavierspiel kam . » Der Baron Wergenthin « , erklärte Frau Rosner etwas verlegen . » Der Komponist . Anna hat eben gesungen . « Und sie schickte sich an , ihre Tochter herein zu rufen . Doktor Berthold hielt sie ganz leicht am Arme fest und sagte freundlich . » Nein . Ich bitte Fräulein Anna nicht zu stören , absolut nicht . Ich habe nicht die geringste Eile . Es ist übrigens ein Abschiedsbesuch . « Der letzte Satz kam wie hervorgestoßen aus seiner Kehle ; doch lächelte Berthold zugleich verbindlich , lehnte sich bequem in die Ecke und strich mit der rechten Hand den kurzen Vollbart zurecht . Frau Rosner sah ihn förmlich erschreckt an . Herr Rosner fragte : » Ein Abschiedsbesuch ? Haben Herr Doktor Urlaub genommen ? Das Parlament ist doch erst vor kurzer Zeit zusammen getreten , wie man den Zeitungen entnehmen konnte . « » Ich habe mein Mandat niedergelegt « , sagte Berthold . » Wie ? « rief Herr Rosner aus . » Jawohl niedergelegt « , wiederholte Berthold und lächelte zerstreut . Das Klavierspiel hatte plötzlich aufgehört , die angelehnte Tür tat sich auf . Georg und Anna erschienen . » O Doktor Berthold « , sagte Anna und streckte ihm , der rasch aufgestanden war , die Hand entgegen . » Sind Sie schon lange da ? Haben Sie mich vielleicht singen gehört ? « » Nein , Fräulein Anna , das hab ich leider versäumt . Nur ein paar Töne auf dem Klavier hab ich vernommen . « » Der Baron Wergenthin « , sagte Anna , als wollte sie vorstellen . » Die Herren kennen sich doch ? « » Gewiß « , erwiderte Georg und reichte Berthold die Hand . » Der Doktor kommt uns einen Abschiedsbesuch machen « , sagte Frau Rosner . » Wie ? « rief Anna erstaunt aus . » Ich verreise nämlich « , sagte Berthold und schaute Anna ernst und undurchdringlich in die Augen . » Ich gebe meine politische Karriere auf « , setzte er dann wie spöttisch hinzu ... » besser gesagt , ich unterbreche sie auf eine Weile . « Georg lehnte im Fenster , die Arme über der Brust verkreuzt , und betrachtete Anna von der Seite . Sie hatte sich gesetzt und sah ruhig zu Berthold auf , der aufrecht dastand , die eine Hand auf die Lehne des Divans gestützt , als wenn er eine Rede halten wollte . » Und wohin reisen Sie ? « fragte Anna . » Nach Paris . Ich will im Pasteurschen Institut arbeiten . Ich kehre wieder zu meiner alten Liebe zurück , zur Bakteriologie . Es ist eine reinlichere Beschäftigung als die Politik . « Es war dunkler geworden . Die Gesichter verschwammen , nur die Stirne Bertholds , der gerade dem Fenster gegenüberstand , war noch in Helle getaucht . Es zuckte um seine Brauen . Eigentlich hat er seine besondere Art von Schönheit , dachte Georg , der regungslos in der Fensterecke lehnte und sich von einer angenehmen Ruhe durchflossen fühlte . Das Stubenmädchen brachte die brennende Lampe und hing sie über dem Tisch auf . » Aber die Journale « , sagte Herr Rosner , » brachten noch keinerlei Meldung , daß Herr Doktor Ihr Mandat zurückgelegt haben . « » Das wäre auch verfrüht « , erwiderte Berthold . » Meine Parteigenossen kennen wohl meine Absicht , aber die Sache ist noch nicht offiziell . « » Diese Nachricht « , sagte Herr Rosner , » wird nicht verfehlen , in den beteiligten Kreisen großes Aufsehen zu erregen . Besonders nach der bewegten Debatte von neulich , in die Herr Doktor mit solcher Entschiedenheit eingegriffen haben . Herr Baron haben wohl gelesen « , wandte er sich an Georg . » Ich muß gestehen « , erwiderte Georg , » ich verfolge die Parlamentsberichte nicht so regelmäßig , als man eigentlich müßte . « » Müßte « , wiederholte Berthold nachsichtig . » Man muß wahrhaftig nicht , obzwar die Sitzung neulich nicht uninteressant war . Wenigstens als Beweis dafür , wie tief das Niveau einer öffentlichen Körperschaft sinken kann . « » Es ist sehr hitzig zugegangen « , sagte Herr Rosner . » Hitzig ? ... Nun ja , was man bei uns in Österreich hitzig nennt . Man war innerlich gleichgültig und äußerlich grob . « » Um was hat es sich denn gehandelt ? « fragte Georg . » Es war die Debatte anläßlich der Interpellation über den Prozeß Golowski ... Therese Golowski . « » Therese Golowski ... « , wiederholte Georg . » Den Namen sollt ich kennen . « » Natürlich kennen Sie ihn « , sagte Anna . » Sie kennen ja Therese selbst . Wie Sie uns das letztemal besucht haben , ist sie eben von mir fortgegangen . « » Ach ja « , sagte Georg , » eine Freundin von Ihnen . « » Freundin möcht ich sie nicht nennen ; das setzt doch eine gewisse innere Übereinstimmung voraus , die nicht mehr so recht vorhanden ist . « » Sie werden Therese doch nicht verleugnen « , sagte Doktor Berthold lächelnd , aber herb . » O nein « , erwiderte Anna lebhaft , » das fällt mir wahrhaftig nicht ein . Ich bewundere sie sogar . Ich bewundere überhaupt alle Leute , die imstande sind , für etwas , was sie im Grunde nichts angeht , so viel zu riskieren . Und wenn das nun gar ein junges Mädchen tut , ein hübsches junges Mädchen wie Therese ... « , sie richtete die Worte an Georg , der gespannt zuhörte » so imponiert mir das noch mehr . Sie müssen nämlich wissen , daß Therese eine der Führerinnen der sozialdemokratischen Partei ist . « » Und wissen Sie , wofür ich