So schlief mancher noch mit . Auch Einhart schlief also heute . Aber seltsam auch , daß sein Nebenmann lange auf sein bleiches , sanftgewordenes Gesicht sehen und wie ein fernes Entzücken mit diesen schmalen , bleichen Zügen empfinden mußte . Wie ein ferner , froher Traum lag drin . Eine liebliche Miene , ein Lachen , stumm und versunken , unter dunkelrandigen , geschlossenen Lidern . Aber wie Einhart erwachte , versuchte er geschäftig zu blicken und kümmerte sich nicht um die Augen , die ihn rings komisch suchten . Eine fiebernde Unzufriedenheit regte sich in ihm . Schreiben jetzt war ihm unmöglich . Er malte Schnörkel auf die weiße Fläche , die er vor sich hatte , ohne Sinn . Aber dann drehte er den Bogen , daß der Nachbar gleich neugierig mit auf sein Blatt sah . Es war tiefe Stille in der Klassenstube , daß man nur manchmal ein einzelnes Aufatmen hörte in die Versunkenheit vor den kleinen , aus den Federn fließenden Tintenkringeln . Aber Einhart schrieb nicht . Er begann Gesichter mit Zottelhaaren hinzuzeichnen , einen ganzen , tollen Reigen , wilde , nackte Gestalten , daß der kleine Nebenmann , der ein blonder , sanfter Knabe war , wegsah und ein wenig errötete wider Willen . Einhart zeichnete mit schmutzigen Händen . Er war in die Schule gelaufen , noch ohne sich anders , als nur auf der Mutter Geheiß , eine reinliche Jacke anzuziehen . Durch die Haare war er sich ein paarmal mit den Fingern gefahren . Und er kümmerte sich um nichts , was vorging . Auch wie der Rektor dann eine lange , moralische Rede über die Schrift begann . » Daß man aus der Schrift die Seele des Menschen ablesen könnte , « meinte er , » wäre eine Fabel . Aber ein gesitteter Mensch könnte sich doch schon in der Reinlichkeit des Papiers bekunden , in der Ordnung der Zeilen , in der Klarheit der Schriftzüge . Die Achtung vor den Gesetzen und dem Herkommen zeigte sich in der Schrift nicht minder . Deshalb lehrte man die Schrift . Nicht , daß man da Sonderbarkeiten recht ausprägte , so unleserlich schriebe wie möglich . Derartiges gefiele nur eitlen Narren . Einer wie der andere müsse es aussehen . Darum nenne man das eine Schreibstunde . Und ich bin euer Schreiblehrer . « Er schrieb selbst wie gestochen , und man konnte wirklich nicht wissen , ob er oder ein Rektor in einer Seestadt oder ein Schulmeister in Kospeda es geschrieben . Einhart hörte nur mit halbem Lächeln hin und dachte an das schmutzige Gesindel auf dem Plane , daß der alte , schwerfällige Walk auf ihn sah und ihn fragte : » Nun , Herr Selle , warum so lächerlich ? « » Ich freue mich über Ihre Lehren , « sagte Einhart ganz wie nebenbei , daß ein tolles Gelächter ausbrach , und der Rektor gleich mit sanfter Gebärde stillen wollte . » Nur ruhig ! - nur ruhig ! « sagte er selber halblaut und erschrocken , weil es der Direktor leicht hören konnte . » Selle weiß immer eine gute Antwort , « sagte er dann versöhnlich , ein wenig eitel . Dabei hielt er die Hand mit dem Lineal wie einen Palmenzweig des Friedens ausgestreckt vom Katheder , damit höchstens noch ein kleines Aufwallungslachen folgen konnte , das seiner Seele wohltat . Aber dann , als die Schuluhr schrill die Stunde geschlagen , und Walk umständlich hinaus war , überkam es Einhart , daß er eilig aufs Katheder stieg , ins Klassenbuch sah , um welche Stunden es sich noch handelte , und dann plötzlich ein tiefleidendes Gesicht schnitt . » Laßt mich in Ruh , « sagte er . » Ich habe wahnsinniges Zahnweh . Ich kann es bei Gott nicht lange so aushalten . « Er saß in der Bank und begann sich richtig zu krümmen wie ein Wurm . Viele lachten noch immer . Andere dachten schon an Ernst . Jedenfalls machte Einharts Miene durchaus Eindruck . Der strenge Ordinarius , der die nächste Stunde gab , hatte sich beim Eintreten gar nicht umgesehen . Er begann mit dem Abhören der unregelmäßigen Verben . Dabei sah er wie zufällig , daß Einhart noch immer halb umgesunken in der Bank saß , und alle Blicke sich immer wieder dahin richteten . » Was ist denn da los ? Das ist wohl Selle ? ... Selle ! ... nun ? was ist denn los ? « Einhart antwortete noch immer nicht . Einige riefen : » Er ist krank . « Andere : » Er hat furchtbare Schmerzen . « » Selle ! « sagte der scharfe , schneidende Ton in einiger Weichheit mahnend . » Hast du mich gehört , Selle ? was ist dir denn nun ? du kannst doch so nicht sitzen , « sagte der gestrenge Herr fast schnarrend . » Entweder du bist fähig , dich aufrecht zu halten , oder du mußt einfach dich scheren . « Einhart versuchte gehorsam , sich eine Weile emporzurichten . Aber dann begannen wie feine Schmerzlaute neu anzuheben aus ihm . Es schien wirklich schlimm . » Wenn du derartige Gesichtsschmerzen hast , gehe nach Hause ! Das ist ja nicht auszuhalten , « sagte der Ordinarius unwillig . Aber wie dann Selle aufrecht stand , die Sachen packte und zur Türe ging , sah der Lehrer auch , wie bleich und verzehrt Einhart war . » Nun , da wünsche ich dir nur , daß du die Schmerzen bald los wirst ! Ich kenne das « ... sagte er in einer mitleidigen Anwandlung . » Das ist ja wirklich nicht sehr angenehm . « Und Einhart war draußen . 6 Einhart war eilig über den Platz vor der Schule gelaufen , wo einige Droschkenkutscher an der Ecke hielten , die ihm nachsahen , weil er noch immer den Kranken spielte . Er hatte den Tornister unter den Arm gekniffen