Europäer alles fabrizierte , von Fracks bis zu Maskenkostümen , Ballkleidern und Layetten , nur noch als Reliquien vergangener Zeiten bewahren . Als ich heute in die Salons eines grossen Schneidergeschäfts trat und unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenen Haar die letzten Modeschöpfungen anlegten und darin vor mir zwischen langen Spiegelreihen auf und ab stolzierten , musste ich lächeln im Gedanken an das letzte Schneideratelier , in dem ich vor wenigen Wochen noch gewesen - das Atelier Tientais . - Ein paar Schritte von der englischen Gesandtschaft lag es , dicht an der Brücke , die über den Kanal führt . Aus dem Sumpf und den Löchern der Strasse konnte man sich auf die Karikatur eines Trottoirs retten , das auch nur aus ein paar übereinander geworfenen Steinen bestand . Schaute man durch die offene Tür in die Schneiderhütte , so sah man ein niedriges Zimmerchen , dessen Wände mit Modebildern besteckt waren ; mehrere Chinesen sassen darin , eifrig nähend an Herren- und Damenkleidern ; in einem Winkel lag ein Haufen englischer Stoffe , die zu » Nummer-Eins « -Kostümen verarbeitet , von der Pekinger europäischen jeunesse dorée bei den Frühlings- oder Herbst-Rennen eingeweiht wurden . Andre Städtchen ! andre Mädchen ! Wie würde Tientai staunen , wenn er hörte , dass die Säle mit den Spiegelscheiben , vor denen die blonden Houris auf und ab paradieren , die Behausung eines amerikanischen Tientais sind . Als ich meinen Namen und meine Adresse angab , ertönten kleine Schreie freudigen Erstaunens von der Direktrice , den Verkäuferinnen und den schönen Probiermamsells : » Was , Sie sind die Dame , die gestern aus Peking angekommen ist ? « » Wir haben es alles in den Morgenblättern gelesen . « » Sie wohnen im Waldorf und haben einen Chinesen mitgebracht . « Alle wollten mich nun bedienen , und jede hatte eine andere Frage über China und vor allem über die alte Kaiserin ; die Existenz anderer Kunden schien vergessen . Aber die Direktrice , Madame Blanche , führte mich in einen kleinen Nebensalon , und während ich die ausgewählten Kleider anprobierte , schwirrten Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und Taillenarbeiterinnen wirr durcheinander . » Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so böse Frau ? « ( » Miss Caroline , bitte die Taille etwas enger . « ) » Wir haben so viel Sympathie für den armen kleinen Kaiser . « ( » Miss Harriet , bitte , straff über den Hüften und von den Knieen an weit und faltig . « ) » Ist es wahr , dass sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hält ? « ( » Recht weit über die Büste , Miss Caroline , das Fichu voll drapiert , du flou toujours du flou . « ) » Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten ! « ( » Miss Harriet , den Rock recht lang , das gibt etwas schwebendes . « ) » Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen ? « ( » Die Ärmel enger , Miss Caroline . « ) » Natürlich haben Sie die Kaiserin gesehen ! Wie interessant muss das gewesen sein ! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl nur wenig Idee ? « ( » Mehr Grazie im Faltenwurf , Miss Harriet , soignez la ligne . « ) » Sass die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen ? « ( » Miss Caroline , il faut avantager madame . « ) » Nein , es geht doch nichts über reisen und fremde Völker sehen . Aber man darf sie natürlich nicht wie uns beurteilen - es sind ja nur arme Heiden ! « ( » Miss Harriet , nehmen Sie noch einmal genau die Masse . « ) » Seien Sie versichert , dass wir alles aufs beste für Sie liefern werden . Wir interessieren uns ausserordentlich für Sie . Wir haben noch nie eine Kundin gehabt , die bei der Kaiserin von China gewesen ist . « Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China , wenn meine New Yorker Kleider wirklich ganz besonders schön ausfallen ! 10 New York , Oktober 1899 . Lieber Freund ! Haben Sie je von Charles William O ' Doyle gehört ? anders auch » Chinalack-O ' Doyle « genannt ? Dieser 50fache Millionär , der heute an der Spitze der grössten Eisenbahnen steht , der Bergwerke , Schiffe und Ländereien , gross wie ein Königreich , besitzt , hat seine Laufbahn vor Jahren als Apothekergehilfe in San Francisco begonnen . Wie er dahin gekommen , wer seine Eltern waren , erzählt er heute wahrscheinlich niemandem - aber Geduld , die nächste Generation der O ' Doyles wird gewiss entdecken , dass die Vorfahren von Charles W. einst angesehene Grossgrundbesitzer in Irland gewesen , unter Cromwell ihres katholischen Glaubens halber verfolgt wurden , verarmten und , vom grünen Eiland vertrieben , nach Amerika auswandern mussten . In Amerika wird jetzt alles fabriziert , wie in Europa - auch Stammbäume ! Charles W. legte den Grund zu seinem Vermögen durch einen wahrhaft genialen Einfall . Er hatte in San Francisco Gelegenheit , die Chinesen zu beobachten , die damals noch massenweise frei nach Kalifornien einwandern durften und ebenso massenweise nach ihrem Tode in grossen schweren Holzsärgen nach Kanton zurückbefördert wurden . Chinesen glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande regelrecht begraben werden zu können . Aber die schweren Holzsärge und der teure Transport verschlangen oft alles , was sich der Tote während Jahren erspart hatte , zum grossen Ärger der bezopften Erben . Da erfand Charles W. einen eigenen Lack , den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte . Damit bestrichen , konserviert sich jeder Tote monate- , ja jahrelang ; er dörrt vollkommen aus , wird hart wie Stein und erscheint , als sei er mit einer gelben Lederhaut überzogen . Charles W. nahm ein Patent auf seinen » Chinalack « und damit bestrichen