sich doch immer . Und dann die grosse , fast einhalbstündige Erholungspause ! Wie die Bienen schwärmten sie dann aus , die luftigen , sauber gehaltenen Steintreppen herunter in das kleine Paradies hinein , das die jungen Mädchen auf eigene Kosten begründet hatten und aus eigener Tasche erhielten . Da gab es guten Kaffee und Bier und belegte Brödchen , vor allem aber einen Schwatz , wie er lustiger bei keinem Kaffeekränzchen gedacht werden konnte . Was man da alles erfuhr und lernte ! Unter den hundert Telephonistinnen in Lenas Saal waren neben den Töchtern aus einfachen Familien auch junge Mädchen aus den besten Kreisen vertreten . Ja drei wirkliche adelige , zwei Oberstleutnantstöchter und eine Majorstochter a.D. , waren darunter . Sie waren weder hübsch noch so chic in ihren Strassenkostümen , wie die meisten der andern Mädchen , aber vornehm waren sie , kolossal . Im Hause des Oberstleutnants von Strehsen hatte Prinz Leopold bei einem der vielen Brüder Pathe gestanden . Jetzt waren die jungen Herren längst alle Kadetten oder standen als Leutnants in der Armee , und die Schwestern mussten mit verdienen helfen , damit die Offiziere nur einigermassen standesgemäss leben konnten . Warum die Brüder alle zum Militär gingen , wenn kein Geld dazu da war , auf diese etwas naseweise Frage Lenas hatte das älteste Fräulein von Strehsen , das sonst sehr nett mit ihr zu sein pflegte , freilich keine Antwort mehr gegeben , sondern ihr achselzuckend den Rücken gedreht . Aber das würde sich schon wieder geben . Sie war im Grunde nicht stolz , das Fräulein Clementine und für ein » Fräulein von « eine gutmütige Person . Auch über die Arbeit selbst sprach Lena sich dauernd sehr befriedigt aus . Die Handgriffe wurden ihr spielend leicht . Nach acht Tagen schon hatte sie alle Verbindungen herzustellen verstanden . Auch sprach sie deutlich und hörte scharf . Förmlich gelehrte und von technischen Ausdrücken wimmelnde Vorträge über die sinnreiche Einrichtung der Schränke , über den Sprach- und Hörapparat , über das Arbeiten mit den Klinken wusste sie Lotte zu halten . Und wie sauber , ja förmlich appetitlich alles gehalten wurde , es war eine wahre Lust . Lenas Enthusiasmus für ihren neuen Beruf kannte keine Grenzen . Er umfasste das kleinste und das grösste mit gleicher Liebe . So ganz eingenommen war Lena von ihren eigenen Interessen , dass sie es völlig übersah , wie blass und abgespannt Lotte war . Als sie dann eines Tages das trübselige , niedergeschlagene Wesen der Schwester zu bemerken begann , fing sie in ihrer frischen energischen Art heftig zu schelten an . » Wo soll denn das hin , Lotte ? Wie siehst Du denn aus ? Das kommt von dem ewigen Stillsitzen und Alleinsein . Du wirst noch krank werden und dann haben wir ' s ! Das muss anders werden . Zerstreuung und Bewegung musst Du haben . Hol ' mich doch heut ' mal abends vom Amt ab . Es ist solch ' ein amüsanter Weg nach dem Westen heraus . Ich hab ' Dir das schon so oft vorgeschlagen . Ich zeige Dir die drei Offiziersfräuleins . Wir sind immer in derselben Tour . Auf dem Rückwege bummeln wir dann noch ein bischen vor den Läden herum , es sind noch immer eine ganze Menge auf . « Aber Lotte wollte nicht . Sie ging ungern allein weite Wege und hielt sich lieber in der Nachbarschaft , wo sie leicht wieder nach Hause konnte . Es war ihr unerträglich , sich anstarren zu lassen , oder gar dreiste Worte mit anhören zu sollen , die ihr die Röte der Scham in die Wangen trieben . Mehrmals war es ihr schon so ergangen , ohne dass sie in ihrer stillen Art jemals davon gesprochen hatte . » Wenn Du mich nicht abholen willst , so hol ' Dir wenigstens ein Buch aus der Leihbibliothek und vertreibe Dir damit die einsamen Stunden . Du liest ja so gern . « » Bücher leihen kostet Geld . « » Puh ! Sind wir so klamm , dass es auf ein paar Groschen ankommt ? « » Ich fürchte , Lena . « Lena küsste die Schwester . » Du , mach blos kein so trauriges Gesicht . Ich kann das nicht sehen . Pass auf , in vierzehn Tagen habe ich meine Anstellung in der Tasche , und Du so viel Weihnachtsbestellungen , dass Du vor Arbeit nicht weisst , wo aus noch ein . Dann leben wir im künftigen Jahr wie die Götter und geniessen das schöne , himmlische Berlin . « Lotte lachte . Wenn Lena so sprach , war sie unwiderstehlich . » Siehst Du , da lachst Du schon . Es war aber auch höchste Zeit , denn ich muss gleich in den Dienst . Vorher aber musst Du mir versprechen , dass sobald Du den Hut für Gutmanns Köchin fertig hast , den noblen , weisst Du , für eine Mark , Du heruntergehst und Dir von nebenan ein hübsches Buch holst . Die paar Groschen für Dein Vergnügen werden wir uns wohl noch absparen können . Du - und Lotte - nimm ja nichts Rührendes . Ich will Dich heute abend nicht wieder mit verweinten Augen sehen ! « Lotte sah ihr lächelnd nach . Wie fröhlich , wie hübsch , wie lustig die Lena war ! Wie schnell sie sich in das neue Leben eingewöhnt hatte ! Ja , der konnte es nicht fehlen in Berlin ! Um fünf Uhr war Lotte mit ihrem Hut fertig . Einkäufe hatte sie heute nicht mehr zu machen . Das wenige , was sie zum Abend brauchten , war im Hause . Auch ihre Materialvorräte reichten bei den knappen Bestellungen noch auf ein Weilchen aus . Sie genierte sich ordentlich , bei Levin so wenig Gebrauch von dem ihr seit dem 1. November eröffneten Konto zu machen . Aber vielleicht hatte Lena recht , und es wurde für den