und die schwarzen Gewitterwolken , die dicht über ihr hängen . Ich höre sie donnern . Wollen Sie mich grüßen , gleichviel welche Fahne ich trage ? « Welche Fahne ? murmelte ich unwillkürlich , indeß ich das Briefblatt mit den schönen schwungvollen Schriftzügen aus der Hand legte , um mit Spannung und Herzklopfen nach dem Heft zu greifen . Etwas Heißes , Bewegtes quoll mir aus den knisternden Blättern entgegen , die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut . Und dann las ich : 18. Oktober 1887 . In Zürich ! wahrlich und wahrhaftig in Zürich ! Mir sagt es dieser warme Sonnenschein , die Berge , der See . Mit vollen Zügen trink ' ich diese Luft ; ist es nicht die Luft der Freiheit ? Alles so heiter , so freundlich , so verheißungsvoll ! Endlich , endlich hab ' ich sie , fass ' ich sie , die heiß ersehnte Zukunft ! O daß es Wahrheit geworden ! Daß solch ein glücklicher Tag noch für mich aufgehoben war . Ich möchte ihn auftrinken , diesen Sonnenschein , möchte all das Grau vergessen , all den trüben Nebel , der hinter mir liegt ! Ach , sollt es mir denn nicht glücken ? Aber dies ist ja schon Glück ! 19. Oktober . Nein , gestern wußte ich noch nicht , was Glück ist , aber heut ' weiß ich ' s ! Ich war in der Universität . In der Universität ! ich ! - Sie liegt so schön . Ueber der Stadt , über dem Rauch der Herde , über dem Dunst der Straßen , über dem Wagengerassel und dem Arbeitslärm liegt sie ruhig und groß auf einem Berge , die Burg der Wissenschaft , das denkende Hirn von Zürich ! In freudiger Aufregung bin ich rundum gelaufen , ein paarmal - und dann , dann hab ' ich mich schüchternen Fußes hineingetraut . Es sind noch Ferien , ich durfte ruhig hineingehen über die breiten Sandsteinstufen . Die Thür war offen , - alles frei und offen auch für mich ! Sogar die offne Thür war mir ein Symbol , das mich entzückte . Hier war ich einmal kein Frauenzimmer , vor dem man den Schlüssel umdreht , hier war ich ganz einfach ein Mensch ! Ich atmete tief auf vor Freude ; ach wie gehoben , wie gewachsen komm ' ich mir vor , seit ich in Zürich bin ! Und dann ging ich glückselig durch all die langen hallenden Corridore und Treppen auf und ab . Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem . » Hier wohnt die Wissenschaft , die lebendige , grüne ! « dachte ich die ganze Zeit . Ein paar Thüren standen offen , niemand war in den Hörsälen . Ich ging leise hinein . Es war ganz schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer , aber über der Thür stand : » Juristisches Seminar « . Neugierig blickte ich mich um und errötete heiß , als ich daran dachte , daß ich hier sitzen würde , auf einer dieser Bänke , ein Mensch wie ein anderer , wie ein Student . Mir traten Thränen in die Augen . Aber da standest du neben mir , meine Mutter und sahst mich groß und freudig an . Ich sah ' s , du glühtest mit mir vor Entzücken , du hattest keine Furcht . Da wurde mir auf einmal ganz mutig . Ich ging auf das Katheder und sah hinunter , und plötzlich war es mir , als hätte ich etwas zu sagen , viel zu sagen ! Und die Bänke füllten sich , und Köpfe blickten mit emporgewandten Augen nach der Stelle , wo ich stand . Es war wie eine Vision , die mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte , rasend , zum Zerspringen . - - - Dann bin ich an das große Fenster gegangen und hab ' hinuntergeblickt auf den Sonnennebel , in dem die Stadt lag und Berge und See . All das hat mir solch einen unauslöschlichen Eindruck gemacht . Ich dachte : Dort unten rennt und treibt das Leben , und wenn sie von dort emporsehn , so steht hier , thronend über allem , die geistige Arbeit . Und wiederum die Wissenschaft - wohin blickt sie ? sie blickt hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergründen , die sich verschlingen , wie dort die Straßen vor meinen Augen . Und wie schön war alles von dieser Höhe ! Die Hast , der Kampf , der wilde Drang ausgelöscht durch die Entfernung . Und - Ausruhpunkte für das Auge - so viele , viele grüne Bäume . 19. Oktober . Ein Zimmer hab ' ich auch gefunden , ein ganz kleines Zimmerchen , für zwanzig Franken . Eigentlich zu teuer für mich , - vielleicht kann ich später wechseln . Es ist nur Bett , Waschkommode , Bücherbort , Tisch und Stuhl darin ; die Wirtin sagte mir , mehr als einen Stuhl könne sie mir nicht geben , denn Besuch dürfe ich nicht annehmen . Ich habe sie mit Lachen beruhigt ! Glaubt sie , daß ich hierhergekommen bin , um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden ? Als ich ihr das sagte , wurde sie freundlicher und erzählte , die Studentinnen seien alle sehr fleißig . Das glaub ich , sagte ich , wir danken Gott , daß wir endlich arbeiten dürfen , wozu es uns treibt . » Ja , es gefällt allen hier , « meinte sie und wurde immer zutraulicher . Sie wird mir auch die Kost geben . Für siebzig Franken . Es ist fast zuviel für mich , - ich habe ja so nötig zu sparen . Ich habe gerechnet und gerechnet . Ich werd ' es schwer haben ; hundert Franken will Mama mir monatlich zu schicken suchen , - davon müssen auch die Kollegiengelder und die Bücher bezahlt werden , - neunzig Franken für Zimmer und Kost ist also jedenfalls