» Also der alte Störzer ist tot ? « seufzte ich behaglich-wehmütig über dem Kaffeetisch und der neuesten Zeitung , die mir der Kellner mit den Worten gebracht hatte : » Unser Herr schickt sie dem Herrn zuerst , weil er meint , sie interessiere ihn wohl zuerst im Hause , da - Sie so weit aus der Fremde nach Hause kämen . Es hätte diesmal Zeit damit , bis sie in das Gastzimmer zu den übrigen Herren herunterkäme . « In diesem Worte des jungen höflichen Menschen kam auch wieder ein Stück Bekanntschaft aus alter Zeit zum Vorschein . Es war sehr freundlich von mine host in den Heiligen Drei Königen ; aber diesmal verlangte mich nicht grade allzusehr danach , das Neueste vom Weltgericht , nämlich von der Weltgeschichte vor die Nase zu bekommen . Ich schob das Tageblatt sehr bald zurück und dachte nochmals : Der alte Störzer tot ! Schade ! Den hast du nun also schon durch eigene Schuld versäumt , Eduard . Also nun heute unter allen Umständen nach der Roten Schanze zu - Stopfkuchen ! ... Wie dies alles doch so wieder aufwacht und auflebt , ohne daß man für seine Person weiter etwas dazu tut , als daß man hinhorcht und hinsieht ! Stopfkuchen ! Was war mir vor vierzehn Tagen noch viel übriggeblieben von Stopfkuchen - meinem alten närrischen Freunde Heinrich Schaumann , dem guten , dem lieben , dem faulen , dem dicken , dem braven Freunde Heinrich Schaumann , genannt Stopfkuchen ? Und nun hatte ich ihn plötzlich wieder ganz ! Gerade , wie ich den eben gestorbenen Störzer wieder ganz hatte . Und es wäre sehr unrecht von mir gewesen , wenn ich dem erstern nicht sofort einen Besuch gemacht hätte - jetzt , da es noch Zeit war . Ich hatte es doch eben wieder an dem letztern erfahren , wie bald man so einen letzten günstigen Augenblick versäumen kann . Ja freilich , als wir von Schulen liefen , hätte er , Heinrich , zehntausendmal leben und sterben können , ohne daß ich , eigenen Lebens und Sterbens wegen , einen kürzesten Augenblick Zeit für ihn übrig gehabt hätte . Wir kamen eben voneinander um die Zeit , wo man am allerwenigsten Zeit füreinander hat . Die heutige Leichtigkeit der Korrespondenz tut da gar nichts zu ; denn - wer schreibt heute in der Postkartenperiode noch Briefe ? Ich sehe die ganze zweite Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts und ein gut Drittel des neunzehnten den Kopf schütteln und denke an meinem Frühstückstische im Gasthause der Heimatstadt . Wenigstens einmal hättet ihr euch doch schreiben können - du und dein Freund Heinrich . Na , alles in allem genommen und dazu ehrlich gesprochen : was man so nennt , zärtlich hatten wir uns auch im persönlichen Verkehr gegeneinander nicht gehalten . Aber was man , und vorzüglich in jener Lebensepoche , gute Schulkameraden nennt , das waren wir doch gewesen , Stopfkuchen und ich . Wer von uns beiden dem andern dann und wann die meisten Haare ausgerauft , die blauesten Beulen und dickgeschwollensten Augen beigebracht hatte , das mochte heute dahingestellt bleiben . Es kam jetzt darauf an , was die Zeit aus dem dicken , guten Jungen gemacht hatte , ob er sich sehr verändert hatte und ob er infolge dieser Veränderung imstande war , jetzt ebenfalls wie seinerzeit der Bauer Quakatz der ganzen Welt und also auch mir die Pforte der Roten Schanze vor der Nase zuzuschlagen , oder ob er nach der gewöhnlichen , verlegen-ratlosen Frage : » Mit wem habe ich die Ehre ? « mir beide Hände entgegenstrecken und mit halbwegs dem alten Schulton sagen werde : » Hurrjeses , du bist ' s , Eduard ? Nu , das ist aber schön , daß du dich meiner noch erinnerst ! « In Anbetracht , daß er » weit draußen im Felde « wohnte , hielt ich es nicht für notwendig , die durch Sitte und Gewohnheit festgesetzten groß- , mittel- und kleinstädtischen Besuchsstunden innezuhalten , und war gegen neun Uhr morgens auf dem Wege zu ihm . Ein wirklich feiner Morgen . In der Stadt hatte die Polizei sich löblichst dafür an die Laden gelegt , daß die Gassen sauber gekehrt worden waren , und draußen im Freien , im » Felde « , hatte Mutter Natur dafür gesorgt , daß sich alles hübsch gewaschen hatte . Ja sie hatte es selber besorgt mit Seife und Schwamm , mit Donner und Blitz ; und wie frischgewaschenen Kindern hingen Baum , Busch , Gras und Blume noch die Tränen ob der Operation an den Wimpern , und manchem sah man es auch recht gut an , wie es sich mit Strampeln und Zappeln gewehrt hatte . Aber einerlei , überstanden war ' s noch mal , und hübsch war ' s doch jetzt so . Die Welt glänzte , und daß ein frisch wohlig Wehen darüber hinfuhr , machte den Morgen auch nicht verdrießlicher ; - drunten im jungfräulichen Kaffernlande bei den Betschuanen und Buren konnte nach einem Nachtgewitter die Landschaft nicht jugendlicher aussehen als wie hier im alten , durch das Bedürfnis ungezählter Jahrtausende abgebrauchten , ausgenutzten Europa . » Und alles noch ganz so wie zu deiner Zeit , Eduard ! « seufzte ich mit wehmütiger Befriedigung . - Dem war aber doch nicht vollständig so . Da war zum Beispiel bei näherer Betrachtung früher rechts vom Wege , der nach der Roten Schanze führt , ein ungefähr vier bis fünf Ar großer Teich oder eigentlich Sumpf ; - der war nicht mehr da . Früher aller geheimnisvoll wimmelnden Wunder voll , hatte man ihn jetzt zu einem Stücke mehr oder weniger fruchtbaren Kartoffellandes gemacht , und so nützlich das auch sein mochte , schöner war ' s doch früher gewesen und » erziehlicher « auch . Der Lurkenteich hatte das volle Recht dazu , zu verlangen , daß ich mich mit Verwunderung nach ihm umsehe und nachher schmerzlich ihn