Unwissenden gehen in das Riesengroße , Unfaßliche und suchen hinter dem , was ihm bekannt wird , noch immer Schrecklicheres . Adrienne zitterte , als seien die Sünden der Welt auf sie gefallen . Sie krankte an der Furcht , daß dies alles Wahrheit sei , und an der Gier , zu erfahren , ob hinter der Wahrheit noch eine andere , noch unmenschlichere sich verberge . Von den durchlesenen Nächten , von steter Spannung aller Nerven wurden ihre Wangen noch schmäler , ihre Augen leuchtender . Kaum nahm sie sich Zeit , sich sorgsam anzukleiden , ja , sie scheute vor dem Spiegel zurück , denn einmal , als sie , ihr schönes Haar kämmend , den zarten weißen Arm erhob , dachte sie : » Wer freut sich daran ? « und bebte vor Scham wegen dieses Gedankens . Einmal an einem der ersten Tage des Mai , der sich mit einer üppigen Schönheit über den deutschen Norden ausbreitete , wie man ihn in dieser Zone selten genießt , einmal versuchte Adrienne , den Folterqualen zu entrinnen , unter denen ihr Wesen bebte . Sie warf das Buch von sich und eilte in die Natur , um in ihre erhitzte Brust reine , frische , weite Atemzüge zu ziehen . Ihr Auge war scheu , ihr Fuß unsicher , sie kam sich vor wie aus einer Haft entlassen und doch noch nicht genug gestraft . Am Ufer der Kieler Bucht standen jetzt die Buchen des Gehölzes von Düsternbrook im jungen Laube . Der Sonnenschein rann durch das noch gelbliche und undichte Blattwerk , so daß die Wege von Licht- und Schattenflecken unruhig gemustert schienen . Rechts vom Wege , vor der steil abfallenden Uferböschung und zum Teil sich an dieser terrassenförmig niedersenkend , befanden sich Gärten und vorn an der Straße in diesen weiße Landhäuser . Das Wasser blitzte in der Tiefe auf . Es war eine Wonne und eine Pracht in dem Bild und in der von Syringenduft durchsättigten Luft , daß Adrienne sich von den Wundern des Frühlings wie betäubt fühlte . Wie selig mußten heute die Menschen sein , die liebten und mit einem frohen Genossen den Durst ihrer Herzen ganz stillen konnten . - Ein Bataillon kam mit klingendem Spiel die Wald-und Villenstraße herabgezogen . Vorauf zahllose Jungen , zu seiten mitmarschirende , lachende Menschen . Adrienne stand auf dem Bürgerstiege still . Die Trompeten schmetterten , die Trommel dröhnte , vom Glockenspiel , das , mit rot-weißem Pferdehaarbusch geschmückt , hinter dem Tambourmajor getragen wurde , fielen einzelne Silbertöne wie Schmuckperlen in die Flut der Töne . Die Militärmusik spielte einen bekannten , sehr flotten , sehr übermütigen Marsch . Die geheimnisvolle Macht , die eine schmetternde , frohe Weise über ein wundes Herz hat , zeigte sich auch hier wieder . Da werden plötzlich tausend unbestimmte Wünsche wach , da fließt jede ungestillte Sehnsucht der Seele in einer unendlichen Wehmut zusammen , da durchwallt das müde Blut ein Bedürfnis nach ungewohnten , berauschenden Freuden . Zu viel , zu viel ! Adrienne fühlte ihr Herz zerreißen . Sie stand und horchte gierig den verhallenden Klängen nach und floh dann durch die Straßen heim . Das Leben war ihr verschlossen - so wollte sie wenigstens ihr Gehirn mit den Erzählungen aus demselben betäuben . Zurück zu den Büchern ! Zu Hause lag ein Brief von Joachim auf dem Tisch . Sie schob ihn fort - er machte ihr Unbehagen . Sie dachte daran , daß auch Joachim ein Mann sei , und schauderte in krankhafter Abneigung . Es war Mittagszeit . Adrienne setzte sich und löffelte mit der Rechten ihre schlechte Wassersuppe aus , während ihre Linke einen französischen Roman hielt , auf dessen Seiten sie eben die frivole Beschreibung eines Champagnerdiners las . Ihre Wangen glühten . In ihrer Seele regte sich , tief , dunkel , wie in gesunde Menschenseelen sich die Sünde schleicht , eine fürchterliche Empfindung : die des Neides auf jene Weiber , von denen sie las . Und dabei dehnte eine unermeßliche Angst ihre Brust . Alle ihre Nerven waren angespannt wie zu einer Katastrophe . In diesem schwülen Augenblick trat die Magd ein . Adrienne erschrak so , daß sie krampfhaft aufschrie . » Draußen ist eine Dame , « sagte die Magd . Adrienne starrte sie mit offenem Mund an . Da erhob sich im Korridor eine sonore , frohe Stimme und rief : » Ich bin es ! « Adrienne kannte die wohltönende Altstimme nicht , aber sie schrie zum zweitenmal auf , als die Dame nun in der Thür erschien . Es war Fanny Förster . Und es war , als hätte jemand in einer dunklen Stube plötzlich Licht gemacht . Fanny breitete die Arme aus , und die unglückliche Frau rettete sich hinein wie in einen Hafen , schmiegte sich an Fanny , als stände hinter ihr jemand , der sie wieder in einen häßlichen Sumpf zurückreißen wolle . » Armes Kind ! « sagte Fanny ; » ich dachte mir so was . « Dabei ging ihr Auge über die Wassersuppe und das sonnenlose Zimmer hin . Adrienne bebte so heftig , daß Fanny sie liebevoll zum Sofa führte , wo sie sich in eine Ecke warf , das Gesicht an den Polstern verbergend . Fanny hob unterdes den herabgefallenen französischen Roman auf , sah hinein , blickte kopfschüttelnd auf Adrienne und klappte das Buch zu . Dann trat Fanny vor den Pfeilerspiegel und nahm ihren schleierumwundenen Reisefilzhut ab . Sie strich mit ihren weißen , wohlgeformten Händen den welligen Scheitel hinunter , doch erwies sich die Bemühung , das glanzlose , lockere Blondhaar zu glätten , als nutzlos ; es war immer ein wenig rauh bis in den dicken Knoten , der in klassischer Weise über dem schlanken Nacken saß . Fanny Förster hatte ein Gesicht mit großen Zügen : eine gebogene Nase , eine breite Stirn , einen großen Mund mit herrlich gezeichneten Lippen und wundervollen Zähnen und ein