nie und niemals ; Tag für Tag kam er ans Tor des Schloßgartens und spähte in den Hof hinein und starrte die Fenster des Hauses an . Anfangs mit sehnsüchtiger Hoffnung im Herzen , später , als ihm diese allmählich erloschen war , aus alter Gewohnheit . Eines schönen Mainachmittags fand er , als er an seinen Beobachtungsposten trat , zu seiner höchsten Überraschung das Gartentor offen . Unter den Säulen der Einfahrt stand die Equipage der Frau Baronin , eine geschlossene Kalesche , mit dicken Fliegenschimmeln bespannt . Die Dienerschaft drängte sich grüßend und knixend um den Wagen , auf dem ein Koffer aufgebunden war . Nun flog der Schlag lärmend zu , der Lakai sprang zum Kutscher auf den Bock , der schwere Kasten schwankte auf den Schneckenfedern , das Gefährt setzte sich in Bewegung . In kurzem Trabe umkreiste es den Hof , bog ganz langsam um die Ecke am Torpfeiler und rollte der Straße zu . Pavel hatte einen Blick in das Innere des Wagens geworfen und war zurückgefahren wie geblendet . Er preßte das Gesicht an die Mauer ; er schloß die Augen und sah dennoch wieder sah mit den geschlossenen klar und deutlich , was er eben mit seinen offenen Augen gesehen ; - die Frau Baronin war nicht allein in ihrem wunderbaren Wagen ; neben ihr saß ein kleines Fräulein , in schönen Kleidern , mit einem Hütchen auf dem Kopfe , und hatte wohlbekannte , hatte die lüge Miladas , aber so runde und rosige Wangen , wie seine Schwester nie gehabt . Plötzlich richtete der Bursche sich empor und sprang in tollen Sätzen dem Wagen nach . Der hatte abermals eine Wendung gemacht und glitt mit eingelegtem Radschuh im Schritt der dicken Schimmel den Abhang des Schloßbergs hinab . Pavel lief quer über das grüne Feld , lief der Kalesche voraus und erwartete sie , am Wegrain aufgestellt , pochenden Herzens . Sie kam quietschend und rasselnd heran , und der Junge streckte sich , guckte und erblickte abermals die liebliche Erscheinung von vorhin . Und jetzt war auch er gesehen worden , ein Freudenjauchzen drang an sein Ohr , die Stimme Miladas rief : » Pavel , Pavel ! « Mit solchem Ungestüm warf das kleine Mädchen sich ans Fenster , daß die Scheibe klirrte und in Stücke brach . Sogleich hielt die Karosse , und der Bediente schickte sich an , vom Bock zu steigen . Hastig befahl die Baronin : » Sitzenbleiben ! Vorwärts , jagt den Buben fort ! « Die Peitsche knallte um Pavels Kopf , und drinnen im Wagen erscholl lautes Jammergeschrei ... Dazwischen ließ ernster , liebevoller Zuspruch sich vernehmen . Pavel sah , daß die alte Dame das Kind an sich gezogen hatte und daß es in ihren Armen weinte . Dieses Weinen ging ihm durch Mark und Bein ; dieses Weinen mußte aufhören , dem mußte er ein Ende machen . Da stieß er auf einmal einen Jauchzer aus , wie er dem Übermütigsten nicht besser gelungen wäre , und begann in gehöriger Entfernung von der Kutscherpeitsche bärenplump und emsig Räder und Purzelbäume zu schlagen . Wenn der Atem ihm auszugehen drohte , stand er still , lachte zu der Kleinen hinüber , machte Zeichen und schnitt Gesichter , bis sie endlich in ein fröhliches Gelächter ausbrach . Ach , wie hüpfte ihm das Herz im Leibe , als er einmal wieder ihr liebes Lachen vernahm ! Die Entfernung zwischen ihm und dem Wagen wuchs und wuchs . Pavel lief und sprang nicht mehr ; er schritt nur noch , und als er am großen Berge angelangt war , erklommen die Schimmel eben dessen steilen Gipfel . Mühsam keuchte er die Höhe hinan , und oben brach er zusammen , mit hämmernden Schläfen , einen rötlichen Schein vor den glühenden Augen . Zu seinen Füßen breitete die sonnenbeglänzte Ebene sich aus ; an der Grenze derselben lag die Stadt ; einzelne ihrer Häuser schimmerten schneeweiß herüber ; die vergoldeten Spitzen der Kirchtürme glitzerten wie Sterne am blauen Tageshimmel . In der Richtung gegen die Stadt schlängelte sich die Straße durch die grünen Fluren , und auf der Straße glitt ein schwarzer Punkt dahin , und diesen Punkt verfolgte Pavel so inbrünstig mit den Blicken , als ob das Heil seiner Seele davon abhinge , daß er ihm nicht entschwinde . Als es geschah , als die Schatten der Auen den kleinen Punkt aufnahmen und ihn nicht mehr zum Vorschein kommen ließen , streckte sich Pavel flach auf die Erde und blieb so regungslos liegen wie ein Toter ... Seine Schwester war ein Fräulein geworden und war fortgefahren in die Stadt . Wenn er jetzt ans Gartentor kam , mochte er nur vorübergehen ; mit der Freude , nach der Kleinen auszulugen , war es nun nichts mehr . Herb und trostlos fiel der Gedanke an den Verlust seines einzigen Glückes dem Jungen auf die Seele . Gern hätte er geweint , aber er konnte nicht ; er wäre auch gern gestorben , gleich hier auf dem Fleck . Er hatte oft seine Existenz verwünschen gehört , von seinem eigenen Vater wie von fremden Menschen , und nie ohne innerste Entrüstung dabei zu empfinden ; jetzt sehnte er sich selbst nach dem Tod : und wenn es einmal so weit gekommen ist mit einem Menschen , kann auch das Ende nicht mehr ferne sein , meinte er . Und steht es einem nicht frei , es zu beschleunigen ? Es gibt allerlei Mittel . Man hält zum Beispiel den Atem an , das ist keine Kunst ; es handelt sich nur darum , daß es lange genug geschieht . Pavel unternimmt den Versuch mit verzweifelter Entschlossenheit , und wie er dabei den Kopf in die Erde wühlt , regt sich etwas in seiner Nähe , und er vernimmt ein leises Geräusch , wie es durch das Aufspreizen kleiner Flügel hervorgebracht wird . Er schaut ... Wenige Schritte von ihm sitzt ein Rebhuhn auf