Dort kommt sie schon herangekrochen mit müdem Geklingel . « » Wir haben noch gar kein Vergnügungs-Programm gemacht ! « » Das laßt meine Sorge sein , « rief Kuglmeier . » Da kann ' s uns nicht fehlen . Kuglmeier ist die rechte Hand des Zufalls , « bemerkte der Mediziner Stich , der auf den Kneipnamen Hippokrates hörte . Der einspännige blauweiße Kasten rollte vorüber , die jungen Herren sprangen einer nach dem andern auf die Plattform . Im Innern saßen , beschienen von der gelben Laterne , zwei etwas auffallend geputzte Mädchen , eine stumpfnäsige Brünette und eine langnäsige Blondine , beide mit exzentrischen Hüten aus hochgestülptem , schwarzem Filz und steifen , gespreitzten Federn , wodurch die ermüdeten Gesichter etwas gewaltsam Kühnes und Herausforderndes erhielten . Fest im straffen Korsett sitzend , die Beine übereinander geschlagen , mit den Stiefletten klopfend , die einen kräftigen , aber wohlgeformten Fuß umspannten , wandte sich die Brünette mit einer raschen Bemerkung ans Ohr der Blondine , worauf diese mit einem schmachtenden Blick auf die Plattform antwortete . Als Fortsetzung unterdrückte sie ein Gähnen , hielt die gelbgantierte Hand muschelförmig über den Mund und flüsterte : » Hunger hab ' ich . « » Und ich Durst . Prost Mahlzeit ! « kicherte die Brünette und gähnte gleichfalls mit Anstand . » Wohin fahren die Herren ? « fragte der Kondukteur . » Ja , wohin fahren wir gleich - « meinte Kuglmeier mit komischer Unsicherheit . » Der rechte Führer ! Prädestiniert für den deutschen Generalstab ! Du lieber Gott , Damen haben überall den Vortritt : wir fahren den Damen da drinnen nach ! « vermittelte lachend der Rheinänder und seine Schelmenaugen umspielten einladend die beiden Mädchen , denen die Geschichte offenbar gar nicht übel gefiel , denn sie stießen sich an , schlugen die Augen à tempo halb nieder und zwinkerten durch die Lidspalte mit leisem Kopfnicken dem munteren Sprecher zu . » Also geben Sie uns für zehn Pfennige pro Mann , « sagte Kuglmeier trocken und steckte dem Kondukteur ein halbes Markstück in die Hand . Der Wagen durchrollte die lange Reichenbachstraße und hielt an der Haltestelle bei der Einmündung in die Frauenhoferstraße . Niemand machte Miene zum Aussteigen . Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung . Eine leichte Steigung gegen die Reichenbachbrücke veranlaßte den Kutscher langsamer zu fahren ; auf der Brücke angekommen , einem alten Balkengerüst von der architektonischen Schönheit der Pfahlbauzeit , ließ der Kutscher sein Pferd vorschriftsmäßig im Schritte gehen . Der müde Schimmel , dankbar für diese ortspolizeiliche Vorschrift , streckte den Kopf rechts und links , pustete seinen glühenden Atem in die schwarze Nachtluft hinaus , daß weiße Nebel um seine Nüstern sprühten , hob den Schweif und blieb mitten auf der Brücke stehen , um ein natürliches Bedürfnis zu befriedigen . Die Mädchen stießen sich wieder an , zupften ihre exzentrischen , hochgestülpten Filzhüte mit den gespreitzten Federn zurecht - und benützten den unfahrplanmäßigen Halt zum Aussteigen . » Erlauben Sie , daß wir die schöne Gelegenheit bei der Hand ergreifen , « sagte der Rheinländer galant und erhaschte die flinke Brünette bei den Fingerspitzen , zog damit ihren Arm an sich und , mit ihr gleichzeitig den Boden betretend , schlang er als vorsichtiger Ritter noch seinen Arm um ihre Hüfte , damit sein Schützling auf der schlecht beleuchteten Brücke ja nicht zu Fall komme . Die übrigen Kameraden , elektrisiert von seinem Beispiel , wollten sich gleichzeitig um die Blondine bemühen , aber da kam einer dem andern in die Quere , das Pferd zog plötzlich an und der kleine Kuglmeier blieb mit dem Absatz am Tritteisen hängen , fiel und drückte die lange Blondine mit zu Boden . Die Brünette schrie und lachte zugleich , sich fest an den Rheinländer drückend , der sie im ersten Schreck mit beiden Armen umschlang , während die Andern im Rettungseifer blind dreintappten - merkwürdigerweise keiner nach Kuglmeier , alle nach dem Mädchen ! - und der eine ein Bein , der andere einen Arm , der dritte den Federhut erwischte . » Hippokrates vor ! « rief der Rheinländer . Inzwischen hatte sich die Blondine in die Höhe gearbeitet und lachend den kleinen Kuglmeier mit aufgezogen . » Hippokrates , walte Deines Amtes ! Biete der Gefallenen Deine hilfreiche Kunst ! « Die Brünette hatte sich mit einem letzten zärtlichen Druck von dem Rheinländer losgemacht , um ihrer Freundin die Kleider und den Hut ordnen zu helfen . » Ach , es ist gar nichts , « versicherte die Blondine mit dem besten Humor von der Welt . Hippokrates ließ sich aber dadurch nicht abhalten , als gewissenhafter Medizinmann seine Pflicht zu erfüllen . Er strich und tastete und drückte mit beiden Händen an dem Mädchen herum , das sich nur zum Schein gegen so sachverständige Sorgfalt wehrte . Die Brücke war menschenleer ; die kleine Gesellschaft stand allein in ihrer abenteuerlichen Intimität da , über sich den schwach besternten Wolken-Himmel , unter sich die rauschende Isar , ringsum die dunkle , laue Nacht , in welche die Gasbeleuchtung diskrete Lichtpünktchen säete . Der emsige Hippokrates ließ sich auf ein Knie nieder , nahm die Fußknöchel der Blondine zwischen Daumen und Zeigefinger , frottierte mit der Hand hurtig bis an die halbe Wade hinauf - und » Eine Röte , eine verdächtige Röte ! Thut ' s weh ? « rief er und erfaßte das Strumpfband . » Was Röte ! Das ist ja die Farbe des Strumpfes ! « rief lachend das Mädchen . » Sie sind mir ein schöner Doktor - « und mit einem Ruck entzog sie ihm das Bein . Allgemeine Heiterkeit . Der Heiterste aber war Hippokrates : er richtete sich hoch auf und schwang triumphierend das Strumpfband . » Nein , ist das lustig ! « und die Brünette hüpfte wieder zu ihrem Ritter , der ihr galant den Arm bot . Der Rheinländer mit den glücklichen Schelmenaugen hob jetzt