Tanz- und Tafelfreuden , wie der letzte Prunkzug der Hingeschiedenen - das alles , was den verschiedenen Generationen Kopf und Herz bewegt und erfüllt , es war verbraust und verschmerzt , und nur die Fußspur war verblieben . - Und jetzt stieg die zierliche alte Dame mit ihren kleinen Goldkäferschuhen auch Stufe um Stufe hinauf , um droben eine Herzensbeklemmung loszuwerden - Unmut und Besorgnis sprachen deutlich genug aus ihren Zügen . Herrn Lamprechts Privatwohnung bildete , hart an der Treppe gelegen , den Schluß der langen Zimmerreihe in der mittleren Etage . Hinter diesen Räumen , nach dem Hofe zu , lag der Korridor oder Flursaal , wie er im Hause genannt wurde , in seiner Länge und gewaltigen Breite so recht der Raumverschwendung der alten Zeiten entsprechend . Er endete erst hinter dem letzten Zimmer , dem sogenannten roten Salon ; dort bog er um die Ecke des angebauten östlichen Seitenflügels und verengte sich zu dem dämmernden Gang hinter Frau Dorotheens Sterbezimmer , in welchen nur an dem entgegengesetzten äußersten Winkel , da , wo ein paar kleine Stufen seitwärts in das Packhaus hinunterführten , das karge Tageslicht durch ein hochgelegenes Fensterchen hereinfiel . In dem Flursaal standen altertümliche Kredenzen von wundervoller Schnitzarbeit , und an der Rückwand , zwischen den herausführenden dunkelgebeizten Flügelthüren der Zimmer , reihten sich Stühle hin , über deren Sitze und Polsterlehnen sich noch derselbe gepreßte gelbe Samt spannte , den einer der alten Kaufherren einst aus den Niederlanden mitgebracht ... Hier war manches Menuett aufgeführt , mancher Festschmaus abgehalten worden , und es ließen sich auch heute noch die häßliche Frau Judith in der Spitzendormeuse und das verführerische junge Weib mit den Karfunkelsteinen im Haar als Herrinnen in die altfränkische Ausstattung unschwer hineindenken . - Aber mochte auch vieles von dem Prachtgerät der Urväter seinen Platz hier und in den Zimmern und Sälen drinnen behauptet haben , vor der Wohnung des Hausherrn machte die Pietät Halt , und der moderne Luxus übernahm die Herrschaft . Es war mehr das Boudoir einer Dame , als ein Herrenzimmer , in welches Herr Lamprecht seine Schwiegermutter eintreten ließ . Rosenholz und Seide , Aquarellbilder und ein sanftes Rosalicht , das von den Vorhängen und Polsterbezügen ausging - dies zarte Gemisch bildete zusammen eines jener süßen Nestchen , in welchem man sich eine schöne junge Frau behaglich zusammengeschmiegt denkt - und hier hatte in der That Herrn Lamprechts verstorbene Frau gewohnt . Die Frau Amtsrätin ging auf einen der kleinen Lehnstühle zu , die , halb in die Spitzen und Seidenfalten der Vorhänge vergraben , die tiefen Fensterwinkel füllten . Ihr kam in diesem Raum nur selten noch der Gedanke an die Tochter , die einst hier gewaltet ; sie war es gewohnt , ihren Schwiegersohn an dem kleinen Schreibtisch sitzen und all das zierliche Gerät benutzen zu sehen . Ein Mann von starken Leidenschaften , hatte er sich nach dem Tode der jungen Frau in seinem ersten Schmerz hier eingeschlossen , und seitdem war das Zimmerchen sein Tuskulum verblieben . » Ach , wie reizend ! « rief die alte Dame und blieb wie angefesselt vor dem Schreibtisch stehen , neben welchem sie sich eben niedersetzen wollte . Sie war auch reizend , die Malerei in Wasserfarben da auf dem Medaillon einer Briefmappe - ein durchsichtiges Gegitter von zartem Farnkraut , und dahinter wie eingefangen ein Stückchen des geheimnisvollen Sprießens , Lebens und Webens nahe dem Waldboden . » Eine originelle Idee , und wie sauber ausgeführt ! « setzte die Frau Amtsrätin hinzu und nahm die Lorgnette zu Hilfe . » Hier das Blumengeistchen , wie es sich begehrlich aus seinem Glockenblumenhäuschen nach der Erdbeere hinüberreckt - wirklich ganz allerliebst ! ... Eine Arbeit von schöner Damenhand , Balduin ? - Hab ' ich recht ? « » Möglich ! « meinte er achselzuckend mit einem flüchtigen Seitenblick nach der Mappe , während er sich bemühte , ein schiefhängendes Bild an der Wand gerade zu rücken . » Die Industrie rekrutiert ja heutzutage eine ganze Armee helfender Kräfte auch aus der Frauenwelt - « » Also nicht speziell für dich ausgedacht ? « » Für mich ? ! « - Der kleine Nagel , der das Bild seitwärts in gerader Linie festhalten sollte , war herausgefallen - der große , stattliche Mann bog sich tief nieder , um den Flüchtling auf dem Teppich zu suchen , und als er sich wieder aufrichtete , da hatte ihm das Bücken das ganze Blut nach dem Kopfe getrieben ... » Liebe Mama , sollten Sie wirklich von dem allermächtigsten Faktor in unserem modernen Leben , dem Egoismus , nichts wissen , und könnten Sie in der That glauben , daß man heutzutage irgend etwas ganz umsonst , ohne die geringste Hoffnung auf Erfolg thue ? « Er sagte das noch abgewendet , wobei er den Nagel wieder in die Wand zu drücken suchte . Nun erst wandte er der alten Dame sein Gesicht voll zu - um seinen Mund zuckte es bitter und spöttisch . » Nehmen wir doch einmal alle die schönen Damenhände unserer Kreise durch , und sagen Sie mir , welche von ihnen wohl im stande sein würde , eine solch künstlerische , die größte Geduld erfordernde Aufgabe auszuführen für einen Mann , der - nicht mehr zu haben ist ! « Er trat auf das andere Fenster zu , während sich die alte Dame in ihrem kleinen , weichen Lehnstuhl zusammenschmiegte . » Nun ja , darin magst du wohl recht haben ! « sagte sie lächelnd und in dem gleichmütigen Tone , wie man längst Feststehendes , Unanfechtbares und sattsam Bekanntes zugibt . » Es ist allerdings stadtkundig , daß unsere arme , teure Fanny dein Gelöbnis der Treue für Zeit und Ewigkeit mit in das Grab genommen hat . Erst vorgestern abend wieder war bei Hofe die Rede davon . Die Herzogin sprach von der Zeit , wo meine arme Tochter noch gelebt und eine vielbeneidete Frau gewesen sei , und