es mir nicht einfiel zu denken , ein andres Interesse als das an seiner kleinen Nichte führe uns den jungen Herrn fast täglich in den Weg . Allmählich jedoch mußte ich trotz aller Unbefangenheit innewerden , daß er mit mir kokettierte , daß die gute Laune , das kindliche Wesen , deren er sich befliß , die Geschicklichkeit und Kühnheit , mit der er für die Kleine eine Blume von steiler Felswand , einen Mistelzweig aus einer Baumkrone herabholte oder zu ihrem Ergötzen einen schäumenden Waldbach übersprang - doch nur von mir bewundert werden sollten . Einen Augenblick vielleicht - ich sage vielleicht , denn ich weiß es wirklich nicht mehr gewiß - schmeichelte mir diese Entdeckung ; der bleibende Eindruck jedoch , den sie auf mich hervorbrachte , war der des Widerwillens . Naive Gefallsucht ist nur albern , man kann sie entschuldigen , sogar bei einem Manne ; aber bewußte , berechnete Gefallsucht , die erschien mir immer verachtenswert , und ich fand nicht nötig , das dem jungen Grafen zu verbergen . Statt darüber in Zorn zu geraten , wurde er sentimental , begann den Gekränkten zu spielen und trieb großen Aufwand mit Seufzern und verschleierten Blicken . Niemals aber tat er eine Äußerung , die er nicht auch vor hundert Zeugen hätte tun oder die ihn hätte verhindern können , mich für verrückt zu erklären , wenn ich behauptet haben würde , er mache mir den Hof . Diese Vorsicht war überflüssig . Seiner Freiheit drohte durch mich keine Gefahr , und wie wenig mir daran lag , ihn in Bande zu schlagen , das erfuhr er später . Ich habe Ihnen gesagt , daß der Graf seine Tochter fast regelmäßig in den Abendstunden zu sich rufen ließ und daß ich die Weisung hatte , sie zur Zeit ihres Schlafengehens abzuholen . Ich erwartete sie im großen Saale , wohin der Graf sie brachte , um sie persönlich meiner Obhut zu übergeben . Dabei sagte er mir immer ein paar freundliche Worte , wenn auch nur ganz eilig und kurz , denn seine Gäste folgten ihm gewöhnlich schon auf dem Fuße , da die Gesellschaft sich vor dem Souper im Saale versammelte . Eines Abends hatte ich mich , überpünktlich in meinem Eifer , nicht auf mich warten zu lassen , zu früh im Saale eingefunden . Er war noch unerleuchtet , und in dem mit Gobelins und dunkelm Getäfel versehenen Raum , den sogar das Tageslicht nicht völlig zu erhellen vermochte , herrschte jetzt im Zwielicht beinahe völlige Finsternis . Ich tappte mich zu meinem Platz in der Nähe der Tür , durch die der Graf einzutreten pflegte . Sie führte aus seinen Zimmern in den Saal , und ihr gegenüber lag der Eingang zu den von der Gräfin bewohnten Gemächern . Dann gab es noch zwei Türen , einander gleichfalls gegenüberliegend : die des Altans und eine , durch die man aus der Halle hereingelangte , in welche das Treppenhaus mündete . Nun denn , ich sitze eine Weile ganz ruhig und warte . Da ist mir plötzlich , als ob ich am andern Ende des Saales ein Geräusch vernähme und dort etwas sich regen sähe , das meine allmählich an die Dunkelheit gewöhnten Augen als eine hoch über das menschliche Maß hinausragende und doch menschliche Gestalt erkennen . Ich rufe sie an und schreite geradeswegs auf sie zu . Ängstlich und flüsternd antwortet sie mit einer Beschwörung , mich ruhig zu verhalten . Ich stehe jetzt dicht vor ihr , fasse sie am Kleide und überzeuge mich , daß ich es mit meiner Feindin , der Bonne , zu tun habe , die auf einen Schemel gestiegen ist , um ihr Ohr an das Schlüsselloch der hohen Flügeltür legen zu können , an der sie lauscht , die Abscheuliche ! Herunter ! sage ich , herunter - oder ich rufe ... Sie mußte gehorchen , stieg von ihrem Schemel , schob ihn weg und brummte : Ich kann ohnehin nichts mehr hören , sie sind ins zweite Zimmer gegangen ; er bekam schöne Vorwürfe - Ihretwegen ! Wer ? fragte ich bestürzt . Nun - wer ? ... Ihr Seladon ! zischelt sie , und im nächsten Augenblick : Still , er kommt ! und zerrt mich in die Nähe der Wand ... Die Tür , vor der wir eben gestanden hatten , öffnet sich , ein Mann durcheilt mit leisen Schritten das Gemach , die Balkontür wird vorsichtig aufgetan und wieder geschlossen ... Einige Sekunden vergehen , die energische Französin hat mich in die Mitte des Zimmers geführt und tut , während eben eingetretene Diener sich damit beschäftigen , die Kerzen an den Kronleuchtern und Girandolen zu entzünden , als ob sie mit mir ein eifriges Gespräch über Anka fortsetzte . Dann geht sie mit der unschuldigsten und heitersten Miene ihrer Wege . Ich vermochte nur sie anzustarren und zu schweigen . Was bedeutete der geheimnisvolle Vorgang ? Wer hatte sich soeben aus dem Zimmer der Gräfin gestohlen wie ein Dieb und stand jetzt auf dem Altan wie ein Ausgesetzter ? ... Er konnte nicht mehr in den Saal zurück , die Diener hatten den Eingang schon verriegelt und waren noch mit dem Herablassen der Vorhänge beschäftigt , als der Graf eintrat . Er führte Anka an der Hand und ersuchte mich , sie sogleich zu Bett bringen zu lassen , sie scheine nicht ganz wohl zu sein . Indessen war sie nur verdrießlich . Gewiß hatte Papa , ohne es zu ahnen - absichtlich tat er es ja leider nie - , ihr eine Laune durchkreuzt , und jetzt schmollte sie mit ihm . Und ihr Schmollen war etwas Widerwärtiges . Jeder Zug von Kindlichkeit verschwand dabei aus ihrem Gesicht , sie wurde ganz blaß , man konnte sie wirklich für leidend halten . - Dieser Zustand änderte sich wie auf einen Zauberschlag , sobald sie ihrem Vater aus den Augen kam , und als wir unsere Gemächer betraten , begann