Aber wenn du , Lieber , auf dein Schild auch nur G. Feßler hättest schreiben lassen , für uns hätte es dennoch und immer Geschwister Feßler bedeutet . « » Geschwister - so ? - - ja , Geschwister « , murmelte er und zögerte , die Hand anzunehmen , die Lotti ihm reichte . Allein er ergriff sie doch und drückte sie fest und treuherzig , als Lotti sagte : » Es versteht sich ja von selbst , daß wir zwei nach wie vor treu zusammenhalten . « » Das Schild wird also aufgemacht « , sprach er , mit einem herzhaften Versuch , vergnügt zu scheinen . » Komm es bewundern , komm bald ! « Er nahm seinen Hut und verließ das Zimmer . Lotti war wieder allein und setzte ihre einen Augenblick unterbrochene Beschäftigung emsig fort . Sie hatte an der Uhr , die Gottfried mitgebracht , alle Brücken abgeschraubt , alle Räder ausgehoben , bis auf das Minutenrad . Das haftete noch , festgehalten vom Viertelrohr . Aber auch dieses muß nun weichen , das letzte Rad liegt bei seinen Kameraden , und Lotti hat gefunden , was sie suchte , was sie zu finden gewiß war . Ihren eigenen Namenszug und das Datum des 12. Mai , mit fast unsichtbar kleiner Schrift in die Bodenplatte eingeritzt und verborgen durch die Zähne des Rohres . Am 12. Mai , an dem Tage , der sich heute zum fünfzehnten Male jährte , hatte sie diese Zeichen da hineingeschrieben und diese Uhr ihrem Verlobten geschenkt und dabei gesagt : » Sie kann uns gute , sie kann uns traurige Stunden anzeigen , aber keine , in der unsere Treue gewankt . « So vermessene Behauptungen wagt die Jugend aufzustellen , solche Schwüre schwört die kindische Liebe , die , kaum erwacht , auch schon die Kraft in sich fühlt , ewig zu leben . Torheit ohnegleichen ! Ebensogut könnte die Rose schwören , daß sie niemals welken wird , denkt Lotti , und halb erloschene Erinnerungen tauchen in ihrer Seele auf . Bleiche Schatten ringen sich los aus der Nacht der Vergessenheit und gewinnen allmählich Farbe und Gestalt . Sie ziehen langsam vorüber , mächtig genug , um noch eine leise Wehmut , nicht mehr mächtig , einen Schmerz zu erwecken . Sie gleichen dem Gedanken an einen dunkeln , peinvollen Traum , aus dem der Schläfer zum Licht und zum Frieden erwacht . 5 Vor fünfzehn Jahren , an einem Winternachmittage , war ein junger Mann in der Werkstätte Feßlers erschienen und hatte ihm eine alte Uhr gebracht , mit der Bitte , sie zu schätzen . Während Feßler die Uhr betrachtete , betrachtete der junge Mann ihn so aufmerksam , wie ein Maler tut , der sich das Bild eines Menschen , den er aus dem Gedächtnis malen soll , einzuprägen sucht . » Dies ist « , sprach Feßler , nachdem er seine lange und sorgfältige Untersuchung beendet hatte , » ein kostbares Stück . « Er rief seine Tochter herbei , um auch ihre Meinung zu hören . » Wie ? « sprach der Fremde ein wenig spöttisch und sehr erstaunt , » sind Sie Kennerin , mein Fräulein ? « Lotti fühlte den Blick auf sich ruhen , mit dem fast alle jungen Männer , denen sie zum ersten Male begegnete , sie ansahen ; den Blick , der deutlich fragt : Was willst du in der Welt ? und an den ein nicht hübsches Mädchen sich gewöhnen muß . Sie nahm die Uhr aus der Hand ihres Vaters und erkannte in derselben sogleich einen Taschenchronometer von Emmery mit Mudgescher Hemmung . Der Fremde lachte herzlich auf , als sie das sagte . » Ist ' s richtig , Herr Feßler ? « » Ganz richtig « , erwiderte dieser , unangenehm berührt von dem über Gebühr zutraulichen Wesen des jungen Mannes , der , an die Seite Lottis tretend , in seinem früheren Tone fortfuhr : » Sie können mir vielleicht auch sagen , was diese Uhr wert ist ? « Lotti schüttelte den Kopf . » Was sie jetzt wert ist , kann ich nicht sagen ; als sie neu war , sind gewiß nicht weniger als 150 Guineen für sie bezahlt worden . « » Als sie neu war ? Und wann mag das gewesen sein ? « » Vor siebzig Jahren etwa . « » Ich bewundere Sie ! « rief der junge Mann äußerst belustigt ; » das alles erkennen Sie so auf den ersten Blick ? ... Jetzt aber die letzte , wichtigste Frage : Wieviel ist sie heute , wieviel ist sie Ihnen wert ? « fügte er zu Feßler gewendet hinzu . » Sie wäre mir sehr viel wert , wenn ich nicht schon eine ganz ähnliche besäße « , entgegnete dieser . » Ah ! in Ihrer Sammlung ? ... Wenn Sie doch wüßten , Herr Feßler , wieviel Gutes und Schönes ich schon von ihr gehört habe ... von dieser Sammlung , und wie glücklich ich wäre , sie kennenzulernen ... Wenn Sie das wüßten - Sie würden mir den elenden Vorwand verzeihen , den ich gebraucht habe , um mich bei Ihnen einzuschleichen . « Er legte eine gründliche Beichte ab . Er hieß Hermann von Halwig , war ein kleiner Beamter und nebenbei ein ganz kleiner Poet und arbeitete eben an einer Novelle , in welcher eine alte Uhr eine große Rolle zu spielen hatte . Die mußte geschildert werden , und um das zu können , brauchte er ein Modell , brauchte er vor allem einige fachmännische Kenntnis . » Nehmen Sie mich ein wenig in die Lehre , bester Meister « , schloß er , » würdigen Sie mich eines Einblicks in Ihre Sammlung - Ihr Heiligtum , wie ich höre . - Daß ich ein ausgezeichneter Schüler sein werde , das verspreche ich nicht , aber ein dankbarer bin ich gewiß ! « Feßler sah den hübschen