, hatte etwas gelernt - warum sollte er ein » Schnorrer « werden ? ! Es fiel ihm gar nicht bei , er war nur eben der Meinung , daß den Haselstauden eine längere Beize nicht schaden würde , und wollte den Zorn seiner Eltern ausrauchen lassen , ehe er heimkehrte . Auch war es für ihn - wie für manchen vor und nach ihm , der die gleichen Pfade geschritten - eine große Verlockung , daß er nicht um Brot und Obdach zu sorgen brauchte . Wie der Scholar des Mittelalters von einer Universität zur anderen , noch öfter ins Blaue hinein , sorgenlos durch ganz Deutschland ziehen konnte , weil ihm sein Barett und sein bißchen Latein die Türe jedes Pfarr- und Bürgerhauses öffneten , so genügt noch heute in Halbasien das Wort : » Ich bin ein Jeschiwa-Bocher « ( Zögling einer Talmudschule ) , und die spitzfindige Auslegung irgend einer Bibelstelle , um dem Knaben , dem Jüngling jedes jüdische Haus , in das er tritt , zur gastlichen Stätte zu machen . Das Gegenteil wäre eine Sünde , denn wer in der Lehre forscht , dient dem Herrn , und wer ihn unterstützt , erwirbt den Himmel . Nicht einmal mit allzuviel Fragen wurde Mendele behelligt ; sagte er den Leuten , er sei auf der Suche nach einer passenden Schule , so wunderten sie sich auch darüber nicht . Ein begabter » Bocher « wählt sich die » Jeschiwa « sorglich aus und bindet sich nie , ehe er sie persönlich kennen gelernt , ehe er weiß , was ihm dort an weiterer Ausbildung oder an Stipendien geboten wird . Wenn Mendele so sprach , so log er freilich ; er wollte zunächst keine neue Schule beziehen , ehe er nicht den Zorn der Eltern beschwichtigt hätte . Nur kam ihm das Wandern , der Verkehr mit den vielen fremden Menschen so ergötzlich vor , daß er die Heimkehr immer wieder aufschob , und als er gar ins Posensche gelangt war , gefiel es ihm dort so gut , daß er seiner guten Vorsätze ganz vergaß . Hier waren die Städtchen reinlicher , die Gemeinden wohlhabender , aber auch die Gelehrsamkeit vernünftiger ; ohne es selbst recht zu empfinden , standen die dortigen Rabbinen ein wenig unter dem Einfluß des deutschen Geistes und beschäftigten sich lieber mit den wissenschaftlichen Problemen des Talmuds , als mit den Fragen über die Himmelsleiter . Das gefiel dem begabten Knaben , schon weil es ihm neu war , er blieb monatelang da und dort haften und lernte ernsthaft . Aber zu seinem Unglück war auch die preußische Polizei regsamer als die russische und schaffte ihn eines schönen Tages , da er keine Papiere hatte , über die Grenze . Das rüttelte ihn auf ; er schrieb an seine Eltern , ob er heimkehren dürfe . Eine Antwort wurde ihm nicht . Sie zürnten also noch schwerer , als er gedacht , und so traute er sich nicht heim , sondern wanderte ziellos im » Großherzogtum Warschau « umher , das die Laune Napoleons kurz vorher geschaffen hatte . Auch nun hatte er nicht Hunger noch Kälte zu leiden , zugleich stumpfte ihn die Gewohnheit gegen die Mühsal dieses unsteten Lebens ab . Dennoch regte sich ihm die Sehnsucht nach den Eltern immer stärker im Herzen und er beschloß , die Heimkehr zu wagen , auf die Gefahr , daß der Empfang noch so unfreundlich ausfalle . Diesmal aber trat der Zufall dazwischen oder , wenn man will , das Schicksal . Als Mendele im Frühling 1812 langsam aus dem Krakau ' schen , wo er zuletzt verweilt hatte , nach Norden pilgerte , begegnete er den Kolonnen der » großen Armee « , die sich eben langsam nach Rußland wälzten . Es war später das Hauptstücklein des Kowners - und es hat ihn lange überlebt - zu berichten , wie er bei dieser Gelegenheit zufällig die Bekanntschaft des größten Mannes seiner Zeit gemacht und verstanden habe , sich ihm durch wichtige strategische Ratschläge unentbehrlich zu machen . » Seid Ihr schon in Warschau gewesen ? « pflegte er mit der Frage an seine Hörer zu beginnen . » Wer dort war , kennt gewiß das große gelbe Wirtshaus gleich rechts neben der Maut ; damals hat es der alte Reb Mosche gehalten , Mosche mit der roten Nas ' ; ein braver Mensch , der sich nie darüber beklagt hat , daß er nicht einmal zum Fenster hinausschauen darf . Nämlich die russische Polizei hat es ihm verboten , weil sonst alle Fremden geglaubt hätten , daß Warschau brennt . Auch sonst ein guter Mensch , er hat mich aufgenommen wie einen Sohn und mir guten Rat gegeben , wenn er nüchtern war , aber freilich war er nie nüchtern . Nun , auf einmal darf der arme alte Mann wieder frische Luft schöpfen - die Russen sind fort , die Franzosen kommen . Zwei Tage und zwei Nächte dauert der Durchzug , Soldaten zu Fuß und Reiter und Kanonen und Wagen , vor den Augen hat es einem geflimmert und in der Luft war ein Gedröhn wie ein Gewitter - - zwei Millionen Menschen , meint Mosche , aber das war nur , weil er alles doppelt gesehen hat - eine Million war es wirklich ! Das war aber nur der Vortrab , jetzt ist erst die Armee gekommen . Zehn Millionen ! Mein Mosche weint vor Freude : Gott , wie viel Franzosen , das gönn ' ich den Russen ! - Da geht die Tür auf , zwei Offiziere kommen herein , ein großer und ein kleiner , und bestellen Likör . Gott über der Welt ! schreit der Große erschreckt , wie er den Mosche erblickt , der Kleine aber verzieht keine Miene . Das kann doch nur Napoleon sein , denk ' ich , das ist der einzige Mensch , den nicht einmal eine solche Nase aufregen kann , und wie ich ihn