für das arme Hirtenweib zu schneiden . Wie er nun so wählend und bindend die Rabatten auf und nieder schritt , hörte er durch die offnen Wohnstubenfenster die helle Stimme seiner Hanna , welche einer der Töchter den Auftrag gab , flink die gute Freundin , Frau Amtmann Mehlborn , zu einem Besuche in die Pfarre zu entbieten , und leicht war ja zu schließen , um welches Anliegen es sich bei dem Entbote handelte . Denn die Pastorsfrau und die Pächtersfrau fügten sich und griffen ineinander , wie es von guten Freundinnen nicht immer zu rühmen ist . Die eine wußte zu leben , die andere hatte zu leben ; die eine , von Haus aus gebildet , war ihrem Gatten zu Liebe und Hülfe der Bauernart in einem gewissen Sinne vertrauter geworden als der Gatte selbst ; die andere , von Haus aus eine Bäuerin , war in einem gewissen Sinne so gründlich aus der Bauernart geschlagen , als ihr darüber hinausstrebender Gemahl zäh darin wurzelte ; die eine hatte sieben Töchter , die ihr Freude machten ; die andere nur eine einzige , die ihr Sorge machte ; der einen war der Stammhalter versagt , der anderen genommen ; Frau Rosine verfügte über einen vollen Wirtschaftssäckel , Frau Hanna über einen knappen ; beide halfen gern ; die letztere mit ihrem offnen Kopf , die erstere mit ihrer offnen Hand , und daß das Zusammenwirken von Rat und Tat heute solche Eile hatte , dafür war von Pastor Blümel selbst ja just der Anstoß gegeben worden : Klaus Frey , der schlimme Patron , sollte schleunigst in die Kur genommen werden . Pastor Blümel schüttelte daher von neuem und bedenklicher als vorhin das ergrauende Haupt , als er dem freundschaftlichen Entbot einen unerwarteten Nachtrag folgen hörte . Im Fall - so hieß es - die Frau Amtmännin , der Heuernte halber , heute nicht abkömmlich sei , solle Luischen ihr vorläufig mitteilen , daß der gute Vater die kleine Schwester Röschen nennen wolle , weil die Frau Amtmännin Rosine heiße und in ihrer Jugend doch auch Röschen genannt worden sei . Die Frau Amtmännin werde sich über die Aufmerksamkeit freuen und ihr Patenkind darum desto lieber haben . Zum zweiten Male seit einer Viertelstunde ertappte der treue Seelenhirt auf einem Schleichwege das Weib , welches er ein Vierteljahrhundert lang zu kennen geglaubt hatte , gründlicher als sich selbst - denn wer ist schwerer gründlich auszukennen als einer selbst ? - Auf einem blumenbesetzten Wege , es ist wahr , im Pfadsuchen nach einem Herzen ; aber doch auf einem berechneten , hinterhältigen , zweideutigen Wege ! » Evas Töchter , Evas Töchter , die ihr alle seid ! « murmelte Konstantin Blümel und war entschlossen , den Tag nicht vorübergehen zu lassen , ohne seinem anderen Ich die fälschliche Auslegung des Heilandswortes von der Schlangenklugheit klargemacht zu haben . Sein Luischen huschte nickend an ihm vorüber , den Weg zum Schlosse entlang , die übrigen Kinder tummelten sich im Obstgarten , wo heute die ersten Kirschen gepflückt worden waren ; die litauische Lene , die sämtlichen Blümelschen Nachwuchs gewartet hatte und den Eltern aus der alten Heimat in die neue gefolgt war , hantierte auf dem Bleichplatze hinter dem Hause ; darin war es seelenstill . Den Rosenstrauß für die Hirtenfrau , würdig einer Prinzessin , in der Hand und eine Strafpredigt auf den Lippen , stieg der Pfarrer die Treppe hinan ; die Tür der Kinderstube stand nach dem Flur geöffnet ; sie war die räumlichste des Hauses , da sie dessen ganze Morgenseite einnahm . Frau Hanna hatte in ihrem Eifer die leisen Tritte überhört , sie kauerte am Boden vor der Wäschkommode und musterte ihr Kinderzeug ; ein Geschäft , in welchem ein guter Hausvater nicht stören soll , zumal wenn es die erste Musterung nach einer Wochenpause ist . Wie leicht kann eine Nummer verzählt , ein Untätchen übersehen werden ! Fach für Fach war ausgekramt , Stück für Stück gegen das Licht gehalten worden , um sorgfältig zu drei Teilen abgesondert zu werden . Sämtliche noch ungebrauchte Hemdchen , Windelchen und dergleichen , neuerdings eigenhändig gesponnen und gefertigt , kamen als Vorrat in das untere Fach zurück , vielleicht für den lange zögernden , immer noch denkbaren Sohn , vielleicht aber auch erst für eine spätere Generation ; denn eine Mutter von sieben Töchtern rechnet auf Enkelfreuden und -sorgen . Die zweite Abteilung , die zwar schon Spuren einer Geschichte in der Kinderstube trug , aber noch keine , die irgend unheil zu nennen waren , wurden zu jezeitigem Gebrauch in den oberen Fächern geordnet ; wo aber fadenscheinige Stellen im Flanell oder Stopfflecke im Linnen augenfällig geworden , da fanden die Stücke ihren Platz auf einem blaugewürfelten Federkissen , das abseits am Boden lag , um schließlich durch eine Wickelschnur zusammengefaßt zu werden . Der heimliche Lauscher wartete das weitläufige Geschäft nicht ab ; er kannte seinen Zweck , und dieser Zweck hatte Eile ; leise legte er seinen Strauß auf das blaugewürfelte Federkissen und stieg hinab in sein Studierzimmer , das am Ende des unteren Flurs gelegen war und in der Familie das geistliche Gemach genannt wurde . Wo in einem ländlichen Pfarrhause für ein Häuflein Kinder auskömmlich gesorgt , auch der Gastfreundschaft nach Neigung und Christenpflicht Rechnung getragen werden soll , da erübrigt für das geistliche Gemach nur ein schmaler Raum . Und buchstäblich ein schmaler Raum war es denn auch , in welchen Konstantin Blümel sich jetzt zu stiller Sammlung zurückzog , aber einer , der auch den fremdesten Gast vertraulich angeheimelt haben würde , denn nicht nur das Wesen des Bewohners spiegelte er wider , sondern auch seinen Lebensgang , so wie er ihn diesen Nachmittag sich selbst und seiner Gattin in das Gedächtnis zurückgerufen hatte : ein friedlich dahingleitender Bach , der nur ein einziges Mal , aber mit unvergänglich befruchtenden Spuren , im Sturmeswogen der Zeit sein Gelände übertreten hatte . Das einzige Fenster war