zu müssen . Elisabeth war überrascht . Der Onkel war zwar verheiratet gewesen , hatte aber nie Kinder gehabt , das wußte sie genau ; wer also war das junge Mädchen , das er nie in einem seiner Briefe erwähnt hatte ? ... Sie ging die Stufen hinab , die nach dem Hofraume führten , und trat der jungen Fremden einige Schritt näher . » Gehören Sie auch ins Forsthaus ? « fragte sie freundlich . Die schwarzen Augen hefteten sich fast stechend auf die Fragerin und drückten einen Augenblick unverkennbar große Ueberraschung aus ; dann erschien ein Zug von Hochmut um die feinen Lippen , die sich noch fester aneinander zu schließen schienen als vorher ; die Augenlider fielen bald über die glänzenden Augen , welche sich abwendeten , und ruhig und schweigsam , als wisse sie gar nicht , daß jemand neben ihr stehe , fuhr sie fort , die Körner in den Hof zu werfen . In dem Augenblick ging Sabine , das Kaffeebrett auf dem Arme , an der Hofthür vorüber . Sie winkte der tiefbetroffenen Elisabeth , und als diese näher kam , faßte sie ihre Hand und zog sie in das Haus , indem sie sagte : » Kommen Sie , Kindchen , das ist nichts für Sie . « In dem Wohnzimmer fand Elisabeth alle schon so gemütlich und vertraut zusammen , als hätte man tagtäglich bei einander gesessen . Die Mutter hatte in einem bequemen Lehnstuhle Platz genommen , den ihr der Oberförster an das Fenster gerückt hatte , und von wo aus sie einen lieblichen Fernblick durch den Wald genoß . Eine große getigerte Katze war vertraulich auf ihren Schoß gesprungen und ließ sich mit sichtbarem Behagen das Streicheln der sanften Hand gefallen . Für den kleinen Ernst aber waren die vier Wände des Zimmers eine wahre Fundgrube aller möglichen interessanten Dinge . Er kletterte von Stuhl zu Stuhl und stand eben in wortloser Bewunderung vor einem großen Glaskasten , der eine prächtige Schmetterlingssammlung enthielt . Die zwei Männer saßen auf dem Sofa , eifrig über den künftigen Wohnsitz der Familie beratschlagend , und Elisabeth hörte , wie eben der Onkel sagte : » Nun , wenn sich auf dem Berge kein Quartier für euch einrichten läßt , so bleibt ihr einstweilen droben in meiner Stube . Ich richte meinen Schreibtisch und meine sonstigen Habseligkeiten unten ein , und dann bombardiere ich die in der Stadt so lange , bis sie mir drüben auf den Seitenflügel ein neues Stockwerk setzen lassen . « Elisabeth legte den Reisemantel ab und war der alten Sabine behilflich , den Kaffeetisch herzurichten . Auf die Glückseligkeit , die ihr ganzes Herz erfüllte , war soeben der erste Schatten gefallen . Mit Unfreundlichkeit war man ihr noch nie begegnet . Daß sie dies dem Liebreiz ihrer Gestalt , der Reinheit und Kindlichkeit ihres Wesens verdanke , deren Einflusse sich oft die rohesten Gemüter nicht zu entziehen vermögen , davon hatte sie keine Ahnung . Sie hatte das so hingenommen als eine Sache , die sich ganz von selbst verstehe , da sie es ja mit allen Menschen wohlmeine und nie sich eine Unhöflichkeit gestatte . Ihre Ueberraschung und Freude , ein junges Mädchen von gleichem Alter hier zu finden , waren zu groß gewesen , als daß ihr nun die Zurückweisung nicht doppelt weh thun sollte . Auch hatte das schöne Gesicht der Fremden ihr lebhaftes Interesse geweckt . Das Gemachte in der Erscheinung war ihr als solches durchaus nicht aufgefallen , da sie selbst das Verlangen gar nicht kannte , ihr Aeußeres durch besondere Hilfsmittel der Toilette zu heben . Die Eltern hatten ihr stets gesagt , sie möge ihren Geist bereichern , so viel sie könne , und sich bestreben immer besser zu werden , dann würde auch ihre äußere Erscheinung nie abstoßend sein , gleichviel welche Form die Natur verliehen habe . Das Nachdenkliche in Elisabeths Zügen fiel der Mutter sogleich auf . Sie rief sie zu sich , und Elisabeth wollte ihr die Begegnung erzählen , aber schon nach den ersten Worten drehte sich der Oberförster nach ihr um . Eine tiefe Falte erschien zwischen den buschigen Augenbrauen und machte das Gesicht finster und grimmig . » So , « sagte er , » hast du die schon gesehen ? ... Nun , dann will ich euch auch erzählen , wer und was sie ist . Ich habe sie vor mehreren Jahren in mein Haus genommen , um eine Stütze für Sabine im Hauswesen zu haben . Sie ist eine Verwandte meiner verstorbenen Frau und hat weder Eltern noch Geschwister . Ich wollte ein gutes Werk thun und habe mir damit eine Rute aufgebunden , die mich züchtigt , ohne daß ich gesündigt hätte ... Schon in den ersten Wochen merkte ich , daß in dem Kopfe auch nicht ein gesunder Gedanke stecke ... nichts als ein Wust von überspannten Ideen und ein unglaublicher Hochmut . Ich hatte nicht übel Lust , sie wieder dahin zu schicken , wo sie hergekommen , aber da lamentierte die Sabine und bat vor , obgleich sie am allerwenigsten Ursache dazu hatte ; denn das junge Ding machte ihr schwer zu schaffen , war naseweis und kehrte bei jeder Gelegenheit die Verwandte des Herrn gegen die alte Dienerin heraus ... Ich drückte ihr den Daumen aufs Auge , soviel ich konnte , und ließ sie tüchtig schaffen und arbeiten , um ihr den Hochmutsteufel auszutreiben , und da ging ' s auch eine Zeitlang erträglich ... Da lebt aber da drüben auf Lindhof - das ist die ehemals Gnadewitzsche Besitzung , die der Universalerbe an einen Herrn von Walde verkauft hat , - seit ungefähr einem Jahre eine Baronin Lessen . Der Besitzer selbst , der weder Frau noch Kinder hat , ist so eine Art Altertumsforscher , reist viel und läßt deshalb seine einzige unverheiratete Schwester durch die genannte Dame beschützen - Gott sei ' s geklagt ! denn seitdem ist alles dort auf den