Lucinde schreibt von Bällen und Gastereien , und die Alte liest es , als hörte sie die Geigen rauschen und die Schüsseln klappern . Sie läßt den Brief abgehen und ist sogar milder als sonst , weil sie dann stundenlang nicht aus einem wie somnambulen Zustande herauskommt . Um so gräßlicher ihr Erwachen ! Dann war ' s doch , als beschuldigte sie Lucinden , der » schwarze Teufel « , wie sie sie nannte , wolle sie erwürgen . Dann hatte die menschenfeindliche , geizige Frau Blicke so voll Gift wie ihre javanischen Pfeilspitzen . Wie der Taubenfalk schoß sie hinter Lucinden her , wenn diese nur einmal gelacht hatte ; sie krallte mit ihren dürren Fingern in sie ein wie jener , wenn er aus Himmelshöhen niederschießt . Die böse Frau hatte keinen Schlaf . Sie fürchtete entweder Gespenster oder sich selbst . Sie leuchtete um Mitternacht in die Winkel . Kam sie an die Bettlade Lucindens , so hielt sie das Licht über die Halbschlummernde und schrie sie an : Das kann schlafen ! Das kann die Augen zuthun ! Oft mußte Lucinde aufstehen und ihr um zwei Uhr Morgens vorlesen , Reisebeschreibungen , Erzählungen von den Wilden , zuweilen auch Legenden . Frau von Buschbeck ging jährlich einmal zur Kirche ; sie war katholisch . Wenn aber Lucinde um ihre Einsegnung drängte , nahm sie alle Bücher fort und sagte : Unser Herrgott ist der Satan ! Sie war so geizig , daß sie sich eine alte Guitarre , auf der sie in den Abendstunden klimperte , nicht einmal neu mit Saiten beziehen ließ . Auf zwei Saiten spielte sie alte sentimentale Lieder und pfiff dazu . Da sie dies ohne Lippen thun mußte , so klang es wie leiser klagender Nebelwind auf der Heide . Der Anblick dieser grotesken Scene war Lucinden nicht vergönnt , denn Frau von Buschbeck schloß sich ein , wie sie fast immer that , besonders nach jedem Ersten im Monat , wo der Postbote eine ansehnliche Summe in einem mit adeligem Petschaft versiegelten Briefe brachte . Da mochte sie zählen , was ihr Geiz aufhäufte . Oft lauschte Lucinde und hatte die listigen Augen an die Fensterscheiben der Stubenthür gedrückt . Sie unterließ aber auch das , als eines Tages auf der entgegengesetzten Fläche der Scheibe das volle Antlitz der plötzlich hinter dem Vorhang auftauchenden Hauptmännin sie angrinste . Sie war von dem Anblick so entsetzt , als hätte ihr eine Fledermaus auf der Nase gesessen . Sie bebte so , daß sie nicht einmal entfliehen konnte , sondern ruhig geschehen ließ , daß die Thür sich öffnete und sie zur Strafe ihre gewöhnliche körperliche Züchtigung erhielt . Dabei liefen Tag und Nacht zusammen . Hatte Lucinde bis drei Uhr nach Mitternacht vorgelesen , so meinte die Hauptmännin , bis vier wäre nur noch eine Stunde und man könnte gleich aufbleiben und ans Tagewerk gehen , worunter sie Nähen und Stricken verstand . Die Hemden und Strümpfe , die Lucinde lieferte , gingen und kamen : sie behauptete , für eine Anstalt , die gut zahle ; sie spare alles für Lucindens Zukunft . Oft wurde sie , wenn gar zu böse Stunden kamen , so tückisch , daß Lucinde manche Arbeit dreimal thun mußte , nur damit ihre Peinigerin über dies und jenes ihren Willen hatte . Eines Tages klingelte ein Polizeiagent und verlangte Einlaß . Er erklärte rundweg , Frau von Buschbeck sollte auf dem Amte erscheinen und sich wiederum rechtfertigen wegen unmenschlicher Behandlung ihrer Dienstboten , wie schon öfters . Eine Menge Menschen aus dem Hause und der Nachbarschaft drängte nach . Beinahe wäre ein Act der Volksjustiz ausgeführt worden , denn man fand wirklich Lucinden an Händen und Füßen gebunden in einer dunkeln Seitenkammer der Küche , in welcher Frau von Buschbeck ihr altes Geräth aufbewahrte . Dort lag sie schon seit zweimal vierundzwanzig Stunden und bekam nur Wasser und Brot , weil sie , wie sie beschuldigt wurde , aus » Bosheit « zwei chinesische Tassen zerschlagen hätte mit der Drohung , alles Zerbrechliche auf der Servante zu zertrümmern , wenn sie noch ferner jedes kleine Misgeschick , das sie beim Abstäuben oder Putzen beträfe , mit » künftigem Abzug von ihren Ersparnissen « büßen müsse ... Im Hause hatte man das Jettchen der Frau Hauptmännin zwei Tage lang nicht bemerkt , Anzeige gemacht , und so kam es zum Durchbruch . Lucinde machte auf dem Amte dem Polizeirichter , Stadtamtmann genannt , einen wunderlichen Eindruck . Sie war trotz Kasteiung und Entbehrung jeder Art fast vollkommen entwickelt . List und Verschlagenheit waren unverkennbar der Ausdruck ihres Wesens , der ihr aber schön stand , wenn ihre dunkelbeschatteten Augen glühten , ihre Lippen trotzig sich aufwarfen und dabei ein ständiges scheues und ironisches Lächeln um den kleinen zierlichen Mund spielte . Das schwarze Haar war in Flechten geordnet , die voll und schwer um die Stirn gingen . Selbst die Hände , die doch soviel schaffen und » schanzen « mußten , waren nicht eben rauh . Sie sagte , da die in einem Fiaker folgende Frau von Buschbeck sich auf die Feinheit und Schonung derselben berief , daß sie es bei ihrem Vater » nicht nöthig gehabt hätte « . Nur ihre Haltung entsprach nicht dem schlanken Wuchse . Sie senkte den Kopf ... so aber , wie wenn eine schwere Aehre sich an einem langen Halme wiegt . Der Stadtamtmann sprach von ihrer Familie .... Erst jetzt erfuhr sie ein schreckliches Unglück aus Langen-Nauenheim . Drei ihrer Geschwister , und das liebe Hannchen darunter , waren schon seit Jahresfrist todt ! Im Zeitraume von drei Tagen hatte sie das Scharlachfieber , das in der Gegend wüthete , hinweggerafft ... Die Alte hatte den Brief des Vaters aufgefangen und den Inhalt verschwiegen , weil sie die Wirkung des Kummers auf den Fleiß und die Arbeit fürchtete ! Wie Lucinde diese Nachricht hörte , stürzten ihr seltsamerweise keine Thränen aus den Augen ... Nur schrecklich