daß nichts ihn so geeignet dünkte zur Feier eines gemeinsamen symbolischen Mahles der Liebe als edles weißes Weizenbrot und reiner goldener Wein . Daher war es ihm auch anstößig , diese wichtigen , aber einfachen und reinlichen Begriffe mit einer heidnisch-mystischen und , wie ihm vorkam , widermenschlichen Mischung zu trüben . Auf das Historische des vorhandenen Sakramentes konnte er nun um so weniger Rücksicht nehmen , als ihm die theologischen Einsichten und Kenntnisse abgingen . Als die Sonne sich bereits zu neigen anfing , machte der Wagen an einem Dorfe wieder halt , damit die Pferde gewechselt werden konnten . Heinrich trat mit den andern Reisenden in das Gasthaus , um eine Erfrischung zu sich zu nehmen . Der eine wählte ein Glas Wein , der andere eine Schale Kaffee , der dritte verlangte schnell etwas Kräftiges zu essen , es ging geräuschvoll zu mit Genießen , Geldwechseln und Bezahlen ; alle taten wichtig , zerstreut oder nur auf sich achtsam und liefen stumm aneinander vorbei in der Stube umher . Auch Heinrich , spreizte sich , ließ es sich schmecken und zum Überfluß noch eine schlechte Zigarre geben , welche er ungeschickt in Brand zu stecken suchte . Da gewahrte er in einem Winkel der Stube eine ärmliche Frau mit ihrem jungen Sohne , welcher ein großes Felleisen neben sich auf der Bank stehen hatte . Beide waren ihm als Nachbarsleute bekannt . Er grüßte sie und vernahm , daß auch dieser junge Bursche , welcher das Handwerk eines Malers und Lackierers erlernt hatte , heute die Reise in die Fremde antrat , daß seine Mutter , die Feiertage benutzend , lange vor Tagesanbruch sich mit ihm auf den Weg gemacht und sie so , die Fuß- und Feldwege aufsuchend , bis hierher gekommen seien , wo sie sich nun trennen wollten . Die gute Frau gedachte dann bis zur völligen Dunkelheit noch ein Stück Weges zurückzuwandern und bei bekannten Landleuten über Nacht zu bleiben . Sie tranken einen blassen dünnen Wein und aßen Brot und Käse dazu ; doch war es eine Freude zu sehen , wie sorglich die Frau die » Gottesgabe « behandelte , ihrem Sohne zuschob und für sich fast nur die Krumen zusammenscharrte . Dazwischen schärfte sie ihm ein , wie er seinen Meistern gehorchen , bescheiden und fleißig sein und keine Händel suchen sollte . Dann mußte er seinen Geldbeutel nochmals hervorziehen ; vier oder fünf neue große Geldstücke wurden als bekannte Größen einstweilen beiseite gelegt , dagegen eine Handvoll kleineres Geld überzählt , betrachtet und ausgeschieden . Der Junge steckte seinen Schatz wieder ein , die Mutter aber entwickelte aus einem Zipfel ihres Schnupftuches etwas Kupfermünze und bezahlte die Zeche . Inzwischen rollte das bewegliche Wanderhaus mit seinen ewig wechselnden Bewohnern wieder auf der Straße , eine Anhöhe hinan und der kühlen Nacht entgegen . Heinrich schaute fortwährend zurück nach Süden ; rein , wie seine schuldlose Jugend , ruhte die Luft auf den Gebirgszügen seiner Heimat , aber diese waren ihm in ihrer jetzigen Gestalt fast ebenso fremd wie die Schwarzwaldhöhen im dämmernden Norden , denen er sich allmählich näherte und über welchen rötliche Wolkengebilde einen rätselhaften Vorhang vor das deutsche Land zogen . Fern hinter dem Wagen sah er seinen jungen Nachbar den Hügel hinankeuchen , noch kaum erkennbar mit seinem schweren Felleisen . Über denselben hinweg gleiteten Heinrichs Augen noch einmal nach dem südlichen Horizonte ; er suchte diejenige Stelle am Himmel , welche über seiner Stadt , ja über seinem Hause liegen mochte , und fand sie freilich nicht . Desto deutlicher hingegen sah er nun , als er , sich in den Wagen zurücklehnend , die Augen schloß , die mütterliche Wohnstube mit allen ihren Gegenständen , er sah seine Mutter einsam umhergehen , ihr Abendbrot bereitend , dann aber kummervoll am Tische vor dem Ungenossenen dasitzen . Er sah sie darauf einen Band eines großen Andachtswerkes , fast ihre ganze Bibliothek , nehmen und eine geraume Zeit hineinblicken , ohne zu lesen ; endlich ergriff sie die stille Lampe und ging langsam nach dem Alkoven , hinter dessen schneeweißen Vorhängen Heinrichs Wiege gestanden hatte . Hier mußte er den Mantel ein wenig vor sein Gesicht drücken , es war ihm , als ob er schon jahrelang und tausend Stunden weit in der Ferne gelebt hätte , und es befiel ihn eine plötzliche Angst , daß er die Stube nie mehr betreten dürfe . Er konnte sich nicht enthalten , jene Familien bitterlich zu beneiden , welche Vater , Mutter und eine hübsche runde Zahl Geschwister nebst übriger Verwandtschaft in sich vereinigen , wo , wenn je eines aus ihrem Schoße scheidet , ein andres dafür zurückkehrt und über jedes außerordentliche Ereignis ein behaglicher Familienrat abgehalten wird , und selbst bei einem Todesfalle verteilt sich der Schmerz in kleinere Lasten auf die zahlreichen Häupter , so daß oft wenige Wochen hinreichen , denselben in ein fast angenehm-wehmütiges Erinnern zu verwandeln . Wie verschieden dagegen war seine eigne Lage ! Das ganze Gewicht ruhte auf zwei einzigen Seelen ; wurden die auseinandergerissen , so kannte jede die Einsamkeit der anderen , und der Trennungsschmerz wurde so verdoppelt . Haben wohl , dachte er , jene Propheten nicht unrecht , welche die jetzige Bedeutung der Familie vernichten wollen ? Wie kühl , wie ruhig könnten nun meine Mutter und ich sein , wenn das Einzelleben mehr im Ganzen aufgehen , wenn nach jeder Trennung man sich gesichert in den Schoß der Gesamtheit zurückflüchten könnte , wohl wissend , daß der andere Teil auch darin seine Wurzeln hat , welche nie durchschnitten werden können , und wenn endlich demzufolge die verwandtschaftlichen Leiden beseitigt würden ! Im Mittelalter wurde der Tod als ein menschliches Skelett abgebildet , und es hat sich daraus eine ganze Knochenromantik entwickelt ; sogar leblose Gegenstände , wie Meerschiffe , wurden skelettisiert und mußten auf dem Meere als Totenschiff spuken . Denkt man sich solcherweise das fliegende Gerippe einer Krähe , so war es der Schatten