stehen , als thue der Regen , der in unverminderter Heftigkeit fiel , ihr wohl , dann warf sie sich in den Wagen zurück und befahl : » In die Komödie ! « Die Stadt war noch immer aufgeregt von dem Schauspiel am Mittage . Es war seit lange keine Hinrichtung vorgefallen . Die Heimgekehrten kamen erst jetzt aus den Schenken zurück , es gab mancherlei Unruhe , kleine Aufläufe , Verhaftungen . Der Kutscher zog es , der tobenden Menschenschwärme wegen , vor , durch eine der Quergassen zu fahren , welche herrschaftliche Equipagen sonst vermeiden . Auch hier stopften sich die Fuhrwerke , und die Dame hatte Gelegenheit , durch die Kutschenfenster ein Schauspiel zu betrachten , was Frauen ihres Standes sonst nicht aufsuchen - an den hell erleuchteten und grell drapirten Fenstern der kleinen Häuser die Schönheiten , welche sich den Vorübergehenden zur Schau stellen . Sie schlug die Augen nicht nieder und wandte den Blick nicht ab . Sie fühlte auch kein Mitleid mit den armen Geschöpfen : Sie schlürfen des Lebens Gluth in vollen Zügen , aus einem Taumel in den andern gestürzt , kaum dazwischen erwachend , bis sie verwelken und man sie fortwirft . Und das ist unser Aller Loos - ob früher , ob später ? Was kommt es darauf an . Wer nur sagen kann : er hat sein Leben genossen ! Das Komödienhaus war nicht gefüllt . Die Geheimräthin saß allein in ihrer Loge . Ihr schien das Haus dunkel . Es war nicht dunkler als gewöhnlich . Die Talglichter , die der Lampenputzer vor den Augen des Publikums ansteckte , duldeten auch keinen entfernten Vergleich mit dem Glanz der Theater von heut . Man sah wohl damals schärfer , denn man sah mehr , aber das Licht kam aus der Darstellung , versichern uns Die , welche aus jener Zeit das deutsche Theater kennen . Für die Geheimräthin aber blieb es dunkel , obgleich Fleck als Odoardo seine ganze adlige Kraft entfaltete , die spätere Händel-Schütz als Orsina das Publikum entzückte . Lessings Meisterwerk schien ihr an einem Etwas zu lahmen , das sie sich nicht erklären konnte ; der jungen Schauspielerin , welche die Emilie zum ersten Male gab , hätte sie nachhelfen mögen . Wenn sie sich Rechenschaft gab , war es aber nicht die Schauspielerin , sondern sie hätte ihrer Rolle , ihrem Charakter eine andere Richtung geben mögen . Ihre Phantasie beschäftigte sich , eine welche andere Rolle Emilie spielen können , selbst glücklich und beglückend , glänzend und Glanz um sich verbreitend , wenn sie den Pulsen folgte , die für den Prinzen schlugen . Eine welche andere Herrschaft über ihn blühte ihr als der stolzen Orsina , vermöge ihres Liebreizes , ihrer geistigen Vorzüge . Sie hatte es in ihrer Macht , auch dieses Prinzen Wankelmuth zu fesseln , und Tausende , ein ganzes Land glucklich zu machen . Und alles das vernichtet ein plumper Dolchstoß , der alle unglücklich macht und - die Thörin bat selbst darum ! Die Geheimräthin war gewohnt , in ihrer Loge Besuche zu empfangen . Entweder zeigte sich heut kein Bekannter , oder sie hielten sich entfernt . In einer Loge gegenüber , wo eine neu angekommene Schauspielerin von Ruf saß , hörte das Klappern der Logenthür nicht auf . Ihr war diese Störung unangenehm , das Schauspiel fing an sie zu langweilen . Sie besann sich , daß sie zwar die Einladung zu einer Gesellschaft heut Abend nicht angenommen , aber auch nicht abgelehnt hatte . Sie hatte nur gesagt , sie fürchte einer Migraine wegen nicht erscheinen zu können . Sie hatte , oder wollte jetzt keine Migraine haben und verließ die Loge . Der Bediente hielt schon im Korridor ihre Enveloppe bereit . » Er zittert ja . « Sie hätte kaum nöthig gehabt , sich nach dem Grund zu erkundigen , der Bediente war ja noch in denselben ganz durchnässten Kleidern , in welchen er auf dem langen Doppelwege aufgestanden . Der zugigte Korridor hinter den Logen war nicht geeignet , die Naßkälte zu vertreiben . Johann sagte , das Fieber sei noch immer nicht ganz fort . Die Geheimräthin erwiderte nicht unfreundlich , er müsste endlich etwas dazu thun . Der Regen goß noch immer in Strömen , als sie wieder in die Kutsche stieg und Johann hinten auf . Der arme Mensch ! dachte die Geheimräthin . Seltsam , daß es so sein muß ! Es musste so sein ; über diesen Damm kam sie nicht hinweg , ja sie lächelte über den närrischen Gedanken , daß sie Johann auffordern könnte , sich in den Wagen zu setzen . Aber sie dachte über die Zukunft des Menschen nach . Er litt nicht vom Regen , sondern an einer inneren Krankheit , deren gelegentliche Ausbrüche nur in Fieberanfällen sich zeigten . Sie glaubte etwas von der Arzneikunde zu verstehen und den Schluß ziehen zu dürfen , daß er nie vollständig genesen werde . Was wird nun aus solchem Menschen ? Eine Zeitlang hält man es noch mit ihm aus . Wenn er aber immer wieder zurückfällt , muß man ihn entlassen . Dann findet er wohl noch einen Dienst . Aber auf wie lange ? Die neuen Herrschaften werden nicht so lange Geduld mit ihm haben . Er wandert ins Krankenhaus , vielleicht ins Spital , vielleicht auf die Gasse . Und wäre es ihm nicht besser , wenn er durch einen Blutsturz , eine radikale Erkältung ein rasches Ende fände ? Er ist auch eine verfehlte Existenz ! Sie schauderte und verfiel in ein Sinnen , dem die Ausdrücke fehlten , bis der Wagen vor dem erleuchteten Hause hielt . Viertes Kapitel . Hier politisch , dort poetisch . Der Eintritt der Geheimräthin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen Aufstand ; es schien ein froher . Man hatte sie nicht mehr erwartet . Die Wirthin und einige Damen embrassirten sie ; die älteren Herren bemühten sich , ihr die Hand zu