sollen es Beide büßen « - setzte er mit einem Ausdruck innerlicher Wuth hinzu , der seinen Zügen einen wahrhaft unschönen Charakter verlieh . Mit schnellen Schritten verließ er jetzt den Platz und schlug durch den immer dichter werdenden Park , ohne die gebahnten Fußwege , die in großen Krümmungen einander durchkreuzten , zu berücksichtigen , die Richtung nach dem Gebirge ein . Bald hatte er die Grenze des Parks , die durch eine dichte Hecke und einen hinter demselben strömenden Arm des Bergstroms gebildet wurde , erreicht . Mit kräftiger Hand bog er die Dornsträucher auseinander , um sich einen Durchgang zu verschaffen , und stand am Ufer des Flüßchens , das hier ziemlich reißend und durch mehrtägigen Regen höher als gewöhnlich angeschwollen war . Er war deshalb gezwungen , einige hundert Schritte stromaufwärts zu gehen , wo ein mächtiger Baumstamm , der theils vom Alter , theils vom Sturm gefällt zu sein schein , sich wie eine natürliche Brücke über das unter ihm dahin rauschende Wasser gelegt hatte . Indeß war der Uebergang nicht leicht . Denn durch die Feuchtigkeit von der Borke entblößt , bot die nach Oben gekehrte Seite des Stammes nur eine halbrunde , schlüpfrig glatte Fläche dar , welche zu betreten mit nicht geringer Gefahr verbunden war , da bei dem geringsten Fehltritt ein Sturz in das , wenn auch nicht tiefe , doch mit einer Menge scharfer Felstrümmer besäete Flußbett unvermeidlich war . Landsfeld wurde jedoch von keinem Gefühl weniger beherrscht als von der Furcht . Im Gegentheil suchte er gerade solche Schwierigkeiten mit einer Art von Liebhaberei auf , theils weil er in ihrer Ueberwindung die Aufregung fand , die er zum Gefühl seiner Lebenskraft brauchte , theils auch darum , weil sein Selbstgefühl durch den Gedanken erhoben wurde , daß tausend Andere an seiner Stelle davor zurück schrecken würden . Denn das Gefühl der Superiorität war dasjenige , welches bei ihm der größten und kräftigsten Nahrung bedurfte . Hätte er bei solchen Gelegenheiten Zuschauer gehabt , so würde er ohne Zweifel von dem Versuch abgestanden sein , denn Nichts erschien ihm erbärmlicher als ein leichtsinniges Renommiren . Auch achtete er die Menschen , die mit ihm nicht wetteifern konnten , viel zu wenig , um ihren Beifall nicht widerwärtig , ja selbst demüthigend zu finden . Anders wäre es vielleicht gewesen , hätte er sich von Jemandem belauscht und bewundert gewußt , der im Glauben stand , von ihm nicht bemerkt zu werden . In solchem Falle nahm er den Triumph wohl mit , da keine Demüthigung damit verbunden war . Auch hätte er dann nach der That nie zugestanden , von dem Lauscher gewußt zu haben , vielmehr versichert , daß er sie gewiß unterlassen hätte , wenn er sich nicht allein geglaubt . Mit sicherem Fuß und festen Blick betrat er den schlüpfrigen Pfad und ging ruhig , ohne Zögern und ohne Schrecken hinüber . Ohne einen Blick zurück zu werfen , stieg er nun bergan . Nach halbstündigem Steigen gelangte er auf einen schmalen , wohl nur von Hirten betretenen Fußsteig , der ihn in kurzer Zeit auf des Berges höchsten Punkt führte . Eine herrliche Aussicht bot sich hier seinen Blicken dar . Vor ihm lag in goldig blauen Duft gehüllt der Kamm des Gebirges , der von Norden nach Süden sich hinziehend in den Strahlen der eben von den höchsten Gipfeln verschwindenden Abendsonne erglühte . Mit gekreuzten Armen betrachtete Landsfeld das feierliche schöne Schauspiel des sinkenden Gestirns , das noch einen letzten Abschiedsblick und Kuß auf die allmählich zur Ruhe versinkende Erde zu werfen schien . Die Tage seiner Jugend dämmerten in seiner Erinnerung auf mit allen ihren reinen Freuden , mit allen schuldlosen Genüssen und harmlosen Spielen . Damals auch war er auf dem Gebirge seines Vaterlandes umhergeklettert , damals auch fühlte er dies innerliche Sehnen , auf den höchsten Spizzen zu stehen und herabzublicken auf die Thäler , wenn sich die Schatten auf sie lagerten , während die Gipfel und er selbst auf ihnen noch von der dunkelsten Glut der Sonne erleuchtet wurde . Damals auch kannte er keinen größeren Schmerz als den , daß er die höchsten , schneebedeckten Gipfel nicht erreichen konnte , die weit , weit hinter ihm noch lagen und ihm in ihren weißen Häuptern bald zu winken , bald zu höhnen schienen . Damals und heut ! - Welche Bilder hatten sich seitdem durch seine Seele gedrängt , welche Reihe von Gedanken seinen Geist bestürmt ! - Jene Bilder waren verblichen und verstümmelt , jene Gedanken hatten sich selbst verzehrt , oder waren von andern verzehrt worden , von scharfen , bittern , schmerzlichen Gedanken , die seine Brust ausgehöhlt und sein Herz verdorrt hatten . Aber die Erinnerung weckte die Leichen in seiner Brust und in seinem Herzen . Wie Schatten zogen sie vor seinem innern Gesicht her , die heitern Bilder , die ihn traurig und die düstern , die ihn bitter stimmten . Ein unendliches Gefühl des Alleinseins ergriff ihn ; eine Seele wollte er haben , in die er sich ergießen , aus der er Hoffnung und Trost schöpfen könnte . Hoffnung , worauf ? Trost , wofür ? Noch war in Landsfeld die Sehnsucht nach dem lebendigen Ideal nicht untergegangen . Ja , in dieser Erinnerung an seine Jugend selbst konnte er die Gewähr dafür schöpfen . Aber er sagte zu sich : » Wohl ist die Erinnerung das ewig mit sich selbst ringende , ewig an sich selbst zweifelnde Bewußtsein des Ideals , aber gepaart mit der Ueberzeugung , daß seine Erreichung unmöglich sei . Denn warum wäre sie sonst schmerzlich , auch bei sogenannten guten Menschen ? Sie ist nicht die Vorstellung eines wirklich gehabten Genusses , sondern das zwecklose Idealisiren desselben , das unwahre , selbsttrügerische Reinigen desselben von allem Materiellen , Unbequemen , Hinderlichen , Unangenehmen , - kurz Schlackenartigen , von dem jeder Genuß seinen Theil und jeder Schmerz den seinigen hat , denn kein Genuß ist ohne Sinnlichkeit