zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug bereitete sich daselbst vor . Josephine saß allein in ihrem Zimmer . Waldau war seit einigen Wochen leidender und schwächer geworden . Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden Uebel , dem Herbst , in ' s bunte Blumenauge - ach ! mit den Blättern und Früchten fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Blütensterne legen sich , Auferstehung verheißend , auf deren Gräber ! Josephine hielt eine Menge uneröffneter Briefe in der Hand . Sie erwartete weder Gutes noch Böses aus der Ferne , die nächste Nähe war ' s , die so beengend auf ihr lastete . Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhörliche gespenstische Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben , wie man auch den Gedanken an das uns Drohende zu bannen suche : immer umschleichen uns die Schatten der Sorge mit ihren heimlichen Dolchen und überfallen uns in heitrer Gegenwart , wie Diener eines Vehmgerichts , mit plötzlichem Entsetzen . Endlich fiel Frau von Waldau ' s trüber Blick auf die Briefe . Eine französische Handschrift ? Aus Erfurt ? Rasch erbrach sie das Siegel und las : Gnädige Frau ! Wenn das Bild eines jungen Mannes , dem während der Tage der Schlacht bei Jena das Glück Ihrer Bekanntschaft ward , noch nicht ganz Ihrer Erinnerung entschwunden ist , so wird die milde Güte , die noch einem Sterne gleich in der seinen steht , diesem Schreiben gern Verzeihung gewähren . Denn wie ein Posaunenstoß des jüngsten Gerichts rufen meine Worte einen Todten aus dem Grabe und geleiten hoffentlich einen glücklichen Sohn in die Arme seiner gewiß noch glücklichern Mutter . Ohne Zweifel haben Sie , hochverehrte Frau , schon errathen , daß ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke , den so lange beweinten Sohn Ihrer Madame Sophie gefunden zu haben , die , wie ich von meinen beneideten Kameraden erfahren , Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt . Der Kaiser hat mich in diesen zwei heißen Kriegsjahren zum Rang eines Obersten erhoben , und als Adjutant des Marschall Ney bin ich ihm nach Erfurt gefolgt . Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten , der an den Folgen in Portugal empfangener Wunden krankt und von Lazareth zu Lazareth geschleppt wird , den in Mühlheim ausgesetzten Sohn der wackern Frau Duguet erkannt zu haben . Die Klagen des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings , der seiner Existenz fluchte , weil er , der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehöre als nur seinem Kaiser , den Feldzug nicht mitmachen solle , zogen mich an ; der Zorn , den er den ärztlichen Rathschlägen entgegensetzte , rührte mich tief ; ich gewann mir sein Zutrauen . Jetzt , nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehört , das Stück Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hälfte des Fünfsous-Stücks gesehen , das er , wie seine Mutter , am Hals trägt , scheint mir unzweifelhaft , daß er wirklich das in Mühlheim ausgesetzte , so lang beweinte Kind sei . Sein Alter trifft auch zu . Wenige Stunden , nachdem Sie , verehrte Frau , diese Zeilen erhalten , hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzuführen , und als Belohnung das Glück zu genießen , Sie und Herrn von Waldau zu begrüßen und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschätzbaren Wohlwollens zu bitten . Mit ausgezeichneter Achtung und Verehrung Ihr tief ergebener St. Luce . Sophie ! rief aufspringend Frau von Waldau , großer Gott ! ich habe die Briefe seit drei vollen Stunden ! Sie können jeden Augenblick hier sein ! Sophie , so komm doch ! Madame ! erwiderte die Gerufene , den mit einem Foulard umwundenen hübschen Kopf zur Thüre hereinsteckend , es ist nur , weil ich das Bett mache - Sophie ! Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon in einer Stunde hier sein ! Ach , Madame ! welches Glück ! der gute junge Mann ! Aber da muß ich mich beeilen , Madame werden ihn zu Tische bitten , vielleicht logiren wollen . Pardon , Madame ! charmanter junger Mann , und Oberst ! Ja , ja , das sieht dem kleinen Korporal ähnlich , der kennt seine Leute ! Wundert mich nicht , daß sie einen Gott aus ihm machen . Duguet , Duguet ! rief sie im Gehen zur andern Thür hinaus ; Du hilf mir - Monsieur de St. Luce ist Oberst geworden ! Die Freude kann sie tödten , sagte Josephine leise vor sich hin ; der Schlag kann sie rühren , sie ist so heftig ! Aber , Sophie , fuhr sie fort , sie beim Arm ergreifend , um sie zu halten ; es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen ; es ist aber nur eine schwache Hoffnung ! Der Oberst hat von einem jungen kranken Soldaten gehört , in Portugal , der den Namen Marc Duguet führt . Sophie wandte den Kopf , kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich , mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewußtlos an , sie hatte , das sah man , keinen klaren Gedanken , all ihre Fähigkeiten hatte das eine Wort erschüttert . Bald aber überflog ein leises Zittern die ganze Gestalt , die Brust hob sich langsam und schwer , ohne einen Laut ausströmen zu lassen , die bleichen Lippen bebten convulsivisch ; endlich hauchte sie fragend : Madame ? Ja ! erwiderte Josephine , indem sie nun auch den andern Arm ergriff , um die Schwankende wie zufällig zu stützen , er hat hingeschrieben , um Nachrichten einzuziehen . Nachrichten ! er lebt , er ist nicht in Portugal umgekommen , er lebt noch ? Wenn er es nur ist , sagte Frau von Waldau , um den Eindruck zu schwächen . Es wäre möglich , schrie Sophie mit plötzlich freiwerdendem Jubel auf - möglich ! mein Sohn ! mein Sohn könnte leben , - ich wäre nicht