Offenbach zu sehen ; denn wir sind dann beide durch unsre Umgebung gedrückt , und wir müßten , wenn wir nebeneinanderstehen , immer so stolz , so glücklich und so edel sein , als wir es können . Wenn ich nicht hier bin , bin ich viel besser und kann viel reiner und freudiger mit Dir umgehen . Ich kann Dir nichts zurücklassen und Dir nichts mehr sagen , Du weißt , was schön und gut ist , ich hab es oft in Dir gefunden , wolle es eifrig und mit Ernst ; und wo Dich die Menschen drücken , so hasse sie nicht , sehe sie an wie Pflanzen , die vielleicht auch in einem Boden stehen , der ihnen nicht gerecht ist . Menschen , die sich selbst nicht kennen und nicht wissen , wo hinaus sie sollen , sind wie Pflanzen , die nicht zum Blühen kommen . Das Blühen des Menschen ist das innere Bewußtsein ; dieses aber ist zugleich auch der Begriff der ganzen Menschheit , wie sie in ihrer Irrungen umherschwankt , wie sie in ihrer Blindheit und krüppelhaften Verbildung oft das Bessre zurückweist oder zerstört , aber der bewußte Mensch , das heißt der Liebende , muß diese Störungen umgehen können , er muß das Zurückweisen überwinden und muß grade diese Menschen pflegen , denen so vieles mangelt , deren innerem , geistigem Lebenskeim so unendlich vieles im Wege steht ; er muß ihnen sein wie Dein Gärtner aus dem Boskett , den Du so lieb hast , weil er ein so gesellschaftliches Leben führt mit den Blumen ; vom frühen Tag an ist er in fortwährendem Verkehr mit ihnen , und noch spät in die Nacht hinein macht er sich mit ihnen zu schaffen und bringt sie alle zum Blühen , die einen durch Kühle und Schatten , die andren durch Licht und Wärme . Immer geht er um sie her und läßt sie doch in ihrer Freiheit gedeihen , sie empfinden keinen Zuchtmeister in ihm , sie schmiegen sich willig am Stab , an dem er sie in die Höhe richtet . Nun aber ist jenen Menschen , die uns oft mißverstanden haben und haben geglaubt , sie müßten unsern Umgang stören , eine solche Pflege nie geworden , wie der Gärtner Deinem Nelkenstock schenkt , der ihn begießt , wenn er Durst hat , und läßt ihn von der heißen Sonne nicht versengen , nur am Abend darf sie mit ihm spielen . - Die Tante weiß zum Beispiel von solcher Pflege nichts . Ihr hartes Schicksal bei einem ganz verwilderten Mann hat ihr das Heimliche im Lebensumgang ganz versagt , sie ist dadurch selbst weniger gefühlig geworden für das , was die Seele angeht , sie hat eine lange Zeit in ihren Jugendjahren zwar sich müssen stählen gegen diesen Mann , der wie ein grobes Ungeheuer vor der Pforte aller Lebensgenüsse lag , und hätte sie auch nur selbst im besten Willen gewagt , ihm nah zu treten , so war das Ungeheuer gleich wach ; das heißt : mit Bosheit beschlich und mit Wut überwältigte er sie , ich hab in meinen Kinderjahren oft ihn sehen halbtrunken hinter der Tür lauern mit einem Messer in der Hand . Die Tante hat damals sich so ernst zusammengenommen , daß jeder in Koblenz die größte Ehrfurcht vor ihr hegte , obschon man von der Grausamkeit des Herrn von Möhn sich leicht eine Idee machen konnte , der mit lauter Postillionen von morgens bis abends im Wirtshaus lag , ohne der Frau je zu gedenken , ein Vermögen verzettelte und verschleuderte von mehreren Millionen . Das Herz durfte dieser Tante nie aufgehen - sie mußte mit der Form alles bekämpfen , und so ist ihr auch nur die Form im Umgang mit Menschen geblieben . Hätte sie je mit sich selber Mitleid gefühlt , so wär die Festung der Konvenienz , in der sie sich verschanzt hielt , wie Schnee geschmolzen , dann war sie dem Mitleid ausgesetzt oder auch der Verachtung , beides ist gleich in gewissem Sinn und soll in allen Lagen des Lebens gemieden werden . Man soll Mitleid mit niemand haben , man soll sich vielmehr schämen , daß es so werden konnte . Der Unglückliche steht immer groß dem gegenüber , der sich im Hafen des Glückes wähnt und wohl befindet , da doch wahrscheinlich ihm die bessere Tendenz ganz ermangelt , also den Unglücklichen bemitleiden heißt dumm sein , nein , vielmehr soll man vor dem Unglücklichen sich schämen glücklich sein zu können auf eigne Faust ; sich irgendeinen Lebensgenuß aneignen zu können oder zu wollen , der nur Beraubung dessen ist , der nicht mitgenießt . Hat der Mensch irgendein Weh , so fühlt er sich krank , ist aber ein Teil der Menschheit gedrückt und bedürftig , so tanzt der übrige Teil mit einer Art Wollust ihm auf dem Kopf herum , so lang er ' s zu tragen vermag , hat er ihn gänzlich zusammengetreten , dann fällt ' s ihm wohl ein , durch Mitleid die arme Seele zu kitzeln , die aber gar nicht mehr wirklich , sondern schon lange zum Gespenst geworden ist . Gespenster fühlen ein Behagen an solchem Tugendgekitzel , sie schmeicheln sich selbst , sie tragen sich auf Händen , sie haben einen faktizen Verkehr mit Gott , der aber nur Götzendienerei ist , sie belämmern alle Menschen mit ihren Anstalten der Menschenliebe ; es fällt ihnen gar nicht ein , daß sie selber die bösen Schicksalsdämonen sind , deren Grausamkeit sie gerührt beweinen , und der sie steuern wollen mit einem Stück Englisch-Pflaster von dem sie mit der feinen englischen Schere der Mildtätigkeit Schnippelchen abschneiden , um damit den aufgesperrten Rachen der entsetzlichen Wunden zu verkleben , aus denen das warme Blut an die Erde quillt . - Ich möchte wohl aufhören , noch weiter darüber zu sagen , denn Du fühlst alles , und besser . Mitleid ist aus Verachtung geboren und ist auch