. Meier war auf dem Gipfel des Glückes gewesen , und in der Freude seines Herzens hatte er sich , nachdem er gewählt worden war , anheischig gemacht , auf das immerhin bedeutende Gehalt zu Gunsten der Lazarethkasse zu verzichten . Einige Wochen waren in frohen Erwartungen hingeschwunden , er hatte die Glückwünsche seiner Freunde empfangen und bereits daran gedacht , seine Wohnung im elterlichen Hause mit der neuen Amtswohnung zu vertauschen , als der Bescheid der Regierung angelangt war , welcher statt der erwarteten Bestätigung die Aufforderung enthalten , Meier möge zum Christenthume übertreten , da es ganz gegen die Ansichten der Regierung sei , einem Juden irgend eine Stelle anzuvertrauen . Vergebens waren seine Vorstellungen , wie der Glaube bei einer solchen Anstellung gar kein Hinderniß sein könne , wie diese Zurückweisung in den Gesetzen des Staates nirgends begründet sei - die Regierung war bei ihrem Entschlusse geblieben . Man hatte Meier einen unruhigen Kopf genannt ; seine Neider , an denen es dem Talentvollen , Glücklichen nie fehlt , hatten über die jüdische Anmaßung gelacht , die sich zu Würden dränge , für die sie nicht berufen sei , und dabei vergessen , daß die Behörden selbst den verspotteten Gegner durch ihre Wahl für den Würdigsten erklärt hatten . Auf das Empfindlichste gekränkt , hatte Meier schon damals sein Vaterland verlassen wollen ; doch die angeborene Liebe zu demselben und der Gedanke an seine Eltern hatten ihn davon zurückgehalten . Er war in der Heimath geblieben , und obgleich er das Unrecht , das ihm geschehen , niemals vergessen , oder es verschmerzen können , das schöne Feld für seine Thätigkeit verloren zu haben , hatten ihn die Anerkennung , die er fand , der ausgezeichnete Ruf , den er erwarb , endlich schadlos gehalten für die erfahrene Zurücksetzung . Bei seiner Rückkehr von der Universität hatte er Jenny als ein liebliches Kind von eilf Jahren wiedergefunden , das sich mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihn hing , und für das er eine Zärtlichkeit fühlte , die ebenso viel von der Liebe eines Vaters , als eines Bruders besaß . Die Eltern hatten die Kleine niemals aus den Augen verloren , und jeden Wunsch des nachgebornen Lieblings mit zärtlicher Zuvorkommenheit erfüllt . Eduard war überrascht durch den Verstand und den schlagenden Witz des Kindes , er sah , daß ein lebhaftes , leidenschaftliches Mädchen aus demselben werden müsse , konnte sich es aber nicht verbergen , daß die übergroße Liebe seiner Eltern in Jenny eine Herrschsucht , einen Eigensinn entstehen gemacht hatten , dem bis jetzt nur durch seinen Vetter Joseph eine Schranke gesetzt worden war , der , im Meierschen Hause lebend , die Kleine mit seiner ernsten , rauhen Art tadelte und zurechtwies . Dafür hatte Jenny den Cousin schon damals nicht leiden mögen , und es dem Bruder unter vielen Thränen geklagt , wie garstig der Joseph sei , wie er ihr Alles zum Trotze thäte , und wie sie hoffe , in Eduard einen Beschützer gegen den unliebenswürdigen Cousin zu finden . Der junge Mann begriff bald , daß bei Jenny mit Strenge nichts auszurichten sei , und machte sich in der ersten Zeit seiner Anwesenheit selbst zu ihrem Lehrer und Erzieher . Sie lernte fast spielend , ja es schien oft , als läge das Verständniß aller Dinge in ihr , und man dürfe sie nur daran erinnern , um klar und deutlich in ihr Kenntnisse hervorzurufen , die man ihr erst mitzutheilen wünschte . Ebenso wahr und offen als Eduard , wuchs sie diesem von Tag zu Tag mehr ans Herz , und obgleich er gegen die Eltern oft beklagte , daß sich in Jenny zu viel Selbstgefühl und eine fast unweibliche Energie zeigten , obgleich er es Joseph zugestehen mußte , daß sich bei ihr die Eigenschaften des Geistes nur zu früh , die des Herzens aber scheinbar gar nicht entwickelten , so fiel es ihm doch schwer , als er nach zwei Jahren den Unterricht derselben aufgeben mußte , weil seine zunehmende Praxis ihm keine Zeit mehr dazu übrig ließ . Eduard drang deshalb darauf , man möge seine Schwester einer Privatschule anvertrauen , die von den Töchtern der angesehensten Familien besucht wurde . Er hoffte , der Umgang und das Zusammenleben mit Mädchen ihres Alters werde bei Jenny die Härten und Ecken , die ihr Charakter zu bekommen schien , am leichtesten vertilgen . Die Eltern folgten seinem Rathe und die neuen Verhältnisse machten in vielen Beziehungen einen günstigen Eindruck auf Jenny . Sie gewöhnte sich , ihrem Witze nicht so zügellos den Lauf zu lassen wie in dem elterlichen Hause , wo man ihre beißendsten Einfälle nur lachend getadelt hatte ; sie lernte es , sich in den Willen ihrer Mitschülerinnen zu fügen , dem Lehrer zu gehorchen , aber sie fing auch an , sich ihrer Fähigkeiten bewußt zu werden , welche sie in eine Klasse gebracht , in der alle Mädchen ihr im Alter um mehrere Jahre voraus waren . Von einem Umgange , wie Eduard ihn für sie gehofft hatte , war indessen nicht die Rede . Die halberwachsenen Mädchen dieser ersten Klasse mochten sich größtentheils mit dem bedeutend jüngern Kinde weder unterhalten , noch befreunden , das ihnen obenein von den Lehrern mitunter vorgezogen wurde . Andere , denen Jenny ' s lebhaftes , freimüthiges Wesen behagte , und die gern mit ihr zusammen waren , konnten von ihren Eltern nicht die Erlaubniß erhalten , die Tochter einer jüdischen Familie einzuladen oder zu besuchen , und zu diesen Letztern gehörte auch Clara Horn . Zwei Jahre älter als Jenny , hatte sie dieselbe unter ihre Vormundschaft genommen , ihr gerathen und geholfen , wenn das verzogene Mädchen sich in den strengen Schulzwang nicht zu finden gewußt , und dadurch ihr volles Vertrauen erworben . Ihr hatte Jenny in den Zwischenstunden von ihren Eltern , von ihrem Bruder , von allen ihren Freuden erzählt , und damit ihrer Beschützerin eine Vorliebe für die ganze Meiersche