, von Hohen und Niedern , geliebt und verehrt . Auch war Fürstin Eudoxia wirklich eine gute Dame , mit der es sich ganz leicht leben ließ ; denn auch sie liebte die Menschen , auch die niedriggebornen , aber freilich ungefähr so , wie wir Andern unsre Lieblingspferde oder Hunde lieben . Wer unter uns hat nicht schon mit mitleidigem Erbarmen auf seinen Hund niedergeblickt , wenn das treue Thier mit klugen Augen uns ansieht , und durch leises Winseln andeutet , daß es gern antworten möchte , wenn die arme stumme Kreatur nur reden könnte . Isidor , der älteste Sohn des fürstlichen Paares , war bei Richards Ankunft schon funfzehn Jahre alt , und einem deutschen Hofmeister übergeben , unter dessen Leitung er für die diplomatische Carrière sich vorbereitete , für welche er bestimmt war . Alexis , sein um zwei Jahre jüngerer Bruder , wurde für den Militairdienst erzogen , und Eugen , der jüngste der drei Söhne , hatte so eben das siebente Jahr erst erreicht . Von den beiden Töchtern des Hauses war Natalie , die älteste , ein sehr niedliches sechsjähriges Prinzeßchen , das unter den Händen der , übrigens sehr vorzüglichen Gouvernante , Mademoiselle Duprés , schon eine ziemlich französische Tournüre erhalten hatte , und für ein Muster von Artigkeit galt . Die kleine Helena aber , ein ächtes Kind der Natur , hübsch wie ein Engelsköpfchen , frisch und blühend wie ein Mairöschen , stand noch unter der Aufsicht ihrer Amme , und war die Lust und Freude der Eltern , wie des ganzen Hauses . Mitten in diesen Familienkreis , zu welchem noch eine bedeutende Anzahl dem fürstlichen Hause anverwandter Kinder gehörte , der auch noch täglich durch demüthigere Gespielen , Söhne und Töchter der vornehmern Dienerschaft erweitert wurde , sah der kleine Insulaner , wie ein fremdes Wunderthier , sehr unvorbereitet sich hingestellt . Befangen , blöde , daneben etwas verblüfft , sah er nach der Reihe alle die fremden Leute sich an , und das Weinen mochte ihm näher sein als das Lachen . Doch als Fürst Andreas , in recht verständlichem , wenn gleich etwas fremdartig ausgesprochnem Englisch ihn freundlich anredete , Herr Müller , Isidors Hofmeister , ebenfalls in seiner Muttersprache , ihn aufforderte guten Muthes zu sein , weil es in diesem Hause ihm nicht anders als wohl ergehen könne , und endlich sogar der sonst ziemlich zurückhaltende Isidor die paar englischen Worte , die er von Herrn Müller erlernt hatte , zusammensuchte , um den kleinen Fremdling willkommen zu heißen , da wurde diesem schon leichter um das Herz . Das Beste dazu aber that Eugen , der kein Wort englisch wußte . Er nahm den neuen Gespielen , der seiner Meinung nach eigens für ihn verschrieben worden war , beim Kopf , fuhr mit linder loser Hand ihm liebkosend durch die lichtblonden Locken , sah ihm lächelnd in die großen blauen Augen , streichelte ihm die feuerroth glühenden Wangen , faßte ihn dann mit beiden Armen an , und sprang mit ihm ein paar Mal durch das Zimmer , daß der Fußboden dröhnte , und die kleine Helena , die sich in das Spiel mischen wollte , von ihrem Bruder beinah umgerannt wurde . Doch Richard nahm noch im rechten Augenblicke sie gewandt auf , und brachte sie zu ihrer Amme ; denn er war an Aufmerksamkeiten dieser Art noch von zu Hause her bei seinen kleinen Geschwistern gewöhnt . Die Nacht mußte Richard , auf Eugens ausdrückliches Verlangen , in der nächsten Nähe seines kleinen Beschützers schlafen ; am folgenden Tage wurde der Insulaner mit seinen Umgebungen schon bekannter , und fing an , sich ein Herz zu fassen ; nach vier Wochen waren sämmtliche Kinder im Stande , halb in russischer halb in englischer , und wo diese nicht ausreichten , durch Zeichen und Geberden sich unter einander recht leidlich zu verständigen . Es ging freilich ein wenig wie beim babylonischen Thurmbau dabei her , aber die Lust war deshalb nur um so größer , und des Lachens und Jauchzens kein Ende . Richard wurde wirklich im Hause des Fürsten Andreas den Kindern desselben in jeder Hinsicht völlig gleich gestellt ; gekleidet und bedient wie sie , theilte er Unterricht und Vergnügen mit ihnen . Ein alter freundlicher Diener war ihm , mehr zur Aufsicht als zur Bedienung beigegeben , der bei seinen kindischen Einfällen und Spielen ihm redlich half ; Eugen , zu welchem Richard der Gleichheit ihres Alters wegen sich vorzugsweise hielt , bekam ein kleines Pferd zum Reiten , und am nämlichen Tage wurde auch Richard mit einem nicht minder hübschen beschenkt ; lauter Dinge , an die nur zu denken , ihm daheim auch nicht im Traume eingefallen wäre . Alle im Hause gaben sich gern und freundlich mit ihm ab , jeder Tag brachte ihm etwas Neues , das ihn erfreute , und so war es denn nicht zu verwundern , wenn die Sehnsucht nach Eltern , Geschwistern , und der fernen Heimath , wo es ihm lange nicht so gut ergangen war als hier , gar bald aus seinem Gemüthe völlig schwand . Richard war kaum acht Jahre alt , ein lebhaftes glückliches Kind ; möge dieses zu seiner Entschuldigung dienen , wenn er nach einem kurzen Jahre sich der vorigen Zeit kaum noch erinnerte und ihm bedünkte , wirklich zu sein , was er doch eigentlich nur zu sein schien . An was gewöhnte der Mensch sich leichter als an Wohlleben und Pracht ! und was entschwindet schneller und spurloser aus der Seele , als Erinnerung an frühere Armuth und Niedrigkeit . Aber auch von Seiten der Eltern geschah leider wenig , um ihr Andenken im Gemüthe ihres Kindes lebendig und warm zu erhalten . Gleich nach seiner Ankunft in Petersburg hatte Richard an Vater und Mutter geschrieben , baldige Antwort war darauf erfolgt , doch auf einen zweiten Brief blieb diese mehrere Monate aus , und endlich erhielt er gar keine mehr .