, etwas spielen solle . Der Graf nickte und der Herzog sprang auf , um einen dankenden Kuß auf die Stirne des schönen Mädchens zu drücken . Massiello nahm förmlich Abschied , und führte zur Entschuldigung an , wie er jezt gerade ein altes , höchst seltsames Liebeslied dichten wolle , welches in seiner ganzen Lebendigkeit in ihm aufgegangen sey , als der edle Graf von der absoluten Thierheit so vortrefflich gesprochen , und da wolle er zwei recht gesunde Leute , denen es gelungen war , auch das lezte Restchen von Seele , Tugend und Unsterblichkeit wegzuschleudern , in recht kräftiger Naturfreude zusammenführen . Der Herzog ließ ihn gehen , und auch der Graf nahm Abschied . Ein freudiges Ereigniß war , daß jezt die Thür sich öffnete , und die beiden Flüchtlinge , Robert und der Abt , hineintraten . Man hörte nicht viel auf ihre Reiseberichte , der Herzog umarmte leidenschaftlich einen um den andern , Jokonde brachte allerlei Possen vor , und endlich mußte der Abt sich an das Pianoforte setzen , um einen seiner französischen Tänze zu spielen . Er protestirte heftig , indem er behauptete , daß sein Verlangen , unter den Tanzenden eine Stelle einzunehmen , viel zu mächtig sey , besonders wenn sein Glück es ihm gestatten wolle , an der Seite des schönen Fräuleins seine Geschicklichkeit zu zeigen . Man kam seinen Wünschen zuvor , Eduard setzte sich zum Spiel und lächelnd folgte das reizende Mädchen seinem alten Grazioso , indeß der Fürst und Robert sich gegenüberstellten . Jokonde machte jene leichten Sprünge , die ihr durch ihre natürliche Anmuth immer das Entzücken der Zuschauer erwarben , indeß der Abt , ihr schief gegenüberhängend , sich in künstlichen Tanzfiguren erschöpfte und endlich damit endete , mit einem bösartigen keuchenden Husten einzugestehen , daß er sein schönes Vorbild unmöglich erreichen könne . Ein leises Gelächter wurde hörbar , als er abtrat ; und jezt stellte sich der schöne Robert an seine Stelle . Die Musik floß wie mit Inbrunst in die reizenden Verschlingungen und hob auf klingenden Wogen die schönen Tänzer wie im Triumph auf und nieder . Der Herzog glaubte zu bemerken , daß Jokonde die dunklen Augen des jungen Engländers suchte und hustete verstimmt . Als man geendet hatte , trat die Dienerin herein und meldete , es stehe im Vorzimmer ein kleiner verdrüßlicher Mann mit einer spitzen , äußerst saubern Nachtmütze , er habe kurz und ungeduldig anbefohlen ihn zu melden . Die Gesellschaft trat neugierig zusammen , die Thüre ging auf und eine seltsame Figur mit rückwärts flatterndem Schlafrock eilte herein , bemächtigte sich eines Stuhles , bestieg ihn und sich leise räuspernd und bückend hub sie mit feiner Stimme zu sprechen an : » O meine Herrn , wenn Sie wüßten , wie krank ich bin ; man beobachtet mich und hält meine arme kleine Person in einem weitläuftigen Gebäude verschlossen , so weit ist es mit der Despotie des Pöbels gekommen ; sie sezt die Zeit selbst gefangen , indem sie vorgibt , mich zu befreien . Ach , es ist etwas beklagenswerthes um die Ehre , der Gott der Zeit zu seyn ! Ja , Madame , lächeln Sie nicht , ich bin die Zeit . Eigentlich sollte ich Sie verspeisen , da Sie mein Kind sind , aber diese Untugend habe ich mir schon längst abgewöhnt . Du lieber Gott , meine Kinder heut zu Tage schmecken erbärmlich schlecht , es ist eine grenzenlos fade Speise , die den besten Magen verdirbt - freilich wäre ich jung - ach damals , damals ! still , still ! das ist der Wurm - ganz im Geheim , lieben Freunde , ich bin alt , sehr , sehr alt . Sehen sie dieses altgermanische blonde Lockenhaar , das unter meiner Mütze auf die Schulter herabwallt , es ist falsch und deckt meinen nackten Scheitel , der sonst ganz erbärmlich frieren würde ; der lederne Koller , den mir Götz von Verlichingen geliehen , ist nicht genug , die enge kalte Brust zu wärmen , unter ihm trage ich eine Jacke von Flanell , die ich aber sorgfältig verstecke ; den Wertherfrack ziehe ich manchmal noch drüber , ich liebe ihn , weil er so stark nach Pulver und Lebensüberdruß riecht . Uebrigens ist mein Gebein von der Studierlampe durch und durch gedörrt , mein Körper hat allerlei seltsame Einbeugungen und Auswüchse von den Ecken und Kanten des Schreibtisches erhalten und die innern Theile sind vom beständigen Nachtsitzen jämmerlich zusammengewachsen . Ach , Madame , Madame ! oft überfällt es mich wie der Tod in Thränen , wenn ich daran denke , wie ich einst im alten Hellas als Jüngling ewige Hymnen absang , zu den Füßen Aspasiens lag ; wie ich als Knabe Alcibiades an den Lippen des Sokrates hing , der so schön war , weil er so weise ; wie ich in ausgelassener sinnverwirrter Jugend den trunkenen Bacchus auf meinen Schultern durch den jauchzenden Sturm der mitternächtlichen Orgien führte . O Himmel , Himmel ! und wie ich später an der Tafel des Mäcenas das beste Glas Wein in meinem Leben trank , und der alte Flaccus mir zur Seite mit lächelndem Munde , im Gefühl eines üppigen Lebens , die Reize ländlicher Einsamkeit pries , wie mir als Antonius die ägyptische Königin in afrikanischer Liebesglut die Wange bleich küßte ; wie ich in stürmischer Jugendbrust als Hannibal dem völkerwimmelnden Erdkreis Verderben schwur ! Und später - Freunde , Euer Auge wird feucht - Ihr ahnet , wovon ich sprechen will - ach , von der Zeit meiner ersten Liebe . Die stürmische Jugend war vorüber ; aus dem Orient , vom Grabe des Erlösers kam ich zurück , in meinem schwarzen Auge lag die dunkle , süße Elegie der Liebe , meine Wange war bleich , der Tod Jesu hatte einen finstern Schatten auf die Welt geworfen . Die üppige , feurige Blume der Sinnlichkeit schloß sich , eine heilige , ewige Mondnacht