der Erziehung seiner einzigen Tochter befand , und wandte alles an , um sie zu einem Besuch auf seinem einsamen Schlosse zu bewegen . Aurelien war diese Einladung höchst unwillkommen , ihre Mutter hingegen ergriff sie mit einer Art von Begeisterung , die ihr sogar den Muth gab , dem Willen ihrer Tochter für dieses Mal gerade entgegen zu handeln . Eine Wallfahrt zum Stammhause ihrer Vorfahren , welches die Gräfin noch nie besucht hatte , schien ihr so romantisch , sie dachte sich die dunkeln , hohen Gemächer , die gemalten Fensterscheiben , die langen Gallerieen voll alter Bilder ihrer Ahnen so interessant , sie freute sich so sehr auf den neuen Stoff zur geselligen Unterhaltung , daß sie , ungeachtet aller Einwendungen Aureliens , die Reise so viel möglich beschleunigte , und mehrere Tage früher im Schloß Aarheim eintraf als der Baron es erwarten konnte . Doch kaum hatte sie einige Stunden dort verlebt , so sehnte sie sich schon wieder recht herzlich in ihre gewohnten Umgebungen zurück . Alles , was sie sah , machte auf sie einen weit andern Eindruck , als sie erwartet hatte . Die todte Stille in dem großen öden Gebäude ängstigte sie , die dunkeln winkligen Gänge und Säle , die viele Ellen-dicken Mauern schienen sie erdrücken zu wollen , vor allen aber erregte ihr der Anblick ihres Bruders ein nie gefühltes unüberwindliches , Grausen . Als einen großen stattlichen Mann hatte sie ihn zum letztenmal erblickt , nach einer langen Reihe von Jahren sah sie ihn jetzt , wieder zum hinfälligen , hagern Greise gealtert , und suchte vergebens in seinen von mannigfachen Leidenschaften durchwühlten Zügen , in seinen tiefliegenden , dunkel glühenden Augen nach einer Spur von dem , was er in frühern Tagen gewesen war . Seine ganze Erscheinung blieb ihr nur eine stete ernste Erinnerung an die mächtige Gewalt der Zeit , die sie so gern für immer vergessen hätte , er stand vor ihr wie ein Gespenst , das aus einem schönen Traum sie erweckt , und seine Gegenwart war ihr um so entsetzlicher , je mehr sie zu verbergen strebte , was sie dabei empfand . Auf Aurelien , die , vier Jahre älter als Gabriele , in der höchsten Pracht völlig erblühter Schönheit strahlte , machte der Baron freilich nicht den Eindruck als auf ihre Mutter , dafür aber fühlte sie sich beim ersten Schritt in das Schloß von der gräßlichsten Langenweile ergriffen . Besonders aber war sie ärgerlich über die kleine blasse Kusine , der unschuldigen Veranlassung dieser ihr widerwärtigen Reise . Um diesem Zorn Luft zu machen , auch wohl , um sich doch auf irgend eine Weise zu amüsiren , verfolgte sie die arme Gabriele mit tausend lustigen Einfällen über das , was sie altmodisch-empfindsames Wesen nannte , und spottete ganz ohne Erbarmen , wenn das arme verschüchterte Kind dadurch in Verlegenheit gerieth , und sich irgend eine kleine Unbehülflichkeit zu Schulden kommen ließ . In bessern Stunden kramte sie vor ihr alle die Künste aus , um derentwillen man sie in der Stadt unter dem Namen einer zweiten Korinna zu vergöttern pflegte . Gabrielens sprachloses Staunen dabei schien ihr ein großer Triumph , ihr ahnete nicht , daß diese nur zu begreifen suchte , wie man von solchen Künsten so viel Wesens machen könne , die sie selbst nur gewohnt war als Erholung von ernstern Beschäftigungen zu üben . Noch weniger fiel es ihr ein , daß die unbedeutende Kleine in Manchem wohl nicht ohne Erfolg mit ihr zu wetteifern fähig wäre , denn Gabriele war zu furchtsam , und auch zu bescheiden gewöhnt , um auf die entfernteste Weise etwas davon zu äußern . Es bedurfte nicht Aureliens ungestümes Treiben , um die Gräfin zur möglichsten Abkürzung eines Aufenthalts zu bewegen , der ihren Erwartungen so gar nicht entsprach , besonders da der Baron weit entfernt war , auf dessen Verlängerung zu bestehen . Die Gräfin versprach ihrem Bruder in allgemeinen Ausdrücken , Gabrielen bis zum Frühlinge zu sich zu nehmen , ihr den nämlichen Unterricht zu verschaffen , den die glänzende Aurelia gehabt hatte , und sie in die Welt einzuführen . Dieß genügte ihm . Sie selbst hatte Gabrielen kaum des Bemerkens würdig geachtet . Von ihrer sehr kleinen Gestalt , und ihrem ganzen Ansehen getäuscht , hielt sie sie für ein kaum vierzehnjähriges Kind , und dieß mußte ein jeder , der solche zum erstenmale sah , und nicht Gelegenheit hatte , ihren weit über ihre sechzehn Jahre hinaus gebildeten Geist zu erkennen . Am dritten Tage nach ihrer Ankunft rollten beide Damen sehr fröhlich über die Zugbrücke der alten Burg der Stadt wiederum zu . Gabriele athmete erleichtert auf , indem sie ihnen nachsah , aber im nämlichen Moment traf sie wie ein Donnerschlag aus heitrer Luft die Erklärung ihres Vaters , daß sie in acht Tagen den Damen folgen würde , um wenigstens bis zum Frühling bei diesen zu verweilen . Dennoch vernahm sie den Befehl , ohne eine Einwendung dagegen zu wagen , denn die Möglichkeit , mit Blicken oder Worten dem Willen ihres Vaters zu widerstreben , war ihr nie in ihre Seele gekommen . Es that ihr sehr weh , alle liebe , gewohnte , durch die einstige Gegenwart ihrer Mutter geheiligte Umgebungen verlassen zu müssen , besonders da sie vernahm , daß Frau Dalling sie zwar begleiten aber gleich nach vollendeter Reise zurückkehren würde , um wie sonst dem Haushalt ihres Vaters vorzustehen . Der schmerz über den Tod ihrer Mutter ergriff sie mit verdoppelter Gewalt ; sie fühlte , wie trostlos sie in der Stadt unter Fremden seyn würde , von denen keiner ihre Mutter gekannt hatte . Hier im Schloß war sie es nicht , wenn sie auch weinte ; der Mutter Geist wehte noch über alles , was sie umgab , sie setzte gleichsam unter seinem Schutz das gewohnte Daseyn fort , und achtete sich nicht durch das Grab gänzlich von ihrer Mutter geschieden . Dabei fühlte sie