schien ihre Blicke auf die Uhr zu heften . Bei ihrem Eintreten bellte der kleine Hund , der während diesen Tagen nicht von der Kranken wich , und als diese Julius erkannte , rief sie neu belebt : Gott Lob , mein Sohn , mein lieber Sohn ! Julius Festigkeit erlag bei dem ernsten Ton dieser gebrochnen Stimme . Seine Thränen rannen unaufhaltsam , er konnte kein Wort hervorbringen , und als er beim unsichren Schein der Lampe nach und nach die verfallnen Züge des geliebten Gesichtes wahrnahm , barg er seinen Kopf in die Kissen und gab sich ohne Widerstand dem heftigsten Schmerze hin . In diesem Augenblick war Mathilde für ihn todt , und was nachher wirklich erfolgte , erregte nur den Wiederschein jenes ersten heftigen Gefühls in ihm . Der Doktor näherte sich jetzt und wünschte , man möge jede Erschütterung vermeiden . Wozu das ? fragte Mathilde . Lassen Sie doch die letzten , freien Ergießungen durch keine Rücksicht hemmen . Man erwägt ja das Leben hindurch Vortheil und Schaden ; in dieser Stunde darf uns dergleichen wohl nicht stören . Ihre Augen belebten sich , während sie sprach und fachten in Luisen neue Hoffnung an . Allein sie selbst fühlte wohl , daß dieser rückkehrende Lebensblitz nur ein Wiederschein des schwindenden Geistes sei , der noch einmal der lieben , befreundeten Welt Lebewohl sagte ; daher eilte sie , die gegönnte Frist zu benutzen und wandte sich zu ihren Kindern , die , von tausend Gefühlen zerrissen , sich fest umschlungen hielten . Lieber Julius , sagte sie , Deine unerwartete Ankunft ist mir ein erfreuliches Zeichen . Luise wird nie allein siehn , im Augenblick der Gefahr bist Du ihr zur Seite ; schütze sie , mein lieber Sohn , vergiß nicht , daß sie nun niemand mehr auf der Welt hat als Dich . - Laß jetzt - fuhr sie nach einer Weile fort , den Prediger rufen , ich will zu des Himmels Segen noch den meinigen fügen . Julius schwankte betäubt zur Thür hinaus . Jetzt , dachte er , jetzt ! mit diesem blutenden Herzen ! Luise fühlte nichts als die unbeschreiblichste Angst , mit der sie unaufhörlich ihrer Mutter Hand küßte und drückte und durch tausend Liebkosungen den nahenden Tod zu besänftigen meinte . Mariane allein dachte an die Trauung : sie pflückte einige Zweige von einem schönen Myrtenbaum und wand sie zwischen Luisens Haar . - Der Geistliche trat bald mit Julius herein . Herr Prediger , sagte Mathilde , sie sollen drei Menschen mit Gott vereinen , durch Liebe und Tod . - Niemand konnte in dem Augenblick sprechen . Julius sah umher in der düstren Krankenstube , auf Luisen , die der bräutliche Kranz wie ein Todtenopfer schmückte . Das also , sagte er in sich selbst , ist die lang gewünschte , von Kindheit an ersehnte , Feier ! Er reichte dem bleichen Mädchen die Hand , die sich nicht von der Mutter losmachen wollte , und , indem sie Beide an ihrem Bett knieten , ihre drei Hände ineinander verschlang . Der Prediger stand gegenüber , sprach mit bebender Stimme den Seegen , und endete in folgenden Worten : Der Tod ist verschlungen in den Sieg , und der Sieg leuchtet uns in der Liebe , die das Band ist aller Vollkommenheit . - Hier schlug die Uhr Eins . - Mathilde dehnte sich mit leisem Wimmern , und ihre kalte Hand hielt die ihrer Kinder krampfhaft zusammen . Eilen Sie , rief der Doktor , wenn der Schreck ihre Braut nicht tödten soll ! Mathilde schloß die Augen , und Julius trug die ohnmächtige Luise aus dem Zimmer . Zweites Buch Der Wagen hielt vor der Thür , alles war bereit , Luise warf noch einen wehmüthigen Blick hinter sich und stieg an Julius Hand hinein . Als Georg den Schlag zumachte , war ihr , als sei sie nun auf ewig von allen lieben Erinnerungen der Vergangenheit geschieden . Der enge Raum , der sie umfing , ängstete sie . Sie lehnte sich weit heraus , und grüßte im Vorübereilen , mit doppelter Herzlichkeit , alle Bekannte des Dorfes , die vor den Thüren standen und ihr laut Heil und Glück wünschten . Auch der Geistliche bog sein weißes Haupt zwischen grünen Weinranken hervor und blickte segnend auf das junge Paar , das bis jetzt nur Dornen auf dem neuen Lebenswege fand . Bei einer Beugung der Straße wurden Mathildens Fenster noch einmal sichtbar . Sie glänzten hell in der aufgehenden Sonne und ließen die herabgelassenen Vorhänge sehen , die sich dicht an das Glas anschmiegten . O Gott ! O Gott ! rief Luise , seit vier Wochen sind sie geschlossen und ihre Hand wird sie nie mehr öffnen ! Sie drückte sich fest in die Ecke des Wagens und weinte , von erwachenden Schmerzen ergriffen . Julius bemühete sich , ihr etwas Tröstliches zu sagen ; allein er fürchtete jetzt , wie so oft , das Rechte zu verfehlen und ihr Gefühl durch irgend ein gewagtes Wort zu verletzen , daher schwieg er ganz und überließ sie ihren eignen Vorstellungen . Sie fuhren lange Zeit über weiten Ebnen zwischen vollen Kornfeldern hin , die , außer dem behaglichen Gefuhl des reichen Gewinnes , die Sinne unbeschäftigt lassen . Da trabte ein junger , blonder Mann auf einem schönen Pferde vorbei ; ihm folgte in einiger Entfernung ein Knabe in grüner Livree , der einen kleinen türkischen Schimmel ritt . Luise blickte unwillkürlich auf ; das feine kindliche Figürchen auf dem weißen Pferde sah fast weiblich aus und erweckte in ihr die Lust zu reiten , die sie schon längst hegte , ohne sie in ihrer abgeschloßnen Lage befriedigen zu können . Julius bemerkte nicht so bald das flüchtige Wohlgefallen auf ihrem Gesicht , als er , die Veranlassung errathend , sogleich ein erheiterndes Gespräch anstimmte , und ihr selbst Gelegenheit gab , ihre kleinen Wünsche laut werden zu lassen .