von ihnen an die Planke , und öfnet leise die Thüre . Unruhig erwartend geht sie auf und ab , und fährt bei jedem Geräusch zusammen , das der Morgenwind an der halbofnen Thüre macht . Bald erscheint ein junger wohlgebildeter Mann , sie hüpft ihm entgegen - sie sind so jugendlich , so froh , und sie genießt in diesen Augenblicken die reichste Entschädigung für alles , was ihr die Laune des Glücks versagte ! ich gestehe Dir , daß ich ihre frohen Unterhaltungen schon öfter mit dem höchsten Interesse belauscht habe - doch hinter der Jalousie , damit mein Anblick ihre Freude nicht störte . Fünfter Brief Amanda an Julien Dies kleine , niedliche Städtchen gefällt mir mit jedem Tage mehr . Das ruhige Leben welches ich hier führe , läßt mich meinen Träumen ungestört nachhängen , und mildert manches traurige Bild , das sich mir , als ich im Geräusch lebte , sehr oft , mit schreienden Farben und bitterm Contrast unerwartet darstellte . Hier ist alles was mich umgiebt , Luft , Gegend , Frühling , in ein weiches Colorit getaucht , und unvermerkt verschmelzen hier auch die Bilder meiner Gedanken , traurige und fröhliche , in ein mildes , übereinstimmendes Ganze . Könnte ich nur diese Sehnsucht nach einem verwandten Wesen , nach jener , vielleicht nur erträumten Seelenharmonie , die mich jetzt oft lebhafter als je ergreift , könnte ich nur diese vergessen , so würde ich ganz glücklich sein . Ich seh ' es ein , daß mir so vieles ward von dem , was die Wünsche des Menschen reizt . In der Blüthe der Jahre , in der vollen Kraft der Gesundheit gewährte mir ein günstiges Schicksal so manche fröhliche Genüsse , schöne Beziehungen des Lebens , die Andre unter ewigen Wünschen , unter Sorgen und Gram erst spät , viele nie erreichen . Frei und ohne mein Sorgen bieten sich mir alle Mittel dar , das Leben zu genießen , warum fehlt mir doch oft der Sinn dafür ? Warum fliegen alle meine Wünsche unauf-haltbar dem Einen nach , was mir fehlt , da mich das Mannigfaltige , was ich besitze , genug beschäftigen könnte ? - Ja , ich will allein sein , meine Julie ! - ist es denn so unmöglich , daß ein Weib sich selbst genug sein kann ? - sind unsre Herzen durchaus dazu geschaffen , in einem einzigen Gefühl die ganze Welt zu genießen , und warum sollten wir dies Gefühl nicht über die ganze Welt verbreiten können ? - Wenn ich die Liebe , die ich ungetheilt im Herzen verschließe , auf viele Gegenstände übertrage , wenn ich einzeln und zerstreut die schönen Blumen breche , die das Schicksal nun einmal nicht für mich in einen Straus zusammenband , werde ich da nicht glücklich sein ? Ich habe , seitdem ich mich in dieser Stimmung zu erhalten suche , schon viele frohe Augenblicke gehabt . Kaum sind es einige Wochen , seit ich hier bin , und dennoch seh ' ich mich bereits mit einer Innigkeit geliebt , die mir nichts mehr zu wünschen übrig läßt . Mein Liebhaber ist ein wunderliches Geschöpf , das jede Stimmung willig von mir annimmt und sich ganz davon beherrschen läßt , ohne sich im geringsten darum zu bekümmern , ob er mich dagegen auch beherrscht , und ohne deshalb von seiner Originalität zu verlieren , der , ob er gleich das sinnlichste Wesen von der Welt ist , bei stundenlangem Alleinsein , auch die Eifersucht selbst nicht zum leisesten Mißvergnügen reizen würde , der mich ungestört meinen Launen nachhängen läßt und mich nie um meine Geheimnisse fragt . - Willst Du diesen seltnen Liebhaber , ohne Herrschsucht , voll Unschuld und Bescheidenheit näher kennen lernen , so sage ich Dir , daß es ein kleiner , sieben oder achtjähriger Knabe ist , der meiner Wirthin angehört . Das Kind hat etwas edles , bedeutendes in seinem Wesen , das ich unbeschreiblich anziehend finde . In den ersten Tagen meines Hierseins traf ich ihn meist auf der Hausflur , wo er mit einem zahmen Vogel spielte , den er immer mit sich herum trug , und ausserordentlich zu lieben schien . Lange konnte ich ihm keine Rede abgewinnen , und nur dadurch , daß ich seinem kleinen Liebling alle Tage eine Handvoll Körner brachte , und auf ihn gar nicht zu achten schien , erwarb ich mir sein Zutrauen . Seitdem bringt er den größten Theil des Tages bei mir zu , und die Aussicht etwas zur Verschönerung seines innern und äussern Lebens beitragen zu können , ist mir unbeschreiblich angenehm . - Ach ! warum kann Albret dies Vergnügen nicht theilen ! wie unglücklich ist das Herz , das sich so unschuldigen Gefühlen nicht hin zu geben wagt ! Albret traf den Kleinen auf meinem Zimmer , und sein liebenswürdiges Wesen schien auch seine Aufmerksamkeit zu erregen . Er betrachtete ihn - beinah wohlwollend , spielte mit ihm - ja er war , wie ich ihn noch nie gesehen . Aber unerwartet schien ein schneller Unwille gegen das Kind in ihm rege zu werden ; er bat mich , ihn zu entfernen , wunderte sich über meine Gedult mit dem unartigen Knaben , und sagte so viel Hartes und unfreundliches über ihn , daß Wilhelm - so heißt der Kleine - scheu aus dem Zimmer sprang . Ist diese , so oft hervorbrechende Bitterkeit Werk der Natur , oder ist sie das Symptom eines vom Schicksal oder Menschen tief gekränkten Herzens ? -O ! daß ich das letzte glauben dürfte , wie gern wollte ich theilen , was auf diesem Herzen lastete ! - Aber umsonst suche ich mir sein Vertrauen zu erwerben ; er verschmäht den Antheil , den ihm jetzt freilich nur mein Blick noch zu zeigen wagt ! Aber wie mild doch jede Naturscene die Seele zu stimmen , und über das harte Gemälde des Menschenlebens ein weiches , geistiges Colorit zu hauchen vermag