ich habe ja die Erlaubniß , Ihnen diesen Nahmen geben zu dürfen - mit einer Secretairsnachricht vorlieb nehmen müssen . Der Herr Vater kann sich , wie gewöhnlich , zu keinem Briefe entschließen , und ist tiefer als jemals in seinen Acten vergraben . Kaum war es ihm möglich , mir einen Gruß für seine Julie zurufen zu können . Olivier ist seit drey Tagen bey mir . Fast mögte ich sagen , er dauert mich . Ich finde ihn nicht sowohl äußerlich als innerlich bis zum Unkenntlichen verändert , und gestehe , unter allen Zaubereyen der Liebe ist mir diese eine der merkwürdigsten . Gleichwohl droht sein oft mit Würde verhaltener , oft wie ein reißender Strom hervorbrechender Schmerz alle Vernunft zu überwinden . Anfangs wollte er mich zwingen , ihm Juliens Aufenthalt zu entdecken , und nur lange nach einer sehr ernsthaften Scene , war er im Stande meine Verbindlichkeit zu begreifen . Nun will er fort , Sie aufzusuchen . Ich werde ihn reisen lassen , und hoffe auf diese Weise seine Genesung am sichersten zu bewirken . Empfehlen Sie mich Ihrer theuern Freundin , und bitten Sie ihre Frau Mutter , mich meines Amtes nicht zu entsetzen . Ein und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Warum bin ich abgereist ? warum habe ich Dich nicht gezwungen , mir ihren Aufenthalt zu entdecken ? - Und hätte ich Dir den Degen auf die Brust setzen sollen - nicht wahr ? endlich mußtest Du nachgeben ? - Gestehe es ! Du wanktest schon ? - O ich knirsche vor Wuth , daß ich Dich so entwischen ließ ! Wie ich hier ankam , wie ich das alles überlegte , wollte ich gleich wieder umkehren . Aber da verwirrten mich die dummen Nachrichten meiner Bedienten . Der Eine wollte dies , der Andere das gehört haben . Am Ende bist Du auch wohl so tückisch , Julien eine Veränderung des Aufenthalts vorzuschlagen , um Dich nachher mit Deiner Unwissenheit brüsten , und mich dann völlig rasend machen zu können . Siehe ! ich schwöre es ! Wo ich es Dir , wo ich es Euch allen vergebe ; so möge Gott mir keine meiner Sünden vergeben . Mich diesem entsetzlichen Schmerze , diesen Höllenquaalen Preis zu geben ! - Und was wird nun die Frucht Eurer Weisheit seyn ? - Unglück ! schreckliches Unglück ! denn wenn ich sie nicht finde - o ich mag es nicht ausdenken , was ich dann thue . Dummköpfe ! Ihr grausamen Dummköpfe ! Wolltet Ihr mich in Euer moralisches Joch spannen ; nur mit Ihrer Hülfe war es möglich . Ach ! ich fühlte wie es Tag ward in meiner Seele , wie mein beßres Selbst anfieng zu erwachen , wie Glaube und Hofnung zu lebendigen Gestalten sich entwickelten . Das habt Ihr nun alles zerstört . Es ist wieder Nacht , tiefe Nacht um mich her , und ein lebenzerstöhrender Schmerz nagt in meinem Innern . - Was soll ich nun thun ? - Thun ? - Hier ist nicht von einem Thun , von einem Leiden ist die Rede . Olivier leiden ? - Nimmermehr ! Ehe zerfleischt er sein eigenes Herz . Muth ! Muth ! ich werde sie finden ! und dann sollt Ihr alle dafür büßen . Zwey und dreißigster Brief Wilhelmine an ihre Mutter Ich werde also meine theure Mutter mit ein paar recht klaren gesunden Augen wieder finden ? und diese lieben Augen werden segnend auf mir ruhn . - Ach wie hat sie mich geliebt und getragen ! das begreife ich erst jetzt an der Seite meiner Julie , wo alle gute Empfindungen die herrschenden werden . Sie streitet nicht , sie widerspricht mir nicht ; und doch habe ich schon wer weiß wie viele Male meine Meinung aufgegeben . Machte ich irgend eine kleine boshafte Anmerkung , konnte ich mich eines bittern Urtheils über die Männer und was dahin gehört , nicht enthalten ; so erwartete ich wenigstens eine mißbilligende Miene von Julien ; aber ich sah nichts als das Lächeln , was unser Zeichenmeister schon in ihrer Kindheit das unnachahmliche nannte . Zärtliches Mitleiden , holde Schaam , daß ihr reines Herz sie über den Andern erhebt , Angst , Vorgefühl der Reue , die es sich bereitet - das alles liegt in diesem wunderbaren Lächeln . Wahrscheinlich hält sie jeden Fehler , jedes Laster für eine Krankheit . Wenigstens kann man ihr Betragen nicht anders erklären . Gerade zu den boshaftesten Menschen fühlt sie sich am meisten hingezogen . So wie die Ärzte sich bey den gefährlichsten Kranken am längsten verweilen . Seit acht Tagen ist hier ein Weib , dessen Zunge nur aus Gift und Galle zusammengesetzt scheint . Nur , sobald ich Julie vermisse , finde ich sie gewiß an der Seite dieses Weibes . Jeden Ausbruch der Bosheit scheint sie für einen Ausbruch des Schmerzes und sich für berufen zu halten , ihn zu lindern . Ein Kind , eine schöne Blume , eine heitere Aussicht , müssen ihr wechselsweise dienen , die scheußliche Phantasie des Weibes zu beschäftigen . Oft wenn die blauen Lippen sich zu einer neuen Lästerung öfnen , schließen sie sich wieder bey Juliens Lächeln und das Gift bleibt in dem Drachen zurück . Donnerstags Abends . Ich hatte Recht , beste Mutter ! Wahrhaftig ! sie hält das scheußliche Weib für krank . Heute war mein Sinn darauf gesetzt , sie zu einem ordentlichen Widerspruche zu zwingen . Aber , sage mir - redete ich sie an - wie kannst Du es nur zwey Minuten bey dem Weibe aushalten ? » Ach sie leidet sehr viel ! « Worüber klagt sie denn ? » Sie klagt nicht ; aber ihr Betragen klagt für sie . « Gegen sie ! willst Du sagen . Das Weib ist ja aus lauter Gift und Galle zusammengesetzt . » Beste Wilhelmine ! wenn das ist , was kann sie denn für ihr Betragen ? « Nun !