ein Wesen von Fleisch und Blut zu sein . Und wenn es dann nicht alsobald das Strafgericht über einen sol ­ chen , seiner Meinung nach , schweren Missetäter hereinbrechen sieht , so betrachtet es ihn , als der gött ­ lichen Macht entrückt , unter dem Schütze einer anderen : der des Teufels ! Verzeihen Sie meine Offen ­ heit — ich rede diesem kindischen Standpunkt , dieser falschen Auslegung von Gottes gütiger Langmut nicht das Wort , ich halte es nur für meine Pflicht , Ihnen die unausfüllbare Kluft zwischen Ihnen und Ihrer Umgebung zu zeigen . Sie sind nicht nur dem katholischen , sondern auch dem evangelischen Geistlichen unseres Sprengels ein so großes Ärgernis , daß er auf Grund Ihrer Schriften schon durch das Konsistorium Ihre Ausweisung bewirken wollte , und , da ihm dies nicht gelang , beschloß , Sie um jeden Preis durch fortgesetzte Anfeindung von hier fortzutreiben . Sein katholischer Amtsgenosse unterstützt ihn , wie Sie ja schon selbst erfuhren , darin auf das Eifrigste und ich möchte Sie gerne durch diese Warnung vor allen den Unannehm ­ lichkeiten bewahren , die Ihnen hier leider noch drohen . “ Er hielt inne und suchte , mit seinen blöden Augen in Ernestinens unbeweglichen Mienen zu lesen . Sie schwieg und sah unverwandt zu Boden , er faßte ehr ­ erbietig eine ihrer Hände : „ Liebes Fräulein , vergeben Sie mir , wenn ich Sie beleidigte und vielleicht über meine Grenzen ging . Ich bin ein schlichter , ungeschick ­ ter Mann , nicht geübt in den Formen der vornehmen Leute , unter Bauern alt geworden und gewöhnt , meine Ansichten ohne Ausschmückung herauszusagen . Ich halte Wahrheit für die erste Pflicht , aber es sollte mir leid tun , wenn die Ausübung dieser Pflicht Sie wider meinen Willen verletzt hätte ! “ „ Ach Gott — ja — ach Gott , ja ! “ bestätigte die gutmütige Schulmeisterin in wahrer Sorge um den unerklärlichen Ausdruck auf Ernestinens Gesicht . Da sprang diese plötzlich auf , schüttelte den alten Leuten die Hände und sprach ernst , aber herzlich : „ Ich danke Ihnen , Sie sind ein braver Mann , Herr Leonhardt ! “ „ O das gute Fräulein , das liebe Fräulein ! “ rief die Schulmeisterin , eine Träne der Rührung abwischend . „ Ich muß jetzt nach Hause “ , sagte Ernestine , den Hut auf ihre schwarzen Flechten drückend , „ aber ich werde Sie wiedersehen . Leben Sie wohl ! “ Als das alte Paar ihr das Geleit bis auf die Straße gegeben und der gedankenvoll Dahinschreitenden nachblickte , fiel es Beiden erst ein , daß sie mit keinem Wort Johannes ’ erwähnt hatte . „ Wie sonderbar ! “ sagte der Schulmeister und holte die Gartenschere , um den wuchernden Zaun vor der Tür ein wenig zu beschneiden . — — Viertes Kapitel . Der Vormund . Als Leuthold am Abend desselben Tages aus der Stadt zurück kam , hieß es , Ernestine könne ihn nicht mehr sprechen , sie fühle sich leidend und habe sich zu Bette gelegt . Er ging leise und behutsam in ihr Studierzimmer . Dort sah er nach , was und wie viel seine Mündel heute gearbeitet hatte . Zu seinem Stau ­ nen fand er nichts . Er schlich in das Laboratorium , auch dort lag Alles wie gestern , die Zeichen , die er vor dem Weggehen zwischen die Gegenstände gelegt hatte , waren unberührt . Was war das ? Seit Jah ­ ren der erste Tag , an welchem Ernestine ganz müßig gewesen . Er suchte , lautlos wie eine Katze durch die Gänge schreitend , die Frau Willmers auf . Sie war eben im Begriff , nach Ernestinens Gemächern zu gehen , um sich auch zur Ruhe zu begeben . Sie sah etwas verschlafen aus und Leuthold faßte sie scharf ins Auge : „ Womit hat sich das gnädige Fräulein heute beschäftigt ? “ Frau Willmers gähnte — sie mußte sich erst ein wenig besinnen : „ Das gnädige Fräulein waren den ganzen Tag sehr unwohl “ , antwortete sie beherzt . „ So , was fehlte ihr denn ? “ „ Ei , was ihr immer fehlt , nur einmal mehr , einmal weniger : Herzklopfen , Ohnmachten , Kopf ­ schmerzen . Ist es denn ein Wunder bei der über ­ mäßigen Anstrengung ? — Sie konnte sich heute kaum aufrecht halten — “ „ Niemand hier gewesen ? “ „ Keine Seele , wer sollte — ? “ „ Kein Brief gekommen ? “ „ Doch , zwei an den Herrn Professor und einer an das gnädige Fräulein , vom Schullehrer . “ „ Was wollte der ? “ „ Er bat das Fräulein um Leinwandläppchen für seine kranken Augen . Sie hat sie ihm auch ge ­ bracht . “ „ Sie selbst ? Weshalb das ? “ „ Sie hatte Langeweile , weil sie nichts arbeiten konnte , — und da wollte sie sich einmal die kranken Augen des Herrn Leonhardt ansehen , — sie meinte , sie könne daran etwas lernen . “ „ Nun , so ist es gut . Wohl zu schlafen , Frau Willmers ! “ „ Wünsche eine ruhsame Nacht , Herr Professor ! “ sagte die kluge Frau und eilte zu Ernestinen , um ihr zu berichten , wie schlau sie ihre Sache geführt und wie sie bei allem Falschen noch immer etwas Richti ­ ges gesagt und so doch der Wahrheit die Ehre gege ­ ben habe . Ernestine saß auf einem bequemen Lehnstuhl und starrte in die Lampe . Vor ihr lag aufgeschlagen ein Buch : Andersens Märchen . Sie konnte nicht lächeln über die Erzählung der Willmers . Es lag für sie etwas unbeschreiblich Bit ­ teres darin . Zum ersten Male , seit sie mit ihrem Oheim zusammen lebte , fühlte sie , daß sie eine Gefangene sei , daß sie beobachtet werde und gehemmt