offenen lebenslustigen Zügen den von der Situation geforderten Ernst zu geben . Nach mehreren Höflichkeiten über den Tod des verehrten Herrn Kollegen rückte er heraus mit dem , was er wollte . Er habe gestern abend vom Rentmeister gehört , daß die verehrte Frau Rat hier wohnen bleibe . Nun komme er , zu fragen , ob vielleicht Frau Rat geneigt sei , ein paar Zimmer an ihn zu vermieten . Sie möge ja entschuldigen , daß er schon jetzt , während der tiefen Trauer , danach frage , indessen der nahe Kündigungstermin treibe ihn dazu , und in der untern Stadt seien bereits mehrere Kollegen ansässig , und Frau Rat wisse auch wohl , daß es einem Anfänger immer recht schwer gemacht werde , und so hoffe er – Aenne stand plötzlich auf und ging hinaus . Es war ihr peinlich , zu hören , wie seine Bitte abgelehnt wurde , und daß die Mutter ablehnen würde , glaubte sie bestimmt . Sie setzte sich , in ihren Schmerz versunken , in der Küche auf den Stuhl am Herd , auf dem sie schon als kleines Mädchen so gern gesessen hatte , um in die zuckenden , spielenden Flammen zu schauen sie hatte so oft in Dresden von diesem traulichen Plätzchen geträumt . Heute wanderten ihre Gedanken von hier nach Dresden , in ihr liebes kleines Heim unterm Dach , wo sie so viel gelernt hatte , unter anderem auch , wie man sein thörichtes , sehnsüchtiges Herz bezwingt , wie man zufrieden wird . – Fahr ’ wohl , du schönes Leben voll Arbeit und frischer Schaffenskraft ! Was wird ihre Lehrerin sagen ? Was alle die Konzertunternehmer , denen sie sich verpflichtet hatte auf ein Jahr hinaus ? Ein Weilchen würde es ja gehen von hier aus , aber dann – dann würde es heißen die May schreitet nicht mehr vorwärts , dann wird sie so langsam verschwinden aus dem Gedächtnis der Arrangeure und des Publikums , und dann [ 267 ] fängt die große Oede und Einsamkeit an . Sie würde dann hier Gesangstunden geben , den Töchtern der Oekonomen aus der untern Stadt und von den umliegenden Gütern , die wollen dann Lieder von Abt singen und werden Brahms scheußlich finden und wenn ’ s Glück gut ist , darf sie bei ein paar Konzerten in der Kreisstadt mitwirken . Tante Emilie trat zu ihr . „ Verliere den Mut nicht , Kind ! Man ißt nichts so heiß , wie es gekocht wird . “ Aenne nickte . „ Ich hab ’ ’ s dem Vater versprochen , Tante , und Mutter kann auch nicht immer allein sein , ich dachte nur , sie hätte mich so lieb , daß sie – – aber es ist wahr , es ist ein unbilliges Verlangen von mir gewesen . “ „ Laß nur , “ tröstete die Tante , „ ich bin alt und bleibe bei ihr , und du bist ein verständiges Kind , du gehst allein ins Leben hinaus . Sie werden sich das alles noch überlegen , die Mutter und die dummen Jungen dazu , die haben ’ s doch gern genommen , wenn du ihnen was schicktest , und werden ’ s vermissen . Aenne schüttelte den Kopf . Nein , Tante , ich will der Mutter den Lebensabend nicht verbittern , es war ja nie nach ihrem Sinn , daß ich hinausging , sie hat immer Kummer um mich gehabt . „ Natürlich , du solltest heiraten und thatest es nicht . “ Aenne seufzte . „ Reden wir nicht mehr davon , Tante ! “ bat sie . Nun hörten sie , wie die Stubenthür ging und wie die Mutter den Gast hinausbegleitete . Nach einem Weilchen trat sie in die Küche , es lag auf ihrem Gesicht zum erstenmal wieder ein Ausdruck , der an die thätige wirtschaftliche Frau von früher gemahnte . „ Ich habe die Zimmer vom Vater vermietet , “ sagte sie , „ Neujahr zieht er ein , natürlich – vorbehaltlich der Genehmigung der Herzoglichen Kammer . Aenne erbleichte . „ Vaters Zimmer – vermietet ? “ stotterte sie , „ Vaters Zimmer ? “ „ Mit den Möbeln – was soll man machen , um durchzukommen ? “ Keine der beiden Ueberraschten antwortete ; Aenne verstand ihre Mutter nicht . Eben noch der Kampf um ihr Dasein , jetzt das schnelle Preisgeben der Wohnräume des Verstorbenen an einen Fremden – – „ Es ist doch besser , ich habe einen Schutz im Hause , “ fuhr die Rätin fort , „ als wenn wir Frauensleute so allein wohnen – und sie schalt zum erstenmal wieder auf das kleine Dienstmädchen , weil der Wasserkessel beinahe leer auf dem Feuer stand . In ihrem Herzen war wieder eine Hoffnung aufgegangen – der Doktor hatte Aenne so bewundernd nachgeblickt , als sie hinausging . Aenne aber stieg hinauf in ihr Stübchen ; sie lehnte die Stirn an die Scheibe und Thränen flossen ihr aus den Augen , so daß das einsame Licht in dem Erkerfenster des Schlosses droben zu allerlei Gestalten verschwamm vor ihren Blicken . Und der dort bei dem Lichte saß – der war noch unglücklicher als sie . Und auf einmal erfaßte sie ein thörichtes , riesengroßes Verlangen , neben ihm zu sitzen , den Kopf gegen seine Schulter zu legen und unter Thränen zu sagen : „ Ach , wir beide , Heinz , wir beide – was ist aus uns geworden ! “ Aber dann würde er sie ansehen so gleichgültig und kalt und fremd wie am Begräbnistage . Es fror sie plötzlich , die kleine Aenne May , und sie schlich hinunter in die Wohnstube zu Mutter und Geschwistern und saß da mit wehem Kopf und hörte , wie die Brüder es sehr vernünftig fanden , daß Mutter den Doktor als Mieter angenommen hatte . Und in dieser Nacht weinte die alte Frau nicht , zum erstenmal nicht seit dem Tode